Atomdebatte

Streit im Verwaltungsrat von Leibstadt

Der beschädigte Reaktor 1 des Atomkraftwerks Fukushima. Foto: KEY

Der beschädigte Reaktor 1 des Atomkraftwerks Fukushima. Foto: KEY

Ständerat Rolf Büttiker kassiert Schelte für sein kritisches Statement zur Zukunft der Kernkraft.

Sässe Rolf Büttiker nur als Vertreter des Kantons Solothurn im Ständerat, wäre seine nachfolgende Aussage nicht weiter brisant: «Wenn wir zum Schluss kommen sollten, dass die Risiken der Kernkraft zu gross geworden sind, müssen wir auf den Neubau eines Schweizer Werks verzichten», sagte der FDP-Mann in der gestrigen Ausgabe von «Der Sonntag».

Brisant ist die Aussage, weil der 60-Jährige seit Januar 2003 als Verwaltungsrat der Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL) amtet. Brisant ist die Aussage ausserdem, weil in der Schweizer Atomlobby aufgrund der Katastrophe in Japan Zweifel aufkommen, dass das Stimmvolk an einer vorgesehenen Abstimmung in rund drei Jahren dem Neubau von Atomkraftwerken zustimmen wird.

«Kühlen Kopf bewahren»

Büttikers Verwaltungsratskollegen distanzieren sich klar von dessen Aussagen: «Ich habe kein Verständnis dafür, dass Herr Büttiker jetzt alles infrage stellt», sagt der Aargauer CVP-Nationalrat Markus Zemp, der dem Gremium seit drei Jahren angehört. Zemp: «Diese spontane Reaktion ist übertrieben, wir müssen jetzt vor allem kühlen Kopf bewahren. Niemand hat eine Katastrophe in diesem Ausmass für möglich gehalten.» Die Kernkraft sei aufgrund des Vorfalls im Atomkraftwerk Fukushima in Japan keineswegs am Ende.

Ein zweiter KKL-Verwaltungsrat äussert ebenfalls wenig Verständnis für Büttikers Wortmeldungen in der Sonntagspresse. Er vertrete «einen differenzierteren Standpunkt», erklärt Kurt Wyss, Vertreter der CVP im Grossen Rat des Kanton Aargaus, auf Anfrage der az. Auch er finde es falsch, die Zukunft der Kernkraft aufgrund der Ereignisse in Japan infrage zu stellen. Zudem habe das Kernkraftwerk Leibstadt in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in die eigene Erdbebensicherheit getätigt. Wyss verspricht, die Erdbeben-Problematik an der nächsten Verwaltungsratssitzung zur Sprache zu bringen. «Selbstverständlich müssen wir in Erfahrung bringen, was der Vorfall in Japan für unsere Anlagen bedeutet.»

Der Gescholtene denkt allerdings nicht daran, von seiner pointierten Haltung abzurücken: «Als Verwaltungsrat eines Kernkraftwerks trage ich eine besondere Verantwortung», sagte Rolf Büttiker gestern. Die Kernenergiebefürworter täten gut daran, «kritische Fragen» zu beantworten. «Sonst wird es schwierig, in einer Volksabstimmung zu bestehen.»

Leuthard spricht von «Katastrophe»

Energieministerin Doris Leuthard umschreibt die Ereignisse in Japan deutlich: «Fakt ist, dass die Situation vor Ort nicht unter Kontrolle ist.» Es sei «selbstverständlich», dass die schweizerischen Sicherheitskonzepte «auf allfällige Erkenntnisse aus dieser Katastrophe angepasst werden müssten», so die Aargauer Bundesrätin. Sie schliesst einen Kurswechsel in der Atom-Debatte nicht aus: «Bestimmt wird die künftige Schweizer Energiepolitik diese Ereignisse zu berücksichtigen haben.»

Inzwischen hat die Grüne Partei in einem Communiqué die Sistierung der Rahmenbewilligungsverfahren für neue Atomkraftwerke verlangt. Gleichzeitig ruft deren Berner Kantonalsektion zu einer Mahnwache für die japanische Bevölkerung auf dem Berner Waisenhausplatz auf. Und die SP Bern fordert sogar «die rasche Stilllegung des maroden AKW Mühleberg.»

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