Theater
Im Theater Marie ist der Sagenheld Parzival neu zu entdecken. Er lebt nach dem Motto: Sex ist Geld, Sex ist Macht

In der Version des Schweizer Autors Joël Laszlo sieht Parzival die Welt durch seinen Penis. Das ist schrill, komisch und bildhaft in Szene gesetzt - in Einwortsätzen wird die Gier demaskiert. Heute nochmals in Aarau zu sehen.

Julia Nehmiz
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Jessica Cuna (links) als Condwiramurs und Lina Hoppe als Parzival.

Jessica Cuna (links) als Condwiramurs und Lina Hoppe als Parzival.

Bild: Anja Koehler

Parzival, dieser mythische Stoff, die Ur-Heldenreise von einem, der naiv, voller Tatendrang und ohne Empathie auszieht, die Welt zu erkunden, über den Gral stolpert, ihn nicht erkennt, und ihn später verzweifelt sucht, bis er geläutert König wird – diese überreiche Sagengeschichte aus dem Jahr 1200 hat Joël Laszlo ins Heute übersetzt. Der Schweizer Autor hat die 25'000 Verse von Wolfram von Eschenbach mit kürzest-knappen Staccato-Sätzen und den heutigen Problemen des Turbo-Kapitalismus überschrieben.

Sprachlich reduziert auf lakonische Einwortsätze

In der Inszenierung im Theater Marie ist Parzival ein schwanzgesteuerter Naivling, der die Welt durch seinen Penis sieht, nach Geld und Sex strebt. Läuterung erfährt er im Elend der Welt, im Slum, auf den Müllhalden der westlichen dekadenten Gesellschaft. Der Gral, wahre Liebe und Mitgefühl, findet er zwar nicht, aber erkennt, wonach er eigentlich die ganze Zeit suchte.

Parzival und Condwiramurs haben gerade Sex gehabt, und sie fanden es, nun ja: geil. Mit lakonischer Sprache und Einwortsätzen wie «voll kaputt», «geil», demaskiert Joël Laszlo, wie eindimensional und primitiv die Gier nach Sex ist. Denn das ist der vermeintliche Gral, nach dem in seiner Parzival-Überschreibung alle zuerst streben: Sex gleich Geld gleich Macht.

Regisseur Olivier Keller findet eine teils bestechende Umsetzung. Da ist zum einen das fantastische Bühnenbild, das ihm Dominik Steinmann entworfen hat: eine Art Geldspeicher wie bei Dagobert Duck, der Bühnenboden übersät mit goldglänzenden Fünfräpplern. 9000 Franken liegen da vor schwarzen Müllsäcken herum, werden getreten, verstreut, hochgeworfen – mehr Dekadenz geht nicht. Dazu goldene Stühle in verschiedenen Höhen, von knapp über dem Boden bis schiedsrichterhoch symbolisieren sie den Aufstieg.

Die Kamera im Plastikpenis filmt live aus der Hose

Und dann ist da die einleuchtende Setzung, Parzival von sechs der sieben Schauspielerinnen und Schauspieler darstellen zu lassen. Nacheinander schlüpfen sie in seine Kleider, heften sich den Penis an die Hose. Parzival ist alte Frau, ist junger Mann – ist wir alle. Dass er schwanzgesteuert die Welt durch seinen Penis sieht, ist absurd-komisch umgesetzt: Im Plastikpenis ist eine Minikamera installiert, die live aus der Hose hinaus die Welt filmt und das ab und an übergross auf die Bühnenrückwand wirft. Doch die Menschwerdung Parzivals kommt bei Keller etwas schwarz-weiss daher. Und bei all dem Aufzeigen der bösen Strukturen von Sex-Macht-Geld bleibt die Verführbarkeit von uns allen auf der Strecke. Die Regie weiss den Absurditäten von Laszlos Vorlage wenig entgegenzusetzen.

Die Liberalen sind die saufenden Bösen, die im Gleichschritt «Freiheit» skandieren und damit nur ihre eigene meinen. Geld ist Sex, Sex ist Macht, danach strebt auch Parzival, und erst durch einen albtraumhaften Besuch im Slum wird ihm langsam klar, dass die Welt zerstört wird, dass da aber doch irgendwo mehr sein muss als dieser zerstörerische Dreiklang Sex, Geld, Macht. Parzival erkennt, und möchte Vater werden. Die Hoffnung auf Rettung und Erlösung delegiert er an die Nachkommenden.

Geld, Parzival: Heute Do, 19.30 Uhr, Bühne Aarau