Aargau

Vorbote einer hitzigen Debatte

Ringen um Zusatzlektionen in «belasteten» Schulen.

Wer bezahlt?

Ringen um Zusatzlektionen in «belasteten» Schulen.

Was gut gemeint ist, kommt nur mässig an. Der Vorschlag für die vorgezogene Einführung von Zusatzlektionen an Schulen mit Problemklassen stösst nicht nur auf Begeisterung.

Als Antwort auf das Scheitern des Bildungskleeblatts hat der Regierungsrat unter Federführung des neuen Bildungsdirektors Alex Hürzeler ein neues Massnahmenpaket «zur Stärkung der Volksschule» geschnürt. An den Schulstrukturen soll nur so weit gerüttelt werden, dass der Aargau mit den Schulsystemen der anderen Kantone kompatibel bleibt: sechs Jahre Primar- und drei Jahre Oberstufe statt des heutigen 4/5-Modells. Die Einführung flächendeckender Tagesstrukturen für die ausserschulische Betreuung wird im Rahmen der Sozialhilfe-Gesetzgebung neu aufgegleist. Und an die Stelle des Sozialindexes tritt eine abgespeckte Regelung für Zusatzlektionen an sozial belasteten Schulen.

Übergangslösung

Bis die Vorschläge spruchreif sind und umgesetzt werden können, geht es noch ein Weilchen hin, im Auge hat man das Schuljahr 2013/14. In Schulen mit einem sehr hohen Ausländeranteil und/oder vielen Schülern aus schwierigen sozialen Verhältnissen brodelt es aber, hier will man nicht länger auf Unterstützung warten. Daher wurde eine Übergangslösung gezimmert, die eine vorgezogene Einführung von Zusatzlektionen ohne Gesetzesänderung ab Schuljahr 2011/12 erlaubt.

Letzte Woche lief die Vernehmlassungsfrist dazu ab. Die Stellungnahmen geben einen Vorgeschmack auf die nächste grosse Bildungsdebatte und lassen erahnen, dass der Kleeblatt-Scherbenhaufen nicht so einfach zu kitten ist. Grundsätzlich wird die Lösung für die Zusatzlektionen zwar begrüsst, die Liste der vorgebrachten Aber ist hingegen nicht gerade kurz.

Integrativen Unterricht aufgeben

Die SVP nutzt die Gelegenheit zur Stellungnahme für eine Breitseite gegen den integrativen Unterricht. Sie befürwortet zwar grundsätzlich die Einführung von Zusatzlektionen an belasteten Schulen und die vorgeschlagene Umsetzung. Sie knüpft diese Zustimmung allerdings an die Bedingung, das Experiment des integrativen Unterrichts für gescheitert zu erklären. Die Unterrichtung schwächer begabter und «verhaltensgestörter» Kinder stelle die Volksschule vor schwierige Herausforderungen, anerkennt die SVP.

Während früher die Zuteilung in besondere Förder- und Kleinklassen die Regel war, führe der integrative Unterricht aber nicht zu erhofften Einsparungen, sondern mache den Unterricht im Gegenteil teurer und blähe den bürokratischen Apparat auf. Deshalb ist für die SVP klar: Ihr Ja zu den Zusatzlektionen gibt es nur, wenn sie nicht dazu dienen, «das gescheiterte Experiment integrativer Unterricht am Leben zu erhalten und zusätzlich zu alimentieren».

Zu wenige profitieren

Damit ist der Grundstein für eine Debatte gelegt, in der die Differenzen unwesentlich kleiner als ums Kleeblatt sein dürften. Erwartungsgemäss wird die Lage im linken Lager anders beurteilt. Unbedingt braucht es die Zusatzlektionen, findet die SP, erachtet die vorgeschlagene Übergangslösung aber als ungenügend und in ihrer abgeschwächten Form wenig sinnvoll. Gleich tönt es aus der Lehrerschaft. Der Vorschlag der Regierung sei nicht geeignet, den belasteten Schulen eine wirkungsvolle Unterstützung zu bieten, schreibt der Lehrerverband. Es werde eine «Schmalspur-Lösung» angeboten, von der nur wenige profitierten und bei der zu viele auf der Strecke blieben.

Umstrittene Beteiligung

In einer Übergangsphase sollen Zusatzlektionen nur an Schulen mit über 150 Schülern bewilligt werden. Etwa 25 bis 30 Prozent der Gemeinden dürften darauf Anspruch haben. Die Kosten will der Regierungsrat auf jährlich 7 Millionen plafonieren (die definitive Lösung im Massnahmenpaket «Stärkung der Volksschule» rechnet mit 35 Millionen), und die Gemeinden sollen sich zu 35 Prozent daran beteiligen. Namentlich diese Beteiligung der Gemeinden wird von SP und Lehrerverband unisono als «nicht haltbar» beurteilt, würden doch insbesondere auch finanzschwache Gemeinden Zusatzlektionen erhalten.

Die Gewerkschaft VPOD stimmt dem Vorschlag der Regierung zwar «vollumfänglich» zu, betrachtet ihn im Hinblick auf die «prekäre Situation» in den Aargauer Schulen mit chronischer Überlastung der Lehrpersonen aber ebenfalls nur als ersten «Tropfen auf den heissen Stein».

Wirklich ungeteilte Unterstützung für die Übergangslösung mit einem Kredit von 9,1 Millionen für den Kantonsanteil gibt es nur wenig. Sie kommt namentlich von der EVP («Schritt in die richtige Richtung») und von der CVP: das Vorhaben entspreche den Forderungen, die man am runden Tisch mit Bildungsdirektor Hürzeler nach dem Kleeblatt-Debakel gestellt habe.

Verwaltung soll abspecken

Unterstützung signalisieren zwar auch die Freisinnigen, wobei diese allerdings mit dem verdächtigen Zusatz «grundsätzlich» versehen ist. Abgesehen vom Nachweis, dass die für die Zusatzlektionen benötigten Lehrkräfte auch wirklich bereits ab dem Schuljahr 2011/12 zur Verfügung stehen, verlangt die FDP im Einklang mit dem Gewerbeverband etwas, wovon Regierungsrat Alex Hürzeler nicht gerade angetan sein dürfte: die jährlichen Kosten von viereinhalb Millionen seien innerhalb des Apparats des Bildungsdepartements zu kompensieren.

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