An Ambitionen mangelt es der 59-jährigen nicht. Schon vor vier Jahren sei die Regierungsratskandidatur ein Thema gewesen, sagt sie gegenüber der az. «Doch ich war gerade in den Nationalrat gewählt worden. Und ich bin gerne Nationalrätin», sagt die Mutter zweier erwachsener Söhne. «Hätte ich mich von diesem Amt gleich wieder verabschiedet, hätte ich meine Glaubwürdigkeit verloren.» Auch für das Amt des SGV hat sie sich schon früher einmal interessiert, vor zwei Jahren, als Bruno Zuppiger gewählt wurde. Da Zuppiger nur eineinhalb Jahre im Amt war, habe die SVP auch weiterhin Anspruch auf dieses Amt.

Die erste Frau an der Spitze des SGV?

Jetzt ist die Ausgangslage besser: Wird die Vizepräsidentin des Aargauischen Gewerbeverbands (AGV) gewählt, würde erstmals in der Geschichte der Frau die grösste Dachorganisation der Schweizer KMU mit 300‘000 Mitgliedern präsidieren. Am Dienstag sprach der Vorstand des Aargauischen Gewerbeverbands der Politikerin einstimmig das Vertrauen aus.

Ausserdem versteht sich die ehemalige Langstreckenläuferin zu sehr als Vertreterin der Kleinen und mittleren Unternehmungen. Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie das Unternehmen Flückiger Holz AG in Schöftland, und beschäftigt 12 Mitarbeitende, eine gute Voraussetzung für das Amt, meint sie. «Das Präsidium des SGV muss meines Erachtens von einer Person geführt werden, die sich den Herausforderungen unserer Zeit stellt und die Sorgen und Nöte der KMU und des Gewerbes aus eigener Erfahrung kennt.» So gesehen, sei das Amt auf sie «zugeschnitten». Sie könne als Präsidentin des SGV «mehr bewegen denn als Regierungsrätin». Zudem könnte sie dann auch weiterhin im gemeinsamen Unternehmen tätig sein, das ihr Mann und sie mit viel Herzblut aufgebaut haben, als Regierungsrätin hätte sie das aufgeben müssen.

Mehr Einfluss, mehr Lobbying

Sylvia Flückiger möchte demnach den Gewerbeverband aus seiner behäbigen Struktur befreien, und aus ihm hoffentlich das machen, was er in seinen Angängen einmal war: eine gefürchtete Referendumsorganisation. Zumindest streitet sie das nicht ab: «Wir KMU-Vertreter sind im Parlament viel zu schwach. Wir müssen uns besser vernetzen und unsere Interessen stärker vertreten», dafür wolle sie sich stark machen.

Soweit, so gut. Auch entspricht Sylvia Flückiger dem Profil der Nachfolge - Parlamentarier, bürgerlich, zweisprachig - ganz gut. Zentrale Voraussetzung für dieses Amt ist aber die Bereitschaft, die Interessen des Gewerbeverbands über die eigene Parteipolitik zu stellen. Und da könnte es für Sylvia Flückiger heikel werden. Denn spätestens in den Hearing muss die einstige Sportlerin beweisen, dass sie einen langen Atem hat. Interessenskonflikte gibt es. Beispielsweise die Personenfreizügigkeit. Flückiger ist Mitglied des Initiativkomitees der SVP-Einwanderungsinitiative, die eine Beschränkung der Zuwanderung verlangt. Der SGV aber spricht sich für Personenfreizügigkeit aus. Flückiger dazu: Ich bin nicht generell gegen Zuwanderung, aber ich sehe auch die damit verbundenen Probleme, z.B. bei der Scheinselbständigkeit, um eines zu nennen. Aber es ist klar, jede Politikerin und jeder Politiker bleibt in seinem Herzen immer noch ein Zugehöriger seiner Partei.

Auch Fragen der Klimapolitik und Verminderung des CO2-Ausschusses könnte Flückigers Überzeugungen auf die Probe stellen. Als Vertreterin ihrer Branche vertritt sie stromintensive Unternehmen wie sie sagt. «Energien müssen bezahlbar sein, eine neue Steuer kommt für sie nicht in Frage.»

Alle Kandidaten sind Jäger

Mit Sylvia Flückiger sind noch zwei weitere Kandidaten im Rennen: Jean-François Rime (FR SVP) und Jean-René Fournier (VS CVP). Sie sind auch heute schon im Vorstand des SGV. Auch der BDP-Nationalrat Lorenz Hess soll am Präsidium Interesse bekundet haben. Die FDP hat noch keine Kandidatur bekanntgegeben. Am 23. Mai entscheidet der Gewerbekongress über die Nachfolge Zuppigers. Gemeinsam ist allen Kandidaten übrigens eines: Sie sind passionierte Hobbyjäger.