Bözbergtunnel
Verkehrsplaner schlägt Umfahrung statt neuen Bözbergtunnel vor

Der Verkehrsplaner Paul Stopper hinterfragt die Pläne der Aargauer Regierung und des Bundesrats für einen Neubau des Bözbergtunnels. Er bezweifelt, dass es sich dabei um die wirtschaftlichste und sinnvollste Route handelt.

Mathias Küng
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Die Spitzkehre von Turgi, nach links gehts Richtung Brugg, nach oben Richtung Koblenz.

Die Spitzkehre von Turgi, nach links gehts Richtung Brugg, nach oben Richtung Koblenz.

Christoph Voellmy

Die Aargauer Regierung unterstützt den vom Bundesrat vorgeschlagenen Neubau des Bözbergtunnels (vgl. Kästchen). Wir haben in der Silvesterausgabe darüber berichtet. Jetzt hinterfragt der bekannte Verkehrsplaner Paul Stopper aus Uster in einer Stellungnahme auch zuhanden des Bundesamts für Verkehr (BAV), ob dies die wirtschaftlichste und sinnvollste Route sei. Er verweist auf die dem Rhein entlang führende Strecke via Laufenburg-Koblenz- Turgi. Da gäbe es, anders als am Bözberg, praktisch keine Höhendifferenz. Zwar müsste man in Koblenz und Turgi eine Spitzkehre überwinden, seines Erachtens könnte man aber «mit relativ geringem Aufwand oberirdische Verbindungsschleifen erstellen».

Umfahrung käme auf 350 Mio.

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) weist Stoppers Umfahrungsvorschlag zurück. Diesen und eine Umfahrung via Hauenstein habe man wegen der Kosten des neuen Bözbergtunnels (361 Mio. Franken) ebenfalls geprüft. Laut Mediensprecherin Florence Pictet wären via Koblenz-Turgi nur wenige Trassen (Züge) pro Stunde möglich. Auch gingen nur Züge bis 450 Meter Länge, weil das Gleis in Koblenz nur so lange ist. Man müsste also die Züge halbieren oder das Gleis verlängern. Diese Variante würde die langfristig geplante Angebotsverdichtung zum Viertelstundentakt im Personenverkehr verunmöglichen, hält der Bundesrat in seinem Bericht zusätzlich fest. Zudem handelt es sich hier heute um eine Einspurstrecke mit wenig und zu kurzen Kreuzungsmöglichkeiten, so Hans Ruedi Rihs, Sektionsleiter öffentlicher Verkehr im Aargauer Baudepartement. Zwischen Laufenburg und Koblenz hat der Oberbau zudem eine mangelhafte Tragfähigkeit. Nebst den beiden Spitzkehren wären Profil- und Lärmsanierungsmassnahmen nötig. Nach groben SBB-Schätzungen käme diese Umfahrung auf rund 350 Millionen Franken. Und das Verlagerungspotenzial wäre «deutlich eingeschränkt». Hans Ruedi Rihs erinnert daran, dass der Aargau derzeit im unteren Aaretal für den Personenverkehr ausbaut. Gegen die Umfahrung Koblenz-Turgi spreche auch, dass der Güterverkehr damit einen Umweg nähme, was zu längerer Fahrzeit führe. Aus all diesen Gründen lehnt laut Rihs auch der Aargau diese Lösung ab. Gerade wegen der Lärmbelastung ist der Kanton an einer möglichst kurzen Strecke interessiert.

4-Meter-Korridor bis 2020

Der Bundesrat hat eine Vorlage in Vernehmlassung gegeben, um die Verlagerungspolitik zu stärken. Er will bis 2020 auf der Linie Basel- Gotthard-Chiasso sowie auf der Luino-Linie den Transport von Lastwagen-Sattelaufliegern mit vier Meter Eckhöhe ermöglichen. Die Ausbauten kosten rund 940 Millionen Franken. Darunter sind der 361 Millionen teure Neubau des Bözbergtunnels und die Ausweitung des Villnacherntunnels. Wenn der Korridor steht, können durchgängig Personen-Doppelstockzüge fahren. Bezahlt werden soll via Bahninfrastrukturfonds. (AZ)

Via Hauenstein: Kapazität sinkt

Eine andere Umfahrung, nämlich die Führung mit ein bis zwei hochprofiligen Zügen pro Stunde via Hauenstein statt Bözberg, wäre erst möglich, so der Bundesrat, wenn die Linie Olten-Aarau 2022 vierspurig ist. Zudem gingen dabei beim Güterverkehr 50 Prozent der Zugskapazität zwischen Olten und Rangierbahnhof Limmattal verloren. Darauf pocht auch Hans Ruedi Rihs. Er fürchtet, dass damit aufgrund sinkender Schienenkapazität sogar Verkehr auf die Strasse rückverlagert würde. Zumal der Engpass im Bahnhof Aarau bleibe. Schon heute müssen in Aarau immer wieder Züge warten. Rihs: «Auch die Hauenstein-Umfahrung ist keine Alternative.» Der Kanton bevorzugt eine Streckenführung, die möglichst wenig mit dem Personenverkehr in Konflikt steht. Am Bözberg sei dies am ehesten der Fall, so Rihs.

Wisenberg- statt Bözbergtunnel?

Noch etwas anderes schlägt ein Komitee «Bahn 2000 plus» vor, dem prominente Verkehrsspezialisten angehören, etwa Jürg Perrelet, ehemaliger stellvertretender Sektionschef Bahn 2000 BAV, oder der frühere BLS-Direktor Martin Josi. Statt des ihres Erachtens unnötigen Bözbergtunnels fordert das Komitee als zusätzlichen Juradurchstich den Wisenbergtunnel als Zufahrt zum Gotthard und zum Lötschberg, zu dem das Volk 1987 Ja gesagt hat. Für das BAV ist dies mit Blick auf 2020 aber auch keine Variante. Der Wisenberg wäre nicht rechtzeitig fertig. Zudem käme er laut Florence Pictet auf gegen 5 Milliarden Franken. Aus heutiger Sicht sei er nicht nötig, um die Kapazitäten in der Region zu gewährleisten. Das BAV stuft den Wisenberg punkto Dringlichkeit nach 2040 ein. «Dass ein neuer Juradurchstich kommen muss, ist klar», sagt dazu Hans Ruedi Rihs. Er spricht von spätestens 2040. Ein neuer Juradurchstich sei dringlich, vordringlich sei aber auch der 4-Spur-Ausbau Rupperswil-Zürich Altstetten.