Geschichte
Vor 200 Jahren starb Napoleons Grande Armée an der Beresina

Vor genau 200 Jahren überschritt die napoleonische Grande Armée – oder was von ihr noch übrig war – die Beresina. Wie zwei Aargauer Leutnants im November 1812 die Schlacht und den Übergang über die Beresina erlebten.

Mathias Küng
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January Suchodolski malte den Übergang. Eine der Brücken ist gerade kaputt, Kavalleristen queren den eiskalten Fluss. Nationalmuseum Poznan

January Suchodolski malte den Übergang. Eine der Brücken ist gerade kaputt, Kavalleristen queren den eiskalten Fluss. Nationalmuseum Poznan

Vom 26. bis 28. November 1812, vor 200 Jahren, überschritten die Reste der napoleonischen Grande Armée die Beresina, einen Nebenfluss des Njemen, in Weissrussland (siehe Grafik). Im kollektiven Gedächtnis der Schweiz brannte sich dieses Ereignis ein, weil Reste der Schweizer Regimenter in Napoleons Diensten der Grande Armée den Übergang sicherten und dabei fast aufgerieben wurden. Überlebende berichteten darüber, auch Aargauer Offiziere. Bei der Lektüre fühlt man sich an Dantes Inferno erinnert. Wir berufen uns nachstehend auf Berichte der Leutnants Bernhard Isler aus Wohlen und David Zimmerli aus Aarau. Beide machten später Karriere. Zimmerli wurde etwa Aarauer Stadtammann.

David Zimmerli, Leutnant in einem Schweizer Regiment

David Zimmerli, Leutnant in einem Schweizer Regiment

Zur Verfügung gestellt

In den letzten Novembertagen 1812 fluteten rund 50000 halb erfrorene und halb verhungerte Überlebende der einstigen Grande Armée ungeordnet und panisch über zwei Notbrücken auf die andere Flussseite. Bedrängt und angegriffen wurden sie dabei von drei russischen Armeen. Die Fliehenden behinderten sich gegenseitig. Wer stürzte, wurde zu Tode getrampelt oder von der Brücke in den eiskalten Fluss gedrängt.

15 000 blieben zurück

Der Übergang und die Schlacht an der Beresina stehen symbolhaft für das Sterben einer Streitmacht, wie die Welt sie zuvor nie gesehen hatte (siehe Kasten «Der Russland-Feldzug»). Bernhard Isler beschreibt die gespenstische Szenerie so: «Der Übergang war sehr schwierig, indem die Brücken trotz der strengsten Massnahmen, die man gegen die unbewaffnete Menge von Nachzüglern anwendete, dennoch jeden Augenblick aufs Neue gesperrt waren. Sobald der Rest der Division auf dem linken Ufer der Beresina angekommen war, liess Marschall Viktor die beiden Brücken zerstören, während noch ein Teil seiner Artillerie, der nicht mehr fortgeschafft werden konnte, eine Menge Wagen und Bagage und über 15000 Unbewaffnete auf dem linken Ufer der Beresina zurückblieben.» Isler beschreibt, was mit diesen Unglücklichen geschah: «Die Franzosen, welche zurückgeblieben waren, wurden meist durch das russische Kartätschenfeuer niedergeschossen oder in die Beresina gesprengt.» Nach dem Übergang beobachtete Isler, dass sich die Korps vollends auflösten. «Man sah nur noch grosse Haufen unbewaffneter Menschen, welche sich auf der grossen Strasse links und rechts von derselben fortwälzten.»

16000, 8000, 1300, 300 Schweizer

Die Schweiz hatte Napoleon vier Regimenter stellen müssen. Ursprünglich waren 16000 Mann gefordert, schliesslich waren es aber nur etwa 8000 bis 9000. Angesichts der verlustreichen Kriege Napoleons waren diese Dienste, zu denen sich die Schweiz wie andere europäische Länder hatte verpflichten müssen, wenig gefragt. Die Rekrutierungen waren schwierig, wie ein Erlass aus Luzern von 1806 zeigt. Er ermächtigte dazu, «Arbeitsscheue, Verschwender, Raufbolde, Nachtschwärmer und Väter unehelicher Kinder» einzuziehen.

