Grosser Rat
Theo Voegtli: Ein bibliophiler Genussmensch wird Grossratspräsident

Heute Dienstag wird in Aarau Theo Voegtli zum neuen Grossratspräsidenten gewählt. Zwei Jahre lang wurde der Grossrat und frühere langjährige Präsident der CVP Aargau, Theo Voegtli aus Kleindöttingen, auf das Amt vorbereitet.

Mathias Küng
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Theo Voegtli in seiner Bibliothek in Kleindöttingen. (Emanuel Freudiger)

Theo Voegtli in seiner Bibliothek in Kleindöttingen. (Emanuel Freudiger)

Voegtli, von Beruf Apotheker, wird Patricia Schreiber-Rebmann ablösen. Er freut sich sehr auf diese Führungsaufgabe. Die vielen sich aus den Repräsentationspflichten des Amts ergebenden Volkskontakte will er intensiv nutzen und «durch den Tatbeweis» das schlechte Image der Politik verbessern helfen – durchaus auch mal mit einem träfen Spruch. Gern lebe er die Werte der CVP und wolle sie im Präsidialjahr keineswegs verleugnen, sagt Voegtli, aber jetzt müsse die Partei hintanstehen: «Als Präsident will ich für alle da sein.»

In der Ratsleitung will er sich weder durch Zuckerbrot noch durch Peitsche hervortun, sich selbst nicht zu ernst nehmen, sich «mit Anstand, Stil und Respekt» durchsetzen. Natürlich in der Hoffnung, dass das dann auch zurückkommt. Die Hoffnung ist begründet, beobachtet er doch grossen Respekt der Ratsleitung gegenüber.

Erfahrungen als Samichlaus

Laisser-faire wird es aber nicht geben. Telefonieren im Ratssaal, warnt Voegtli die Kolleginnen und Kollegen präventiv, sei «unanständig und eines Ratsbetriebs unwürdig». Er wüsste, wie man bei Bedarf die Glocke läutet, hat er doch weitgehende Erfahrungen als Samichlaus...

Zunehmend werden Nationalrats- und Grossratspräsidien als Sprungbrett für die weitere politische Karriere genutzt. Das Timing wäre für Voegtli perfekt. Doch sucht man seinen Namen vergebens auf der Nationalratsliste der CVP. Warum? Als Apotheker ist er mit der Bevölkerung hautnah in Kontakt. Viel mehr als jemand in einer Schreibstube. Apotheker seien geradezu prädestiniert für ein politisches Amt, sagt Voegtli – und strebt trotzdem kein Nationalratsmandat an.

Er hat nämlich beobachtet, dass «Berner» Politikerinnen und Politiker derart absorbiert sind, dass einige geradezu ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Seine Familie, seine Gesundheit und sein Beruf sind ihm, der sich selbst als Genussmenschen bezeichnet, zu wichtig. Und es gefällt ihm auf kantonaler Ebene. Interessante Engagements gibt es für den schnell denkenden Voegtli, der völlig unkompliziert auf Menschen zugeht und ursprünglich als Spitalhygieniker in der Forschung arbeiten wollte, auch so genug.

Wunsch nach Ombudsstelle für Bevölkerung

Als Ratspräsident will er aber aus seiner grossen politischen Erfahrung heraus gewiss nicht nur repräsentieren? Stimmt. Einen kürzlichen Vorstoss zur Eindämmung der Vorstossflut im Rat unterstützt er allerdings nicht. Das Parlament sei da, um Themen zu setzen und mit dem Stellen von Fragen Probleme öffentlich zu machen. Doch er findet es unwürdig, dass Grossrätinnen und Grossräte, die im Rat reden wollen, am Morgen anstehen müssen, um das zu melden. Da sollte man eine bessere Lösung finden.

Weiter wünscht er sich eine Ombudsstelle, bei der die Bevölkerung Beschwerden über kantonale und kommunale Behörden vorbringen kann. Der Ombudsmann oder die Ombudsfrau könnte eine wichtige Brückenfunktion ausüben, so Voegtlis Hoffnung.

Weiter schlägt er analog zum Nationalrat für den Grossen Rat eine Fragestunde vor: «Das würde manche Interpellation überflüssig machen.» Man erhielte live Antworten auf aktuelle Fragen, was die Sitzungen für Rat, Publikum und Medien attraktiver machen würde. Der Wahlaargauer Voegtli stellt fest, das Image des Aargaus sei massiv besser geworden – auch wenn sich das noch nicht bei allen Zürcher Zeitungen herumgesprochen hat. Das Verdienst gebühre der Regierung für gute Arbeit.

Dass die Aargauerinnen und Aargauer zugeknöpft sein sollen, kann Voegtli nicht bestätigen. Seit 25 Jahren lebt er in Kleindöttingen im Zurzibiet, fühlt sich dort daheim und voll aufgenommen. «Ein Zeichen der Offenheit ist auch», so Voegtli schmunzelnd, «dass mit mir sogar ein Politiker mit Migrationshintergrund aus dem Kanton Solothurn Grossratspräsident wird.»