Waren sie nun verheiratet oder nicht? Unbestreitbar ist, dass eine gültige kirchliche Urkunde die Heirat des Opfers mit dem 39-jährigen Mann belegt. Die Frau, eine Iranerin, hat einen Sohn aus einer anderen Beziehung. Gesetzlich eingetragen ist die Ehe jedoch nicht. Auch nicht im Iran, wo die beiden zusammengekommen sind.

Dies ist bezeichnend für die von Gewalt begleitete On-Off-Beziehung, die die beiden Asylbewerber aus dem Iran miteinander geführt haben. Die Liste der Vergehen, die dem seit 22. November 2012 in Untersuchungshaft sitzenden Mann vorgeworfen werden, ist lang: Mehrfache Vergewaltigung, versuchte schwere Körperverletzung, Gefährdung des Lebens, Sachbeschädigung, mehrfache Nötigung, mehrfache Drohung, Hausfriedensbruch.

Konflikt hatte sich zugespitzt

Der kräftig gebaute Iraner sitzt allein vor Gericht. Die Klägerin ist nicht erschienen. Am 17. November 2012 hat der Beschuldigte morgens um 3.30 Uhr die kantonale Asylbewerberunterkunft in Strengelbach aufgesucht, obwohl ihm dies per 12. November vom Kantonalen Sozialdienst untersagt worden war. Mit gutem Grund: Der Konflikt zwischen dem Opfer und dem Mann hatte sich in den Tagen zuvor derart zugespitzt, dass es die Frau mit der Angst zu tun bekommen hatte.

Sie war mit ihrem Sohn schon 2010 in die Schweiz geflohen. Der Beschuldigte war im Oktober 2012 nachgekommen. Nur zu Beginn ging es zwischen den beiden einigermassen gut.

Drohungen mit einem Messer

In dieser Nacht vom 17. November suchte der Iraner laut Anklage das Asylbewerberzentrum in Strengelbach auf, nahm eine Leiter und stieg zum Badezimmer hoch. Mit einem Messer versuchte er, die Silikonabdichtung des Fensters zu durchschneiden. Dabei ging das Glas in die Brüche und der Angeklagte stieg ins Haus ein. Vom Lärm aus dem Schlaf gerissen, versuchte die in Panik geratene Frau die Wohnung zu verlassen.

Doch es gelang ihr nicht rechtzeitig, die Stühle zu entfernen, mit der sie die Tür verbarrikadiert hatte. In der Folge, so hält es die Anklage fest, bemächtigte sich der Mann der Frau, würgte sie und hielt ihr ein Messer an die Kehle. Mit einer unvermittelten Bewegung fügte er dem Opfer eine zwei Zentimeter lange Wunde zu.

Wiederholt soll er die Frau dazu angehalten haben, sich ruhig zu verhalten, ansonsten würde er sie umbringen. Er schlug die Frau und befahl ihr, ins Schlafzimmer zu gehen, wo er sie erneut mit dem Tode bedrohte. Unter anderem fügte er der Frau auch eine Schnittwunde am Brustkorb zu.

In der Folge verliess er mit dem 12-jährigen Sohn des Opfers die Wohnung, verriegelte die Tür und entfernte die Leiter. Später kehrte er zurück und suchte die Frau, die sich inzwischen hingelegt hatte, erneut auf. Er zog sie aus und zwang sie, trotz wiederholter Gegenwehr, zum Geschlechtsverkehr.

Widersprüchliche Aussagen

Gerichtspräsidentin Kathrin Jacober befragt den Angeklagten eingehend zu dessen Rollenverständnis von Mann und Frau und bezieht sich dabei auf die protokollierte Aussage des Opfers, dass arabische Männer sich nicht dafür interessierten, ob die Frauen zum Geschlechtsverkehr gewillt seien oder nicht.

Der Angeklagte betont, dass seine Partnerin im Iran habe tun und lassen können, was sie wollte. «Ich liebte meine Frau und wollte sie nicht kontrollieren.»

Was der Angeklagte in der Folge aussagt, steht teils in starkem Widerspruch zu den Voruntersuchungen und lässt auf Eifersucht schliessen. So macht er geltend, dass seine Frau mit dem Heimleiter zusammengespannt habe, spricht gar von einer Affäre.

Die beiden hätten ihn weghaben wollen. So habe er ein Dokument unterschreiben müssen, dessen Inhalt ihm nicht erläutert worden sei. Dieses habe dazu geführt, dass er in ein anderes Asylbewerberzentrum übergeführt worden sei.

Acht Jahre Gefängnis gefordert

Die Gerichtspräsidentin weist den Angeklagten darauf hin, dass er wegen des Drohungsvorfalls und auf ausdrücklichen Wunsch der Frau habe weggewiesen werden müssen.

Der Angeklagte meint, das sei ihm nicht klar gewesen. Deswegen habe er an besagtem 17. November das Gespräch gesucht. Eine andere Möglichkeit habe er nicht gesehen, als ins Haus einzudringen.

Bestimmt sei es zu einem Handgemenge gekommen, doch schliesslich hätte er sich im Anschluss mit seiner Frau versöhnt. Den Geschlechtsverkehr hätten sie beide im gegenseitigen Einverständnis vollzogen.

Der Staatsanwalt glaubt diesen Aussagen nicht. Aufgrund der Befragungen handle es sich um eine klassische On-Off-Beziehung mit Gewaltausbrüchen und zwischenzeitlichen Versöhnungen. Er weist auf die Widersprüche der Aussagen in der Beweisaufnahme wie auch bei der Befragung vor Gericht hin.

Statt der versuchten schweren Körperverletzung plädiert er gar auf eine versuchte Tötung. Mit dem Messer am Hals habe der Angeklagte riskiert, dass sein Opfer lebensgefährlich verletzt werde. Sein Antrag lautet auf acht Jahre Gefängnis.

Die Anwältin des Opfers verlangt 35 000 Franken Genugtuung für alles Erlittene. Die Verteidigung fordert sechs Monate für den vom Angeklagten zugegebenen Hausfriedensbruch wie auch für die Sachbeschädigung. Von allen anderen Punkten sei er freizusprechen, die Aussagen von Opfer und Zeugen seien widersprüchlich und daher nicht beweisführend.

10 000 Franken Genugtuung

Das Gericht spricht das Urteil erst am Folgetag. Es folgt mehrheitlich dem Staatsanwalt, sieht aber die versuchte Tötung nicht als erwiesen an. Wegen versuchter schwerer Körperverletzung, Vergewaltigung und Hausfriedensbruchs verurteilt es den Angeklagten zu fünf Jahren unbedingter Freiheitsstrafe. Dazu muss er dem Opfer eine Genugtuung über 10 000 Franken entrichten.