Mietwagen

Und plötzlich fehlt vom Mietwagen jede Spur

Wenn vom Auto nicht mehr als der Ersatzschlüssel übrig bleibt.

Wenn vom Auto nicht mehr als der Ersatzschlüssel übrig bleibt.

Bei Geld hört der Spass auf – auch bei Garagisten. Betreibungen liegen an der Tagesordnung. Besonders dreist: Es gibt Kunden, die lassen nicht bloss die Rechnung verschwinden, sondern gleich das ganze Auto.

Mal werden Mietwagen verhökert, um Schulden abzubezahlen, mal werden Autos nach der Probefahrt ausser Landes geschafft. Der Aargauer Garagist Heinz Furrer (Name geändert) kann von solchen Mietwagen-Geschichten ein Liedchen singen. Vor ein paar Jahren verschwand ein Opel Corsa: Ein Kunde hatte ihn übers Wochenende gemietet und den 20000 Franken teuren Wagen zu einem Spottpreis verscherbelt – um Spielschulden zu begleichen.

Und letzte Woche hat Furrer eine Mitteilung von der französischen Polizei erhalten: Ein weiterer vermisster Vorführ-Wagen, ein Opel Astra, ist aufgetaucht.

Der Wagen kommt nicht zurück

Furrers Räubergeschichten sind Geschichten, die harmlos beginnen: Der Kunde interessiert sich für ein Auto, der Garagist erhofft sich ein Geschäft. So auch im Falle des eben aufgefundenen Astras: Ende August interessiert sich Z. (Name der Redaktion bekannt) für das neuste Vorführ-Modell und will den Wagen (Neuwert 33000 Franken) übers Wochenende Probe fahren. Furrer ist einverstanden; die beiden vereinbaren, dass Z. den Wagen am Montagmorgen zurückbringt.

Am Montag fehlt vom Astra jede Spur. Z. meldet sich telefonisch: Ihm gefalle das Auto so gut, dass er sich überlege, ihn zu kaufen. Bis dahin wolle er den Astra mieten. Am 31. August unterzeichnet Z. einen Vertrag; er mietet den Wagen für 840 Franken pro Monat, zahlbar im Voraus. Z. verspricht, eine Kaution von 2000 Franken zu hinterlegen.

Die Oktober-Rate bleibt aus, ebenso bleibt Z. die Kaution schuldig. Z. reagiert nicht auf Mahnungen, Furrer kündigt den Mietvertrag. Wieder keine Reaktion. Anfang November meldet sich Z.: Er sei überfallen und der Autoschlüssel gestohlen worden.

Der Sache nachgehen

Furrer verlangt, dass Z. Anzeige erstattet. Z. wiegelt ab, er wisse höchstwahrscheinlich, wo sich das Fahrzeug befände: in Frankreich, genauer in Saint-Louis. Er werde der Sache nachgehen. Furrer meldet den Wagen bei der Versicherung als gestohlen. Die winkt ab: Es handle sich nicht um Diebstahl, sondern um Veruntreuung, weil Furrer Z. den Wagen «anvertraut» und Z. ihn nicht «weggenommen» habe. Veruntreuungsschäden sind nicht versichert. Will heissen: Auch wenn der Astra weg ist, erhält Furrer keinen Rappen Entschädigung.

Um Furrer bei Launezu halten, überweist Z. immer wieder kleinere Geldbeträge und beteuert, den Wagen demnächst zurückzubringen. Ende Dezember hat Furrer genug und zeigt Z. wegen  Veruntreuung bei der Polizei an. Der Astra wird zur Fahndung ausgeschrieben. Furrers einzige Sicherheit: Im Fahrzeugausweis des Astras ist der Code 178 eingetragen, «Halterwechsel verboten» (siehe Box). So kann Z. den Wagen nicht mehr einlösen, ohne aufzufliegen. Letzte Woche dann kommt die Mitteilung aus Colmar, Frankreich: Der Astra ist sichergestellt worden.

Viel Papierkram

Furrer blättert in einem Bundesordner; viel Papier wurde im neusten Fall, dem «Fall Z.» schon verbraucht – und Nerven. Furrer ist ernüchtert; er hat sich in einer Person getäuscht. Und das, obwohl er Z. kannte. «Er war mehrmals hier und hat Autos zur Reparatur gebracht. Dass er so etwas macht, hätte ich niemals erwartet.» Unter welchen Umständen Furrer künftig Autos für eine Probefahrt frei gibt, ist unklar. Und doch ist und bleibt er Geschäftsmann. «Wenn ich ein Geschäft abschliessen will, muss ich ein gewisses Risiko eingehen und dem Kunden beispielsweise den Wagen für eine Probefahrt überlassen. Ich kann nicht jeden Kunden des Missbrauchs verdächtigen.» Aber er werde sich künftig ganz genau überlegen, wem er sein Eigentum anvertraue.

Furrer hatte den Astra bereits abgeschrieben. Doch darüber, dass das Auto wieder aufgetaucht ist, kann Furrer sich nicht recht freuen. Den Wagen musste er diese Woche selber abholen: Mit einem Mitarbeiter ist er nach Frankreich gefahren, um den Astra zu holen. Einen Tag hat er dafür gebraucht – kostbare Zeit, die ihm keiner ersetzt.

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