Bewilligungen

«Solarstrom wird im Aargau behindert»

Plastikabdeckung statt Solaranlage auf dem alten Schulhaus im Weiler Rütihof ob Gränichen. Die Gemeinde sagt Ja zum Solarstrom, der Kanton lehnt seit Monaten kategorisch ab.

Plastikabdeckung statt Solaranlage auf dem alten Schulhaus im Weiler Rütihof ob Gränichen. Die Gemeinde sagt Ja zum Solarstrom, der Kanton lehnt seit Monaten kategorisch ab.

Die Vereinigung für Sonnenenergie und WWF kritisieren Praxis der Denkmalpflege. Diese verhindere mit ihrer restriktiven Genehmigungspolitik, dass Solaranlagen zügig gebaut und in Betrieb gesetz werden können, so die Kritik.

Mit der Diskussion über einen langfristigen Atom-Ausstieg hat die solare Stromerzeugung sprunghaft an Bedeutung gewonnen. Der Gegenwind aber ist geblieben, in der Schweiz herrsche eine Verhinderungspolitik, sagen anerkannte Fachleute – «und im Aargau ist es besonders schlimm».

Die Folgen zeigen sich an diesen unerfreulichen Fakten: Vor 20 Jahren war die Schweiz ein Solarpionierland, «jetzt sind wir vom Leader zum Schlusslicht geworden», klagen die Solarförderer der ersten Stunde. Schon 1992 haben die Metron-Architekten an ihrem Neubau in Brugg direkt neben den Bahngleisen eine Solaranlage montiert. Die Stadt hatte den höchsten Anteil Solarenergie pro Kopf – und bekam 1994 dafür den europäischen Solarpreis. «Heute hat Deutschland 200 Watt Solarstrom pro Person, ein Mehrfaches der 14 Watt in der Schweiz», sagt Energieexperte Heini Glauser von Metron.

«Willkür bei der Denkmalpflege»

Schon als Grossrat der Grünen nahm er kein Blatt vor den Mund, Solararchitekt Reto Miloni ist sich treu geblieben: «Bei der kantonalen Denkmalpflege herrscht Willkür, Solaranlagen für Wasser werden erlaubt, Panels für Solarstrom aber verboten.» Dabei spricht Miloni die Bauten unter Denkmalschutz an, ebenso die Weiler und Scheunen ausserhalb der Bauzonen, bei denen das optische Argument alles andere in den Schatten stellt.

In diesen Zonen «herrscht im Aargau eine Blockadehaltung, in Aarau sitzen Beamte, die das abklemmen», betont Miloni. Wenn es überhaupt Bewilligungen gebe, «bekommen wir diese selten unter drei Monaten, dadurch können die Förderprogramme nicht ausgeschöpft werden». Fazit des grünen Solarfreundes Miloni, der schon vor sechs Jahren im Parlament bewilligungsfreie Anlagen verlangt hat: «Es gibt im Aargau zu viele regulatorische Hindernisse.»

Warteliste bei Bundesgeldern

Weil die neueste Technik auch von Dächern mit Neigung nach Osten oder Westen und aus Fassaden Strom generieren kann, sind die Fachleute überzeugt, sie werde sich dank immer besserer Wirtschaftlichkeit rasch durchsetzen. Als Anschubfinanzierung brauche es die Kostendeckende Einspeise-Vergütung (KEV) des Bundes zweifellos, die ja von 0,6 auf maximal 0,9 Rappen Abgabe auf jede Kilowattstunde (kWh) Strom erhöht werden soll. Die landesweit 10000 Anlagen auf der Warteliste könne man damit realisieren, «aber für neu eingereichte Projekte sind die Perspektiven völlig unklar», schreibt Swissolar dazu.

Das Potenzial besser nutzen

Auch der Aargau könne zum Kanton mit hundert Prozent erneuerbarer Energie werden, glaubt der WWF Aargau. Primär mit Wasserkraft, aber auch der Solarstrom könnte einst 20 bis 30 Prozent Anteil erreichen. Insgesamt liesse sich damit der Verbrauch von heute 4740 Gigawattstunden decken. Zum Problem der Speicherung – Sonne im Sommer, Energiebedarf im Winter – glaubt Tonja Zürcher vom WWF, die Schweiz verfüge über genügend Speichermöglichkeiten in den Bergen. Und der zweifellos deutliche Zuwachs beim Strom, auch durch neue Anwendungen, könne durch bessere Effizienz aufgefangen werden. Für die Photovoltaik in derart grossem Stil müssten fast ein Drittel der 44 Quadratkilometer Dachflächen mit Panels bedeckt werden.

Musterbeispiel aus Gränichen

Auf dem Süddach des alten Schulhauses im Weiler Rütihof ob Gränichen wollen die Besitzer Solarzellen montieren. «Der Gemeinderat ist dafür, die Technischen Betriebe unterstützen das Projekt», betont Paul Müri von der Gruppe Aargau der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie (SSES). Das Ortsbild ist lediglich von regionaler Bedeutung, durch den Umbau hat sich der Charakter des «Schulhüslis» ohnehin verändert. «Die Solarpanels sind gut in die Dachhaut integriert, ganz nach Vorschrift», versichert Paul Müri. Dennoch verhindere der Kanton die Solaranlage, auch zum Ärger der Gruppe Aargau von SSES, die 750 Mitglieder zählt und sich seit 1988 für mehr Sonnenenergie stark macht.

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