Landammannjahr
Susanne Hochuli: «Beim Misten bin ich nur noch selten anzutreffen»

In der Schweiz wird sie wahrgenommen, wie vor ihr kaum ein Aargauer Landammann. Im Interview spricht Susanne Hochuli (47) über Patchwork in der Regierung, die Gefahren von Twitter und Kübel voll Gülle, die über der Chefin ausgeleert werden.

Christian Dorer und Mathias Küng
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Susanne Hochuli auf dem schneebedeckten Flachdach vor ihrem Büro anlässlich des Interviews, das vor Weihnachten stattfand.

Susanne Hochuli auf dem schneebedeckten Flachdach vor ihrem Büro anlässlich des Interviews, das vor Weihnachten stattfand.

Emanuel Freudiger

Wir sitzen mit Frau Landammann Susanne Hochuli in Aarau in ihrem mit Merksätzen verzierten Büro. Nebst den Interviewbildern möchten wir trotz Zeitknappheit draussen ein Bild schiessen, auf dem Natur mit drauf ist. Susanne Hochuli verweist aufs Vordach neben ihrem Büro. Da liegt grad der erste richtige Schnee, Grashalme lugen hervor. Gut, doch wie kommt man dahin? Durchs Fenster, lacht Frau Landammann. Sagts, klettert hoch und steht zwei Sekunden später draussen im Schnee.

War 2012 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für den Aargau?

Susanne Hochuli: Ein gutes! Der Aargau hat sich erneut gut positioniert, neu gelten wir ja gemäss Studie als attraktivster Wohnkanton. Unsere Aussenwirkung ist gut. Und wir selbst haben wichtige Geschäfte durchgebracht.

Woran denken Sie?

An die Hightech-Aargau-Initiative, die Wirkung zeigen wird. Und an die Demokratie-Konferenz mit Baden-Württemberg. Wir pflegen sehr gute Aussenbeziehungen. Auch mit Rheinland-Pfalz. Positiv waren 2012 natürlich auch die Wahlen.

Weil Sie wiedergewählt wurden?

Weil wir als einziger Kanton eine 5-Parteien-Regierung haben. Unsere «Patchwork-Regierungs-Familie» wurde vom Volk bestätigt, und das freut mich. Es zeigt, dass die Politik des Regierungsrats ankommt. Wir machen keine aufgeregte Politik. Es wurde ja auch schon geschrieben, wir seien langweilig. Das sagt aber mehr über den Absender dieser Aussage aus als über die Politik.

So lautete der Titel eines Leitartikels in der az: «Unsere Regierung - langweilig, aber gut.» Hat Sie das beleidigt?

Ich fühle mich nicht angesprochen. Doch frage ich Sie: Wollen Sie denn eine aufgeregte Regierung, die Rambazamba macht? Oder sehen Sie bloss nicht, wie viele spannende Dinge die Regierung vorantreibt -, und vergessen, spannend darüber zu schreiben?

Der Satz ist doch ein Kompliment - schliesslich sind auch die beliebtesten Bundesräte oft die langweiligsten.

Es fragt sich, was man unter «langweilig» versteht. Heisst das, dass die Politik sich träge dahinschleppt, dass man jeden Aufbruch vermisst? Ich empfinde unser Tun ganz anders: Die Aargauer Regierung lässt sich nicht auseinanderdividieren. Wenn wir auftreten, sehen die Menschen, dass wir uns echt mögen. Trotzdem streiten wir, wenn es die Sache erfordert. Vielleicht ist sich der Aargau einfach gewohnt, dass hier auf sehr hohem Level regiert wird.

Das Regierungsniveau konnten Sie als Frau Landammann 2012 besonders stark prägen. Welche neuen Facetten unseres Kantons haben Sie kennen gelernt?

Ich habe im Gespräch mit vielen Menschen vertiefte Einblicke gewonnen. Es ist spannend, die eigenen Vorstellungen mit der Realität der Betroffenen zu spiegeln. Bei spontanen Treffen - ich werde oft angesprochen - höre ich, was die Menschen bewegt. Solche Gespräche vermindern das Risiko, abzuheben. Und mir wurde wieder bewusst, wie komplex die Politik manchmal für die Bürgerinnen und Bürger ist, etwa bei Abstimmungsvorlagen.

