Unwetter
Nach Behördenbrief zu Dachreparaturen nach Unwettern gehen Bauern an die Decke

Wenn man in einer Baute ausserhalb der Bauzone nach Unwettern mehr als 10 oder 20 Ziegel ersetzen muss, braucht dies eine Baubewilligung. Daran erinnert der Kanton in einem Schreiben an die Gemeinden. Das sei weltfremde Schikane, empören sich die Bauern. Der Kanton seinerseits sichert zu, unbürokratisch zu entscheiden.

Mathias Küng
Merken
Drucken
Teilen
In so einem Fall braucht es für den Ersatz bei einer Baute ausserhalb der Bauzone eine Baubewilligung mit kantonaler Zustimmung.

In so einem Fall braucht es für den Ersatz bei einer Baute ausserhalb der Bauzone eine Baubewilligung mit kantonaler Zustimmung.

Gian Ehrenzeller

Nach den jüngsten Unwetterschäden an Gebäuden verschickte Felicitas Siebert, Leiterin der Abteilung für Baubewilligungen im kantonalen Baudepartement, allen Gemeinden einen Brief (der der Redaktion vorliegt), der sich auf Vorhaben ausserhalb der Bauzone bezieht.

Siebert schreibt, einzelne defekte Dachziegel können unter dem Titel des Unterhalts ohne Bewilligung ersetzt werden. Ein Ersatz, der über einzelne Ziegel hinausgeht, mit gleichem Material und gleicher Erscheinung (keine zusätzliche Dämmung, keine Nutzungssteigerung) sei möglich, bedürfe aber einer Baubewilligung mit kantonaler Zustimmung. Die zuständige Abteilung erteile diese beschleunigt, wie es im Brief weiter heisst.

Ein Ersatz mit anderem Material müsse ebenfalls in einem Baugesuchsverfahren geprüft werden und bedürfe einer umfassenderen Abklärung als «reine Reparaturen». Provisorische Massnahmen zur Vermeidung weiterer Schäden (Abdecken mit Planen etc.) seien möglich. Der Brief schliesst mit der Aufforderung: «Bitte kontaktieren Sie im Einzelfall die jeweils zuständigen Mitarbeitenden der Abteilung für Baubewilligungen.»

Empört über Brief aus Aarau: Bauernpräsident Christoph Hagenbuch.

Empört über Brief aus Aarau: Bauernpräsident Christoph Hagenbuch.

Patrick Schellenberg

Bauernverband: das ist weltfremde Schikane

Dieser Brief kam den Verantwortlichen des Bauernverbands Aargau (BVA) total in den falschen Hals. Seit Wochen wüten schwere Unwetter in der Schweiz und auch im Aargau, hält Bauernverbandspräsident Christoph Hagenbuch in einem geharnischten Communiqué fest. Durch die Unwetter seien neben den landwirtschaftlichen Kulturen auch viele Bauten in der Landwirtschaftszone stark beschädigt worden.

Hagenbuch: «Dächer wurden vom Hagel durchlöchert oder vom Wind abgedeckt. Die darunter liegenden Heuvorräte werden nass oder mit Ziegel oder Eternitstücken übersät und damit teilweise unbrauchbar.» Es sei offensichtlich, dass in solch einer ohnehin psychisch und finanziell belastenden Situation jeder Betroffene möglichst schnell sein Dach reparieren und so weiteren Schaden an den Futtervorräten und Folgeschäden an den Gebäuden abwenden will.

Bauernverband: Das ist weltfremde Schikane

Man nehme mit grossem Erstaunen vom Brief aus Aarau Kenntnis. Dass ausserhalb der Bauzone – und davon seien die meisten Landwirtschaftsbetriebe betroffen – ein Baugesuch eingereicht werden muss, wenn aufgrund der Unwetterschäden mehr als ein paar einzelne Ziegel ersetzt werden müssen, sei «Schikane in Reinkultur»! Der BVA ist überzeugt, dass die Gemeinden bürgernah und verhältnismässig handeln werden, schreibt Hagenbuch weiter.

Sie seien sich der aussergewöhnlichen Situation nämlich bewusst «und werden den vom Unwetter betroffenen Gebäudeeigentümer nicht noch mit bürokratischen Schikanen zusätzliche Steine in den Weg legen, sondern die Betroffenen nach Möglichkeit in der schnellstmöglichen Sicherung der noch verbleibenden Futtervorräte und der Reparatur der betroffenen Gebäude unterstützen».

Vom Vorgehen der Abteilung für Baubewilligung sei man enttäuscht. Der BVA hoffe, «dass das praxisferne und bürgerfeindliche Schreiben vom Kanton zurückgezogen und entsprechend korrigiert wird». Künftig werde eine der jeweiligen Situation angepasste Vorgehensweise erwartet, die «nicht nur stures Beamtentum zu Tage fördert».

Kanton: Wir werden ganz unbürokratisch entscheiden

Felicitas Siebert antwortet darauf, wenn ein Bauer bei einem Dach unwetterbedingt zehn oder 20 gleiche Ziegel ersetzen müsse, sei das kein Problem: «Das kann er im Rahmen des Unterhalts/der Reparatur einfach machen.» Den Brief habe man nach Rückfragen von Gemeinden verfasst. Da sei etwa gefragt worden, was man antworten soll, wenn jemand bei dieser Gelegenheit ein Eternit- durch ein Ziegeldach ersetzen oder an Stelle eines lädierten, maroden Schopfs grad einen neuen bauen wolle.

Kanton: Gesetz schreibt in solchen Fällen Baugesuch vor

Mit dem Brief habe man Klarheit schaffen und Hilfestellung geben wollen, sagt Siebert: «Das Baugesetz, welches ausserhalb der Bauzone das bundesrechtliche Raumplanungsgesetz präzisiert, schreibt bei Bauten ausserhalb der Bauzone in Fällen, in denen es über den Ersatz einiger Ziegel hinausgeht, ein Baugesuch vor. Wir werden aber ganz unbürokratisch entscheiden.» Man verlange nicht, deswegen mit der Reparatur zuzuwarten und es gar reinregnen zu lassen: «Es reicht, wenn uns jemand ein Bild der Situation schickt, das auch zeigt, welche Schäden beseitigt werden sollen, und sagt, was er machen will. Dann können wir innert Stunden entscheiden», verspricht Siebert.

Siebert: Wir müssen schon im Einzelfall abklären

Aber warum entscheidet man nicht grad schon am Telefon? Man müsse schon im Einzelfall abklären, um welches Gebäude es sich handelt, ob beziehungsweise was für eine Baubewilligung dafür besteht, sagt Siebert. Die Landwirtschaftsbauten seien zwar in der Regel zonenkonform, es gebe aber auch immer wieder mal Fälle von unbewilligten Bauten. Von der bundesrechtlichen Gesetzgebung seien sodann nicht nur Bauern betroffen, sondern alle Eigentümer von Bauten und Anlagen ausserhalb der Bauzone.