Armut

Sommerferien mit dem Plastik-Delfin

Sommerferien mit dem Plastik-Delfin.

Sommerferien mit dem Plastik-Delfin.

Armut im Aargau, 6. Folge: Den Sommer verbringen die Seilers in der Badi. Im Ausland waren die Kinder noch nie. Ferienstimmung kommt trotzdem auf.

Ferien. Familie Seiler sieht aus, als würde sie für mindestens eine Woche irgendwohin ans Meer verreisen. Mutter Karin Seiler hat einen Trekking-Rucksack geschultert, Kim (8) trägt einen grossen aufgeblasenen Ring um den Hals, Julia (6) hält einen aufgeblasenen Delfin an der Finne, Melina (18) hat ihre Sonnenbrille auf. Doch der Bus, in den sie einsteigen, ist angeschrieben mit «Stilli, Villigen, Döttingen».

Auf dem Ferienprogramm steht ein Tag im kleinen Villiger Freibad. «Im grossen Schwimmbad unserer Gemeinde wären die Kinder zwar gratis», sagt Karin Seiler, «aber Kim ist dort überfordert. Und sie geht da nicht gerne hin, weil sie einmal von der Rutschbahn stürzte und sich eine Gehirnerschütterung zuzog.» Kim ist das Sorgenkind der Familie, sie hat die Aufmerksamkeitsstörung ADS. So bezahlt Karin Seiler am Schwimmbad-Eingang halt statt 8 Franken
Fr. 10.50.

Das Essen im Rucksack dabei

Es ist 10 Uhr, die Badi öffnet eben erst, das Gelände ist noch fast leer. Die Familie bezieht ihr Basislager bei einer Holzbank auf der Wiese. Die Mutter deponiert den Rucksack mit dem Picknick fürs Mittag- und Nachtessen: Hörnlisalat und Fleisch für den Grill. Die beiden Kleinen packen das Wasserspielzeug aus. «Fräuleins, zuerst duschen», mahnt die Mutter und Julia lässt im Vorbeirennen bei der Dusche ein paar Tropfen Wasser über ihr Haar kullern. Sekunden später tauchen sie und Kim im noch kühlen Wasser ab. Ferien. Was heisst das für die Seilers? Kim zählt auf: «Keine Schule! Keinen Aufsatz schreiben! Nicht rechnen!» Die Mutter findet: «In die Badi gehen, nicht auf die Uhr schauen, die Kinder nicht hetzen müssen, ausschlafen, alles lockerer nehmen.» Wie die meisten Eltern wird Karin Seiler nach den kommenden fünf Wochen dennoch nicht erholt sein. «Für mich bedeuten Ferien eine lange Präsenzzeit für die Kinder.» Als Alleinerziehende ist es für sie noch intensiver. «Ich mache Ferien, wenn die Kinder wieder in der Schule sind, und lasse den Haushalt einige Tage liegen.»

Einmal konnte die Familie im Welschland in einem Haus zwei Wochen Ferien für alleinerziehende Mütter machen. Doch sie findet: «Für mich waren das keine Ferien. Nur der Tapetenwechsel bringt es nicht und zudem gibt es auch im Aargau noch viel zu entdecken.»

Richtig Ferien, das würde für sie bedeuten: nicht kochen und nicht putzen zu müssen. Das hat sie seit 19 Jahren nicht mehr erlebt. Damals war sie zum letzten Mal im Ausland in den Ferien: Griechenland. Sie war mit Melina schwanger.

Noch nie am Meer

Die Kinder waren noch nie am Meer, aber das stört sie eigentlich nur, wenn sie nach den Sommerferien in der Schule nicht von fremden Ländern erzählen können. Ihr gemeinsamer Traum wäre: Delfine beobachten. Alle vier sind delfinverrückt. Doch der aufblasbare Delfin von Julia muss genügen. Und die zahlreichen anderen kleinen Sommervergnügen der Familie: an der Aare Sandburgen bauen, wandern, skaten, bräteln – solange das Wetter hält.

Doch was ist mit Lagern? Würde das den Kindern nicht guttun? «100 bis 200 Franken Lagergeld ist viel», sagt Karin Seiler, und um einen Rabatt wolle sie nicht bitten, um sich nicht als Sozialhilfebezügerin zu outen. Und ausserdem sagt sie: «Meinen Kindern gefällt es so, sie geniessen die Zeit mit Mami.» Die 18-jährige Melina findet: «Ich wollte früher nie weg in den Ferien. Und wenn jetzt mit Kim im Lager etwas krummlaufen würde, hätte sie keinen Anker.»

Julia lernt schwimmen

Sie werden heute in der Badi bleiben, bis sie um 20 Uhr schliesst. Langweilig werde es nie, sagen die vier. Julia übt Schwimmen. «Supi, jetzt chunnts, i han u Freud», ruft ihr die Mutter zu und fügt an: «Letztes Jahr ist sie mir noch wie ein Stein untergegangen.» Von der Bank aus hat die Mutter den Überblick und selbst später, als sie mit Melina im Badi-Restaurant einen Kaffee trinkt, sieht sie, was Julia und Kim treiben. Sie haben sich auf der Wiese in der Sonne zusammengerollt.

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