öV-Test

Viermal umsteigen von A nach B – mit dem öV grandios!

Wie ein Sightseeing. Der Autor nach gut zwei Stunden an der Station Vordemwald-Post. (Foto: André Albrecht)

Wie ein Sightseeing. Der Autor nach gut zwei Stunden an der Station Vordemwald-Post. (Foto: André Albrecht)

Der öffentliche Verkehr lasse zu wünschen übrig? Das glaubt ein Teil jener, die an der Umfrage mitwirkten. Wir fuhren eine besonders schwierige Strecke ab. Und hatten danach eigentlich keine Wünsche offen.

Das ist eine Übungsanleitung, die gewiss etwas abstrakt anmutet: Von ganz «rechts oben» im Kanton fahren wir nach «links unten», von Kaiserstuhl nach Vordemwald. Mit dem öffentlichen Verkehr. Diese Strecke pendelt niemand. Aber man kann schon einmal vorneweg festhalten: Wer so pendeln oder reisen will, der kann es hierzulande immerhin tun mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In welchem anderen Land sonst? Wer über hiesige Angebote klagt, hat vielleicht Anlass dazu, muss aber auch wissen: Er klagt auf hohem Niveau.

Daneben ist eigentlich nur Genuss. Natürlich ist Genuss auch hier, wie so oft, eine Frage des «Zeitbudgets». Zwei Stunden und siebzehn Minuten Fahrtzeit kostet es, von Kaiserstuhl nach Vordemwald zu fahren (eine Stunde weniger mit dem Auto). Viermal muss man maximal umsteigen. Das aber sind keine Daten eines Martyriums. Das sind Angaben eines Abenteuers im kleinen Raum. Und wie bei der Zeit gilt auch im Raum das Gesetz: Das Grosse erschliesst sich nur aus dem Kleinen. Man muss sich drum wundern, weshalb man hierzulande lieber klagt, als das unvergleichliche Angebot des öffentlichen Verkehrs wahrzunehmen?

Die zwei blau bemalten Holzhütten am Bahnhof in Kaiserstuhl und das einzige Gleis davor, der Blick ins Grüne von der Sitzbank aus (mit der üblichen Vulgarität besprayt) erinnern ein bisschen an die Great Northwestern Railway. Wo läge der Unterschied? Die schöne Einsamkeit des Landes ist da. Das Lauteste sind die Vögel (darunter auch Donnervögel, die von Kloten), und am Friedhof jenseits des kleinen Platzes spielt sich eine Szene ab wie aus «Spiel mir das Lied vom Tod», mit Szenerie Kaiserstuhl: Eine Witwe spricht mit einem orangeroten Mann, der, im Auftrag des dörflichen Werkdienstes, gleich den Gottesrasen mäht, über den Schattenkreuze huschen (noch einmal die Donnervögel von Kloten).

Der «Thurbo» führt uns in drei Minuten zum Umsteig-Hub Rümikon. Wir lehnen an einem Findling und mustern die Kreaturen, die den Einzelgänger mustern: Gänse, Enten und eine Zwerggeiss. Wo wären wir je mit mehr Atmosphäre an einer Bushaltestelle gestanden? Der Bus, gesteuert von einer Chauffeuse, hat genau eine Passagierin neben uns. Die Chauffeuse weist auf die verschiedenen Grün einer Wiese hin, ehe sie in die Hauptstrasse einbiegt: «Wunderschön!» Solche Dinge fallen einem auf, wo man angeblich jeden Tag das Gleiche tut. Man kann jeden Tag, jedes Pendeln auch jedes Mal als neue Entdeckung nehmen.

Der Automobilist, häufig auf Umfahrungsstrassen gezwungen, kommt als Buskunde in den Genuss von Innerortsansichten, zum Beispiel in Schneisingen-Oberdorf. Auch da ist «nichts los», wie man gemeinhin sagt. Trotzdem wirkt das wie ein Sightseeing. Überdies erinnert man sich an den Ratschlag von «Experten» an Eltern mit Kindern: «Lassen Sie Ihren Kindern jede Zeit und Musse für Umwege, das belebt die Fantasie.» Für Erwachsene gilt das Gleiche. Die Chauffeuse erzählt von ungeahnten Mysterien: «Warum, habe ich neulich gefragt, muss in Baden der ‹Freienwiler› immer zuerst abfahren, vor diesem Kurs? Ich bin relativ neu, darum habe ich gefragt. Niemand wusste eine überzeugende Antwort.»

Von Baden gehts mit den SBB bis Olten. Von da, nach neuerlichem Umsteigen, bis Zofingen. Das Grün ist weg, auch die Einfamilienhaus-Karzinome im Grün. Jetzt dominiert Gewerbebrache. Man sieht nicht mehr viel (auch wegen der Lärmschutzwände), man will auch nicht mehr viel sehen. Im Zug gibts mehr internationale Sprachen als Dialekt. Eine Frau liest ab Blackberry ihrem Chef Börsenkurse vor. Für draussen haben sie keinen Blick. Hier ist Pendeln wichtigtuerisch und tot. Der Satz der Frau ist beinahe schockierend: «Auf diese fünf Minuten kommts jetzt auch nicht mehr an.» Ausgerechnet hier, wo jeder tut, als habe er keine Sekunde übrig. Zufällig setzt sich Ueli Suter zu uns, der Organisator des «Seetaler Poesiesommers», ein eingefleischter Benützer des öV. «Wer weiss / welche Zeit / verloren ist ...», zitiert er einen Teilnehmer des Festivals, Peter Studler.

Beim Umsteigen in Olten sind Rentner wieder in der Minderheit. Nur hier – nicht draussen in Kaiserstuhl, nicht in Vordemwald, in keiner Randregion eines Landes, das für öV-Reisende wie ein Paradies erscheint – würden Rentner einen Spruch auf der Brust tragen wie hier: «Ich bin auch eine Altlast.» Wer sich Zeit nimmt beim öV, kommt nie in die Nähe dieses Gefühls.

Meistgesehen

Artboard 1