Haben Sie je daran gedacht, die Aargauer Regierung könnte den Verzicht auf neue Kernkraftwerke befürworten?

Urs Hofmann: Vor Fukushima nicht, seither ist die Diskussion auch in der Regierung so gelaufen, dass es nicht ein überraschender, sondern ein wohldiskutierter Entscheid ist. Dabei geht es um wirtschaftliche Überlegungen und um Fragen der Versorgungssicherheit, nicht um die Glaubensfrage, ob Kernkraftwerke gut oder schlecht sind.

Wird der Entscheid von allen Regierungsräten mitgetragen?

Es ist ein Beschluss der Gesamtregierung. Über interne Stimmenverhältnisse geben wir keine Auskunft.

Warum kommt die Regierung erst jetzt, das hätte sie schon nach dem Bundesratsentscheid sagen können?

Dieser fiel am 25. Mai. Die Regierung hat an zwei Sitzungen die Zukunft der Kernenergie intensiv diskutiert. Das ist keine ungehörig lange Zeit für einen so wichtigen Entscheid. Es war notwendig, sich fundiert mit den bundesrätlichen Argumenten zu befassen.

Gab es eine Absprache mit Solothurn oder mit dem Axpo-Kanton Zürich?

Wir fragen nicht die Zürcher, was wir im Aargau tun sollten. Statt eines jahrelangen Werweissens braucht es jetzt eine klare Richtungsvorgabe. Damit auch die Investoren Klarheit haben, woran sie in Zukunft sind.

Wer sagt es der Axpo, die den Schalter noch nicht gedreht hat?

Unser Vertreter im Axpo-Verwaltungsrat ist Energiedirektor Peter C. Beyeler, er vertritt dort selbstverständlich die Meinung der Aargauer Regierung. Auch die Axpo wird den Entscheid der Politik und wichtiger Aktionäre übernehmen und die Investitionen entsprechend ausrichten.

Glauben Sie an eine Mehrheit im Parlament, SVP und FDP haben heftigen Widerstand angekündigt?

Die Energiezukunft wird nicht im Aargauer Parlament entschieden. Wir haben uns zur bundesrätlichen Strategie geäussert und gehen davon aus, mit unseren Argumenten auch den Grossen Rat zu überzeugen.

Warum Landammann Urs Hofmann jetzt auch privat Sonne tanken darf

Warum Landammann Urs Hofmann jetzt auch privat Sonne tanken darf

Ist der Ausstieg volkswirtschaftlich verantwortbar, 3000 bis 5000 Arbeitsplätze gehen verloren?

Vom plötzlichen Verlust von 3000 bis 5000 Arbeitsplätzen kann keine Rede sein. Wir wollen ja die bestehenden Kernkraftwerke weiterlaufen lassen, solange dies sicherheitsmässig verantwortbar ist. So haben wir und die betroffene Region hinreichend Zeit, uns auf die neue Situation einzustellen, zumal auch noch während der Stilllegung und des Rückbaus zahlreiche Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Haben Sie als Ersatz für Beznau konkrete Pläne für den Aufbau einer Solarindustrie?

Mit der Strategie Hightech Aargau, die wir vor den Sommerferien in die Anhörung geben werden, wollen wir alles daransetzen, dass der Aargau auch bei den erneuerbaren Energien und in der Elektrotechnologie – in Forschung, Entwicklung und Produktion – möglichst gut positioniert ist. Die überall gesuchten guten Fachkräfte sollen im Aargau arbeiten können.

Eine Politik mit Ansiedlungen und Abgabe von Gratisland?

Ansiedlungspolitik ja, aber Gratisland braucht es nicht. Rentable Firmen können das Land auch bezahlen.

Damit können Sie den personellen und finanziellen Aderlass kompensieren?

Ja, wenn die Strategie der Regierung umgesetzt wird. Bei einem sofortigen oder kurzfristigen Ausstieg wäre das ein grösseres Problem.

Ihre Partei will sofort aussteigen!

Meine Partei will noch vieles anders als der Aargauer Regierungsrat! Die Aargauer Regierung ist davon überzeugt, dass sie den richtigen Weg für die Zukunft der Schweiz und auch des Aargaus eingeschlagen hat.

Der Aargau und andere Axpo-Kantone haben bis 77 Prozent Atomstrom. Wer liefert den neuen Strom?

Der Aargau produziert vor allem auch viel Wasserkraft. Der aargauische Stromverbrauch wird mengenmässig zu rund zwei Dritteln aus Wasserkraft gedeckt. Für den Zeitraum bis 2035 sollte es möglich sein, einen namhaften Anteil des Stroms aus Kernkraftwerken durch Effizienzverbesserungen und erneuerbare Energien zu ersetzen. Mit dem Masterplan muss der Bundesrat jetzt aufzeigen, welche Massnahmen konkret notwendig sind. Der Energie-Trialog Schweiz unter der Leitung von Regierungsrat Peter C. Beyeler hat hier wertvolle Vorarbeit geleistet. Wenn Effizienz und Erneuerbare für die sichere Stromversorgung des Landes nicht ausreichen, stellt sich die Frage nach Alternativen für eine Übergangszeit.

Bedeutet das neben Import auch grosse Gaskraftwerke in der Beznau?

Die weiteren Abklärungen werden zeigen, ob solche Grosskraftwerke in einer Übergangszeit zur Sicherstellung der Stromversorgung notwendig sind. Dies hängt auch mit dem Fahrplan der Stilllegung zusammen.

Will der Kanton auf jedes öffentliche Gebäude eine Solaranlage bauen?

Bei den zwei grösseren Sanierungsvorhaben, im Strassenverkehrsamt und der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, ist das vorgesehen. Der Kanton ist daran, bis Ende Jahr ein Konzept für weitere Photovoltaik-Anlagen auf kantonseigenen Bauten zu erarbeiten.

Sehen Sie neben den Nachteilen auch grosse Chancen für den Kanton?

Ja. Der Kanton Aargau ist mit seinen Unternehmen im Bereich der Elektrotechnik und den Forschungsanlagen, vorab dem Paul-Scherrer-Institut, bestens aufgestellt. Wenn wir die sich bietenden Chancen aktiv nutzen, können wir wirtschaftlich von der neuen Ausrichtung der Energieversorgung profitieren. Falsch wäre es, einfach die Hände in den Schoss zu legen und auf ein neues KKW zu hoffen.

Laut Axpo steigen die Strompreise um das 2,5-Fache, wie sehen Sie das?

Mit teureren Stromkosten rechne auch ich. Allerdings wäre das auch bei neuen Kernkraftwerken der Fall. Die Milliarden-Investitionen in neue KKW bergen erhebliche Risiken. Das war auch eine zentrale Überlegung, die zum regierungsrätlichen Entscheid geführt hat.

Ist das Klumpenrisiko zu gross?

Die Gefahr von Stranded Investments ist bei neuen Kernkraftwerken reell. Der Aargau ginge ein enormes Klumpenrisiko ein, das je nach Entwicklung schwerer zu bewältigen wäre als der Verzicht auf neue Kernkraftwerke. Unser Kanton wäre mit seinen total 28 Prozent Axpo-Beteiligung direkt betroffen.

Haben Sie privat eine Solaranlage?

Wir haben seit einigen Jahren Kollektoren für das Warmwasser und planen jetzt auch die Realisierung einer Photovoltaikanlage.