Wildtierkorridore
Teure Wanderwege für unsere wilden Tiere

Der Kanton Aargau plant weitere 33 Vernetzungen für rund 60 Millionen Franken. Denn: Die Besiedelung gefährdet langfristig das Überleben vieler Wildtierarten.

Hans Lüthi
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Damit sich auch der Feldhase freier bewegen kann, werden Wildtierkorridore gebaut. zvg

Damit sich auch der Feldhase freier bewegen kann, werden Wildtierkorridore gebaut. zvg

Erstaunt bis perplex reagieren die meisten Zeitgenossen, wenn sie von den Wildtierkorridoren hören. Bei 60 Millionen Franken Gesamtkosten für alle 33 Aargauer Projekte kommt schon mal der Spruch: «Das ist doch für die Füchse.» Was natürlich nicht stimmt; es geht um alle wilden Tiere, Luchse im Jura, die neu einwandernden Rothirsche, Wildschweine, Rehe, Dachse. Ebenso um die kleineren Arten, wie Feldhase, Iltis, Dachs, Marder, Hermelin und viele, viele mehr. Der Mensch hat die Verkehrswege der Wildtiere getrennt, Autobahnen, Bahnlinien, Kantonsstrasse, dichte Siedlungen sind für viele Arten unüberwindbare Mauern. Die unterbrochenen Wanderrouten gefährden mittel- bis langfristig das Überleben vieler Wildtierarten.

Populationen völlig isoliert

Wenn das Netzwerk der Tierpopulationen durch eine Strasse oder Autobahn unterbrochen wird, sterben Teilpopulationen aus. In den Aargauer Flusstälern stehen den Wildtieren nur noch unzerschnittene Flächen von 50 Hektaren (im Mittel) zur Verfügung, im Hügelland sind es 200 und im Jura 300 Hektaren. Baummarder aber suchen Nahrung in einem 1000 Hektaren grossen Gebiet, Dachse nutzen 500 Hektaren, eine Wildschweinrotte benötigt 800 Hektaren und dehnt ihr Streifgebiet im Jura auf bis zu 3000 Hektaren aus. Am Ende der Nahrungskette befindet sich der Luchs, der sich etwa im Schweizer Jura auf einer Fläche von 18000 bis zu 29000 Hektaren bewegt.

«Neue Untersuchungen zeigen, dass im Raum Suret zwischen dem Grossraum Aarau und Rupperswil die Rehpopulationen seit Jahren völlig isoliert sind», sagt Projektleiter Thomas Gremminger vom kantonalen Bau-, Verkehrs- und Umweltdepartement.

Zum Erstaunen der Fachleute hat die Untersuchung im Raum Aarau ergeben, dass selbst die Aare als starke Barriere wirkt. Alle Wildtiere können zwar schwimmen, «aber bei den Betonplatten im gestauten Bereich habe sie offenbar Mühe, ins Wasser und ans Ufer zu kommen», erklärt Gremminger. Am Baregg bei Baden sind die ersten Wildtierkorridore beim Ausbau der A1 und an den Kantonsstrassen realisiert worden. Eine Überwachung mit Spuren im Sand und via Fotofallen zeigt eine erstaunlich intensive Nutzung durch die Tiere.

Kurz vor der Ausführung steht der zu den wichtigsten Korridoren im Land zählende Suret, dessen Vernetzung allein 28 Millionen Franken verschlingen wird. Denn hier braucht es neue Brücken über die Autobahn und den Zubringer T5, Unterführungen unter der vierspurigen SBB-Linie, Kleintierdurchlässe und ein renaturiertes Aareufer. Hohe Priorität haben auch die Vernetzungen in Möhlin-Wallbach und Böttstein-Villigen.

SBB bezahlen für die Bahnlinien

Es stimmt nicht, dass die Aargauer die hohen Millionensummen selber berappen müssen. «Bei sämtlichen Kosten werden die Verursacher zur Kasse gebeten», versichert der Projektleiter. Das heisst: Die SBB bezahlen alle Massnahmen entlang der Bahnlinie, das Bundesamt für Strassen (Astra) finanziert die teure Überführung über die Autobahn, der Kanton die Durchlässe bei den Kantonsstrassen. Übrigens: Der Bahnkorridor im Suret ist weit fortgeschritten, «2011 findet die öffentliche Bauauflage statt, 2012 bis 2013 wird das Projekt gebaut. Der ganze Suret-Wildtierkorridor entsteht in den nächsten fünf bis sechs Jahren», versichert Thomas Gremminger. Die Gemeinden selber müssen nur dort ihren Beitrag leisten, wo sie eindeutig Verursacher sind. Ein Terminplan für die 33 Projekte besteht nicht, «aber wir springen überall auf, wo sich andere Bauten abzeichnen», sagt Gremminger, weil das Kosten einspare.

Zu den grossen Projekten gehört auch Böttstein-Villigen, beginnend mit einer Unterquerung von Strasse und Bahn bei Döttingen, vor der Abzweigung zur Beznau. In der Beznau besteht noch ein Konflikt wegen der grossen Waldrodung für das neue AKW. Der Korridor oberhalb der Beznau-Halbinsel wird auf 4,5 Millionen Franken geschätzt.