Wochenkommentar
Und am siebten Tag kannst Du shoppen- oder doch nicht?

Normalerweise wehrt sich eine Gemeinde, wenn ihr Dorfladen geschlossen wird. In Eiken ist es derzeit gerade umgekehrt: Die Fricktaler Gemeinde wehrt sich gegen längere Öffnungszeiten ihrer Volg-Filiale.

Christian Dorer
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Das Bedürnis nach flexiblen Einkaufsmöglchkeiten steht im Widerspruch zum Wunsch nach festen Strukturen

Das Bedürnis nach flexiblen Einkaufsmöglchkeiten steht im Widerspruch zum Wunsch nach festen Strukturen

Solothurner Zeitung

340 Unterschriften sind beisammen gegen den Plan, künftig erst um 20 statt um 19 Uhr zu schliessen. Gemeindeammann Yvonne John-Waldmeier: «Wir sind auf dem Land, wir brauchen keine amerikanischen Verhältnisse.»

In Baden war die fehlende Einkaufsmöglichkeit am Sonntag Thema im Stadtammann-Wahlkampf. Nun hat Coop gehandelt: Seit dem 17. März öffnet die Filiale am Bahnhof jeweils sonntags. Die Leute strömten am ersten Tag in Scharen in den Laden - offenbar befriedigt er ein Bedürfnis. In Aarau öffnen sonntags gar drei Läden: Aperto, Coop, Migrolino. Abends haben sie sieben Tage die Woche bis mindestens 22 Uhr offen.

Wir Stimmbürger verhalten uns eigenartig. Besteht eine Einkaufsmöglichkeit am Sonntag oder am Abend, dann nutzen wir sie. Können wir jedoch an der Urne darüber entscheiden, dann sind wir dagegen. Das jedenfalls zeigen zehn kantonale Abstimmungen, bei denen es um längere Ladenöffnungszeiten ging. Alle fielen durch - in Zürich zum Beispiel mit 71, in Basel-Stadt mit 60, in Luzern mit 55 Prozent Nein-Stimmen.

Nun stehen zwei nationale Abstimmungen an: Bei der ersten geht es bloss um total 23 Tankstellenshops und um die Frage, ob diese rund um die Uhr ihr gesamtes Sortiment verkaufen dürfen. Bei der zweiten geht es darum, ob landesweit alle Läden wochentags mindestens von 6 bis 20 Uhr und samstags bis 19 Uhr geöffnet haben dürfen. Heute kennen 18 Kantone eine restriktivere Regelung.

Beide Vorlagen verlangen keine Revolution, denkt man etwa an die USA, wo man rund um die Uhr einkaufen kann. Aus liberaler Optik ist die Sache klar: Jedes Geschäft soll selber entscheiden, wann es öffnen will - der freie Markt passt die Öffnungszeiten am besten den Kundenbedürfnissen an.

Die Erfahrungen in den Kantonen zeigen nun aber: Eine Mehrheit sehnt sich nach festen Strukturen in einer Welt, die unruhiger und verworrener wird, in der die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben verschmelzen. Mit Smartphones und iPads sind wir rund um die Uhr erreichbar, gleitende Arbeitszeiten und überlastete Verkehrswege machen den Nine-to-five-Tag zum Auslaufmodell. Sogar die Kirche mischt sich in diese politische Frage ein, schliesslich heisst es im Alten Testament: «Am siebten Tag sollst Du ruhen.» Abt Martin Werlens Klosterladen hat zwar am Sonntag geöffnet. Trotzdem findet er: «Der arbeitsfreie Sonntag schenkt uns Menschen Raum und Zeit für Erholung und zum Auftanken.»

In der Theorie mag das stimmen. In der Praxis ist die Gesellschaft in allen Belangen individueller geworden, was auch dazu führt, dass viele Menschen nach einem anderen Rhythmus leben als dem traditionellen. Die breite Skepsis gegenüber längeren Öffnungszeiten bringt wohl auch eine Sehnsucht nach einer heilen, klar geregelten Welt zum Ausdruck. Das ist verständlich. Bloss bringen streng geregelte Ladenöffnungszeiten diese nicht zurück.

Onlineshops boomen, sie funktionieren so oder so rund um die Uhr. Der Onlinevertrieb Amazon Deutschland, der auch die Schweiz beliefert, sorgte kürzlich für negative Schlagzeilen wegen mutmasslich miserabler Arbeitsbedingungen. Wer solchen vorbeugen will, sollte in der Schweiz einkaufen. Denn hier gilt glücklicherweise ein strenger Arbeitnehmerschutz - rund um die Uhr.

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