Der Feldzug der Grande Armée von 1812

Der Feldzug der Grande Armée von 1812

AZ

Mitte November waren in Russland von den 8000 Schweizern noch 1300 übrig. Diese kämpften an der Beresina, zeitweise gar ohne Munition. In der Verzweiflung griffen sie die russischen Verbände erfolgreich mit aufgepflanztem Bajonett an. Nach der Schlacht fanden sich noch 300 Schweizer zum Appell, 100 davon verwundet. In der Schweiz galt ihr Kampfgeist als beispielhaft, ein neuer Mythos war geboren.

Am Abend des 29. November stiess das zweite Schweizer Regiment, laut Isler aus noch 25 Mann bestehend, auf eine Scheune, in der sie übernachten wollten. Ein Bataillon der kaiserlichen Garde jagte sie in die Kälte und nahm selbst Quartier. Draussen wärmten sich die Schweizer an Feuern, die plötzlich die Scheune so schnell erfassten, dass viele Gardisten darin verbrannten.

4 von 50 Schützlingen überlebten

Auf der Flucht kam Isler am kaiserlichen Trésor vorbei. Dessen Beschützer händigten gerade jedem Offizier gegen Quittung so viel Louis d`or aus, wie er tragen konnte, damit nicht die Kosaken den Schatz bekommen. Isler hatte aber andere Sorgen: «Hunger und Kälte haben mich weggetrieben.» In Ostpreussen wurden ihm für die Reise nach Magdeburg 50 Verwundete anvertraut, «welchen Finger, Ohren, Nase oder Zehen erfroren waren». Als es keine Fuhrwerke mehr gab, blieben die Fussverletzten, dann die anderen zurück. Mit vier Überlebenden erreichte er die Stadt: «Von den Zurückgebliebenen habe ich nichts mehr vernommen.»

Der Russland-Feldzug

Der französische Kaiser Napoleon überschritt am 24. Juni 1812 mit 610 000 Mann die Grenze zu Russland. Mit seiner Grande Armée wollte er Zar Alexander zwingen, die von ihm verhängte Kontinentalsperre gegen England auch in Russland durchzusetzen und so die französische Hegemonie aufrechterhalten. Mit der Kontinentalsperre sollte England in die Knie gezwungen werden. Die Armee erreichte am 14. September Moskau. Dort wartete Napoleon vergeblich auf Parlamentäre des Zaren. Dafür zündeten die Russen die Stadt an. Am 19. Oktober trat Napoleon mit noch 95 000 Mann den Rückzug an. Dieser mündete bei Temperaturen bis Minus 37 Grad im Dezember in wilde Flucht. Nur 18 000 überlebten. (MKU)

David Zimmerli berichtet von den entscheidenden Tagen an der Beresina beim Warten auf den Kampf von drei Tagen ohne Schlaf. Die Verpflegung war katastrophal. In der morgendlichen Mehlsuppe vermutete er eher Zugaben wie Erde, Moos und Ähnliches. Im folgenden Kampf schmolzen die Regimenter zu Bataillonen. Zimmerli war einer der wenigen Offiziere, die nicht fielen: «Nur der Tschako wurde mir vom Kopf geschossen.» Als nach dem Kampf zur Sammlung getrommelt wurde, «musste ich nach meinen Gliedern fassen, um zu begreifen, dass ich noch lebte, dass ich unversehrt war. Reden konnten wir nicht mehr». Nach einer weiteren Nacht und der Auflösung jeder militärischen Ordnung strömten die Überlebenden der nächsten Stadt Wilna zu (wo Kosaken später Tausende niedermachten) – und weiter nach Deutschland. Nur weg vom Grauen der Grande Armée.