Hallwilersee
Sonderrechte am Hallwilersee? WWF und Bird Life sagen nein

Darf man das Hallwilerseeschutzdekret für Bauvorhaben Privater und der öffentlichen Hand punktuell anpassen? WWF und Bird Life sagen Nein, SVP und FDP sagen Ja zu konkreten Änderungen. CVP, SP, GLP, BDP haben einige Einwendungen.

Mathias Küng
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Blick vom Hallwilersee auf die heutige Situation in Meisterschwanden.

Blick vom Hallwilersee auf die heutige Situation in Meisterschwanden.

AZ

Meisterschwanden am Hallwilersee ist eine aufstrebende, expandierende Gemeinde. Ihr Problem: Die rechtskräftigen Schutz- und Sperrzonen gemäss Schutzplan des Hallwilerseeschutzdekrets stossen in weiten Teilen bis an die Bauzonen der Gemeinde. Im Rahmen der laufenden Gesamtrevision der Nutzungsplanung Siedlung und Kulturland zeigte sich deshalb, «dass aus Sicht der Gemeinde in verschiedenen Bereichen eine Anpassung des Hallwilerseeschutzdekrets nötig ist». So heisst es im Planungsbericht, den der Kanton bis vor wenigen Tagen in die Anhörung gegeben hat. Die Gemeinde betont, dass man lediglich eine punktuelle Anpassung mit gleichzeitigen Kompensationen vorsehe, «um den Zweck des Hallwilerseeschutzdekrets in grösstmöglicher Weise beizubehalten».

Konkret beantragt die Gemeinde sieben Dekretsanpassungen.

1. Ein langjähriger Gewerbebetrieb soll im bestehenden Areal mit Um- und Ausbauten eine «massvolle Entwicklungsperspektive» erhalten.

2. Für ein ortsbildprägendes, stattliches ehemaliges Bauernhaus an der Hauptstrasse sollen Umnutzungen ermöglicht werden.

3. Die Zone für öffentliche Bauten und Anlagen nördlich der Delphinstrasse soll um 0,73 Hektaren zulasten des HSD erweitert werden, damit das Jugendfest weiterhin im Schacheacher stattfinden kann. Auch soll ein genügendes Parkplatzangebot für Erholungssuchende aus der näheren und weiteren Umgebung beibehalten werden.

4. Oberhalb des Rebweges soll die Schutzzone um 0,17 Hektaren reduziert werden. Dies auf Antrag einer «seit längerem ortsansässigen und über die Region hinaus bekannten Familie». Damit könne «dem Wunsch des verstorbenen NicolasG.Hayek entsprochen werden, dass ein Bau für die Familie möglich wird», heisst es erklärend in einem Bericht von Arcoplan. Für eine «ökologisch wertvolle, extensiv genutzte Wiese mit Bäumen», die verloren ginge, soll Kompensation geschaffen werden. Aus Gemeindesicht geht es um eine Interessenabwägung «zwischen dem zu erwartenden, sehr hohen wie auch längerfristigen Steuerertrag für die Gemeinde und für den Kanton sowie den Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Hallwilerseelandschaft». Der Kanton beurteilt dieses Vorhaben als «nachvollziehbar».

5. Für ein Ausbauvorhaben eines Einfamilienhauses werden bei der äusseren Seehalde 0,17 Hektaren eingezont.

6. Beim Bürgerheim verläuft die Grenze zwischen Sperr- und Schutzzone durch ein Ökonomiegebäude. Die Sperrzone wird um 0,1 Hektaren verringert.

7. Zugunsten der Werft südlich des Seehotels Delphin soll die Spezialzone 0,05 Hektaren erweitert, die Sperrzone um ebenso viel reduziert werden.

Die Antworten der Parteien zeigen: Gegen die Vorhaben 1, 2, 6 und 7 gibt es keine Einwendungen. Ausser denjenigen grundsätzlicher Art von WWF Aargau und Bird Life Aargau. Sie lehnen die Anpassungen «vollumfänglich ab», wie die Geschäftsführerinnen Kathrin Hochuli (Bird Life) und Tonja Zürcher (WWF) schreiben. Sie fordern: «Die Natur und das Naherholungsgebiet am Hallwilersee dürfen nicht den Partikularinteressen einzelner Bauherren geopfert werden.» Sie fürchten, dass ein Präzedenzfall geschaffen würde. Anders die Bürgerlichen. Die FDP stimmt den Ein- und Auszonungen zu. Knapp und klar ist die Antwort der SVP. Sie «ist mit dem Vorhaben einverstanden». Die CVP hat keine grundsätzlichen Einwendungen, aber wie die SP klare Vorbehalte zu den Vorhaben 3 und 5. Die SP meldet zusätzlich zu Vorhaben 4 (unsere Bilder) Widerstand an. Sie sieht «ein Grundstück an heikelster und exponiertester Lage» betroffen, «das keinesfalls überbaut werden darf». Hier (und beim Vorhaben 5) schliesst sich die GLP den Opponenten an. Mehrheitlich stimmt sie aber zu. Kritisch zu Vorhaben 4 stellt sich die BDP, ansonsten ist sie einverstanden. Letzteres gilt auch für die Grünen. Einzig die Einzonung Kirchrain mit 1,85 Hektaren lehnen sie laut Martin Köchli «in dieser Form» ab.

Diese Auswertung lässt im Grossen Rat eine kleine Grundsatzdebatte erwarten. Absehbar ist aber, dass WWF und Bird Life unterliegen. Diskussionen wird es bei drei der sieben Anpassungen geben, insbesondere beim Vorhaben 4 auf unserem Bild. Nach den Mehrheitsverhältnissen im Grossen Rat ist auch dafür Zustimmung zu erwarten. Und doch: Ob «dem Wunsch des verstorbenen Nicolas G. Hayek» wirklich entsprochen wird, wissen wir erst nach der Debatte.