Wie wirken Sie dem entgegen?

Ich und meine Mitarbeitenden haben zum Beispiel die Abstimmungsbroschüre zum Pflegegesetz vor Drucklegung Bekannten gezeigt, die nicht mit der Materie vertraut sind, und gefragt: Versteht ihr das? So bekamen wir wertvolle Hinweise für verständlichere Formulierungen.

Ausserhalb des Kantons bekommen Sie Aufmerksamkeit wie kaum ein Landammann vor Ihnen. Porträts über Sie erscheinen, Ihre Tweets wurden zum Renner. Geniessen Sie das?

Nun kann ich nicht mal mehr in Zürich unerkannt in den Ausgang gehen (lacht). Gewiss lese ich die Porträts. Vieles sehe ich aber gar nicht. Auch sehe ich mir TV-Sendungen, in denen ich auftrete, nicht an. Kurz: Ich lebe nicht von den öffentlichen Auftritten. Auch glaube ich nicht, dass das die Menschen besonders beeindruckt.

Zurück zum Aargau: Unser Kanton thront im Standortqualitätsranking der Credit Suisse an dritter Stelle. Ist der erste Platz das Ziel?

Das hätte positive und negative Auswirkungen, das sieht man bereits heute. Weil der Aargau so attraktiv ist, ziehen immer mehr Menschen hierher. Das bedeutet mehr Verkehr, mehr Infrastruktur, mehr Landverbrauch.

Erfüllt es Sie als Grüne mit Sorge, wenn immer mehr Menschen immer mehr Platz brauchen und Verkehr verursachen?

Man muss keine Grüne sein, um sich darüber Sorgen zu machen. Wir sollten überlegen, wie wir raumsparender und energieeffizienter bauen, wie die Menschen mehr von zu Hause aus arbeiten können, um den Verkehr zu verringern.

Der Ecopop-Geschäftsführer war Co-Präsident der Aargauer Grünen. Unterstützen Sie die Ecopop-Initiative, die die Zuwanderung massiv einschränken will?

Da frage ich zurück: Was würden wir im Gesundheitswesen ohne Ausländerinnen und Ausländer machen? Und wo holen wir dann all die Fachkräfte her, welche die Wirtschaft dringend sucht und bei uns nicht findet? Die Initiative läuft auf ein Ausgrenzen und auf ein Verbot hinaus. Das widerstrebt mir.

Was unternimmt eigentlich die Regierung, mal abgesehen von der Hightech-Initiative, damit im Aargau noch mehr hoch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden?

Erst mal ist ganz wichtig, dass Firmen, die jetzt schon Top-Arbeitsplätze bieten, im Aargau bleiben. Dazu müssen wir auch die weichen Faktoren anschauen: Reicht eine internationale Schule in Baden? Wie steht es um Betreuungsstrukturen für Kinder berufstätiger Eltern? Da haben wir noch viel Arbeit vor uns. Aber wir haben auch Trümpfe.

Zum Beispiel?

Bei uns ist man in kürzester Zeit zur Naherholung im Grünen, wir haben gute Schulen, gute Verkehrsanbindungen, eine gute Gesundheitsversorgung. Der Aargau ist attraktiv. Wir müssen jetzt schauen, dass die günstigen Rahmenbedingungen erhalten und weiter verbessert werden.

Den Grünen ist mit der Energiewende das Hauptthema abhanden-gekommen. Was empfehlen Sie Ihrer Partei, damit sie wieder auf einen grünen Zweig kommen?

Ich masse mir keine Empfehlungen an. Für mich hat jedes Thema einen grünen Aspekt. Um grün zu agieren, muss man nicht das Bau- oder Umweltdepartement leiten. Auch Gesundheitspolitik und überhaupt jede Politik kann man nachhaltig und grün betreiben.

Müssen Sie ewig Regierungsrätin bleiben, weil die Grünen ohne Sie wieder aus der Regierung fliegen?

Das ist nicht mein Problem (lacht herzhaft). Ich mache meine Arbeit bestmöglich, werde aber nicht bis zur Pensionierung Regierungsrätin bleiben. Sollten die Grünen nach mir nicht mehr in der Regierung vertreten sein, fände ich das aber sehr schade.

