Vor 12 Jahren kam erstmals ein Kamerahandy mit integrierter Videofunktion auf den Markt. Seither hat das Filmen und Filmeschauen breit Eingang in den Alltag der Jugendlichen gefunden. Und ebenso lange wird vor dem schädlichen Einfluss gewarnt. Dass die Handyfilme mehr darstellen als Sex and Crime, wie die Erwachsenen oft zu Unrecht vermuten, das will die Wanderausstellung zeigen, die gestern im Stadtmuseum Aarau eröffnet worden ist.

Die Ausstellung beruht auf einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule für Künste, deren wissenschaftliche Ergebnisse bis Ende Januar 2016 auf anschauliche Weise im Foyer des Stadtmuseums präsentiert werden.

Wespe im Glas, Fuchs im Park und eine Fahrt mit dem Bus – was Jugendliche so filmen.

Wespe im Glas, Fuchs im Park und eine Fahrt mit dem Bus – was Jugendliche so filmen.

«Das Filmen mit dem Handy spielt eine grosse Rolle in der Pflege von sozialen Beziehungen», sagt Christian Ritter vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich. Vielfach gehe es nur darum, einen speziellen Moment und eine tolle Atmosphäre festzuhalten und den anderen zu zeigen: Schaut, ich war dabei!

Dass Jugendliche brutale Übergriffe mit ihren Handys filmen würden, wie dies 2005 geschah, als im Bahnhof Winterthur ein Velofahrer zusammengeschlagen und gefilmt worden war, seien Einzelfälle, erklärt Ritter, auch wenn immer wieder, vorab in der Boulevardpresse, solche Vorfälle für Schlagzeilen sorgten.

Aus dem ganz normalen Alltag

Diese Nachrichten stigmatisierten nicht nur das Medium «Handyfilme», sondern alle mit dem Filmen verbundenen Themen und Handlungen, also das ganze Spektrum des jugendlichen Alltags. «Als Kulturwissenschafter hat uns aber nicht der Skandal interessiert, sondern der alltägliche Umgang mit dem neuen Medium», erklärt Christian Ritter.

Mit den meist unspektakulären Filmen aus ihrem Alltag sichern sich die Jugendlichen die soziale Anerkennung ihrer Gruppe. Christian Ritter: «Das gemeinsame Herstellen und das gemeinsame Anschauen der Filme schweisst zusammen. Die Handy-Filme sind ein kreatives Mittel der Selbst-Ermächtigung und der Selbstkontrolle.» Anders als oft angenommen, würden die Filme kaum über Social-Media wie Facebook oder auf Video-Sharing-Plattformen geladen.

Die Ausstellung eignet sich für Schulklassen und Jugendliche der Sekundarstufe. Aber auch Eltern und Lehrer sowie Vertreter aus der Jugendarbeit und der Sozialpädagogik, die mit diesem Phänomen zu tun haben, sollen mit der Ausstellung Zugang zu den Ergebnissen der wissenschaftlichen Arbeit finden. Die Ausstellung kam von Bern nach Aarau und geht im März 2016 weiter nach Zürich, Basel, Luzern und andere Städte. An jedem Standort werden zusammen mit regionalen Partnern aus der Jugendförderung ein Begleitprogramm, Weiterbildung für Fachleute sowie Handy-Workshops für Jugendliche angeboten. In Aarau findet eine Weiterbildung für Fachpersonen aus Schule und Jugendförderung am 11. Dezember sowie ein Handyfilm-Workshop für Jugendliche am 12. Dezember statt. Für beide Veranstaltungen sind Anmeldungen noch möglich. Infos dazu finden sich auf der Website handyfilme.ch.

«Im Leitbild des neuen Stadtmuseums ist die Vermittlung von Alltagskultur ein wichtiger Bestandteil», sagt Kurator Marc Griesshammer, «dafür eignen sich Film und Foto besonders gut.» Aufgrund der hervorragenden Sammlungsbestände bilden Foto und Film einen thematischen Schwerpunkt des Stadtmuseums. «Die Handyfilm-Ausstellung passt sowohl in Bezug auf das Leitbild als auch auf unsere Sammlungen bestens ins Stadtmuseum», sagt Griesshammer (siehe Textbox).