Tötungsdelikt in Küttigen

Suizide von Betagten sind keine Seltenheit

Selbstmord

Selbstmord

Das Tötungsdramen von Küttigen und Rupperswil lassen aufhorchen. Doch nun erklärt ein Experte: Ein Drittel aller Suizide fallen in die Altersgruppe der Seniorinnen und Senioren.

Vor einem Monat hat in Rupperswil ein 64-jähriger Mann seine 73-jährige, schwer kranke Frau erdrosselt und danach noch mehrere Tage mit der Leiche in der gemeinsamen Wohnung gelebt.

Am Wochenende brachte ein 85-jähriger Rentner in Küttigen vorerst seine 77-jährige Gattin um und richtete sich anschliessend selber.

Über die näheren Umstände der beiden Taten sind bisher offiziell noch kaum Details an die Öffentlichkeit gedrungen. Nachbarn und Bekannte der betagten Paare, die bis anhin eher unauffällig in ihren kleinen Gemeinden gelebt haben, erachten jedoch in beiden Fällen einen Zusammenhang mit dem Alter und Gesundheitszustand der Opfer als wahrscheinlich.

In Rupperswil wird vermutet, dass der Mann nach der jahrelangen, belastenden Pflege seiner demenzkranken Frau ihrem Leiden ein Ende habe setzen wollen. In Küttigen geht man gar davon aus, das Ehepaar habe aus gesundheitlichen Gründen gemeinsam beschlossen, aus dem Leben zu scheiden.

Suizide im Alter nehmen zu

Suizide von Betagten sind in sozialisierten Ländern wie der Schweiz keineswegs selten. Josef Sachs, Leiter Gerichtspsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG), spricht von einem Drittel aller registrierten Suizide, welche auf diese Altersgruppe fallen.

Und die Fälle nehmen nach seiner Einschätzung sogar zu: «Und das», betont Sachs, «obwohl die Anzahl Suizide insgesamt konstant bleibt.» Als Gründe für die Steigerung sieht der Psychiater unter anderem die zunehmende Tendenz zur Vereinsamung.

Eine Einschätzung, die sein Kollege Dan Georgescu, Leiter Alterspsychiatrie der PDAG, teilt: «Die Familienstrukturen von einst sind am Verschwinden.»

Es gibt immer mehr Fälle, in denen hochbetagte, kranke Menschen gänzlich auf sich gestellt sind.» Da pflege ein 82-jähriger Mann beispielsweise seine 81-jährige, kranke Ehefrau und könne dabei im besten Falle noch auf die Hilfe der Spitex zählen. Das führe mitunter zu Belastungen, denen betagte Menschen auf die Dauer nun einmal nicht mehr gewachsen seien.

Situation schwer vergleichbar

Die Frage, ob ältere Menschen heute öfter unter Depressionen leiden als früher, vermag Georgescu nicht schlüssig zu beantworten, weil dazu wissenschaftliche Vergleiche fehlten: «Ich gehe jedoch davon aus, dass die älteren Menschen auch früher ihre Probleme hatten. Damals war das Angebot an psychiatrischen Anlaufstellen aber noch kaum ausgebaut. Die Leute haben sich halt an den Pfarrer gewandt, Rat im Kloster gesucht oder Hellseher und Heiler konsultiert.»

Klar ist für Dan Georgescu jedoch, dass die so genannte Multimorbidität, also die Konzentration verschiedener Krankheiten beim gleichen Menschen, gegenüber früher deutlich höher ist: «Früher wurde jemand demenzkrank und ist nach vergleichsweise kurzer Zeit daran gestorben. Mit den heutigen Möglichkeiten leben diese Menschen weiter und zur Demenzkrankheit kommen im Laufe der Jahre weitere Leiden dazu.» Diese Multimorbidität mache die Pflege und die Betreuung von älteren Menschen keineswegs einfacher, betont Georgescu.

Religiosität beeinflusst Suizide

Den kulturellen Wandel sieht auch Josef Sachs als beeinflussenden Faktor für das Verhalten von Menschen. So sei wissenschaftlich erhärtet, dass die Suizidrate mit zunehmender Religiosität abnehme.

Kaum mit der gesellschaftlichen Veränderung, aber mit der fortschreitenden Dauer verschiedener Krankheiten zu tun hat für Sachs die Kriminalität im Alter: «Wer sich schon in jungen Jahren gelegentlich ungerecht behandelt oder verfolgt fühlt, bei dem kann sich das im hohen Alter zu richtigen Wahnvorstellungen auswachsen; mit entsprechenden Konsequenzen für eine Beziehung.»

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