Sie sind unkonventionell. Wie viele Lebensgewohnheiten mussten Sie für das Amt opfern?

Gerade im Landammannjahr muss ich meine Zeit sehr gut einteilen. Ich habe im Moment weniger Bewegung in der Natur, als ich bräuchte. Immerhin mache ich jeden Morgen noch einen Eilmarsch mit meinem Hund oder gehe joggen. Aber im Pferdestall beim Misten bin ich nur noch selten anzutreffen.

Fehlt auch die Zeit für den Garten?

Ich mache es am Wochenende oft so: eine Stunde Aktenstudium, eine Stunde Gartenarbeit, dann wieder eine Stunde Akten - oder ich nehme sie in die Berge mit. Ich wandere eine gewisse Zeit, setze mich irgendwo hin und lese. Dann gehts weiter. Beim Gärtnern und Wandern verarbeite ich dann das Gelesene.

Der neue Basler FDP-Regierungsrat Baschi Dürr reserviert sich einen halben Tag pro Woche für den Haushalt. Wäre das auch ein Modell für Sie?

Ich muss zu Hause auch einen Haushalt führen, obwohl ich einiges delegiert habe. Wenn ich abends heim-komme, bin ich zwar müde und mache trotzdem, was gemacht werden muss. Frauen tun das einfach, reden aber nicht ständig darüber wie Männer, wenn sie es denn einmal tun. Einen fixen halben Freitag kann ich mir in meinem Amt nicht vorstellen, das schränkt zu stark ein.

Gerade in Chefetagen sind Frauen stark untervertreten. Was tun Sie, um dies zu ändern?

Ich habe zwei Abteilungsleiterinnen angestellt.

Waren sie auch die besten?

Ja. Ich will keine Quoten- oder Alibifrau sein - und stelle auch keine solche ein! Bei gleichwertigen Bewerbungen nehme ich aber eine Frau. Das war hier der Fall. Sticht ein Mann positiv heraus, nehme ich ihn.

Sind Sie auch gegen Frauenquoten in der Wirtschaft?

Quoten sind Steigbügelhalter. Die braucht man, wenn man es nicht selbst aufs Pferd schafft. Ich setze mich lieber für bessere Bedingungen ein, damit die Quotendiskussion überflüssig wird. Zum Beispiel mit guten Kinderbetreuungsstrukturen. Im Übrigen ist es nicht immer einfach, in der Chefetage zu sein. Frauen sind zwar gemein eher die ausgleichenden Rollen zugedacht. In einer Führungsposition muss man sich aber durchsetzen und es aushalten können, dass der Kübel Gülle immer über dem Kopf der Chefin ausgeleert wird.

Was möchten Sie einmal noch gemacht haben in Ihrem Leben?

Sehr viel! Einer meiner Träume: im Planwagen Richtung Osten bis Transnistrien fahren. Mich faszinieren andere Kulturen, das langsame Reisen und das Zupacken, wenn es gilt, etwas verändern zu können. So, wie ich es kürzlich im Kosovo gemacht habe.

Wie?

Ich war in der Romasiedlung, die bekannt wurde durch das Titelbild in der Weltwoche zum Artikel «Die Roma kommen». Ich habe die dortigen desolaten Lebensumstände gesehen und mit einem Recycling-Unternehmer gesprochen, der eine Granulatmaschine braucht und so mehr Leute anstellen könnte. Ich helfe mit, das Geld aufzutreiben, dann haben die Roma eine Möglichkeit, ihr Geld in ihrer Heimat zu verdienen. Ich würde gern irgendwann in einem Land in einem Hilfsprojekt mitarbeiten oder überhaupt Freiwilligenarbeit leisten. So etwas macht mir Freude.

Sie werden also dereinst nicht Verwaltungsratsmandate sammeln?

Glauben Sie im Ernst, solche werden Grünen nachgeworfen (lacht)? Nein, das brauche ich nicht. Und wenn ich dereinst keine Angebote erhalte, werde ich daraus nicht den Schluss ziehen, niemand habe mich mehr gern.