Die einen sind fasziniert von der innovativen Machart des Films, die anderen verliessen das Kino schon vor Ende des Streifens, angewidert durch die vulgäre Sprache und die provokativen Bilder. Für Regisseur Urs Odermatt sei es der erste Film, mit dem er bis ins letzte Detail zufrieden sei, sagte er der az bei der Premiere. Trotzdem scheint zumindest in der Deutschschweiz der Erfolg auszubleiben.

Doch wie kam der Fall des Primar- und Turnlehrers Köbi F. überhaupt ins Rollen? Er hat zwischen 1983 und 1994 mehrere Mädchen im Alter zwischen 7 und 19 Jahren sexuell ausgebeutet. Bereits 1991 versucht Ruth Ramstein, die damalige Schulpflegerin, das sexuell auffällige Verhalten von Köbi F. gegenüber ihrer Tochter und anderen Kindern zu thematisieren. Vergeblich. Sie blitzt bei der Schulpflege und bei der Bevölkerung ab: Die Sympathiebekundungen für den damals 29-jährigen Köbi F. fegen die anfänglichen Bedenken völlig weg. Ramstein ist isoliert, zieht sich aus dem Schulrat zurück und ist verzweifelt. Sie wird später ein Buch über den Fall schreiben. Derweil herrscht im damaligen 3000-SeelenDorf wieder Courant normal.

Bis 1995. Aus heiterem Himmel kündigt Köbi F. seine Stellung als Lehrer. Trotz Einfamilienhaus mit grossem Trainingsraum und trotz grosser Beliebtheit im Dorf. Ruth Ramstein fragt beim damaligen Gemeindeammann über die Gründe nach. Dieser gibt sich ahnungslos.

Schulpflege als lächerlich hingestellt

Es dauert noch zwei Jahre, bis im April 1997 drei Mädchen auf Tele M1 und Tele Züri endlich das Schweigen brechen. Sabine, Nicole und Linda reden in der Sendung «Aktuell» vom 8.April darüber, wie Köbi F. nach dem Sport zum Duschen zu ihnen kam, bei den Trainingslagern in ihr Bett schlüpfte und sich an ihren Genitalien vergriff. Die 14-jährige Sabine, die später als Hauptopfer mit extremen Wachstumsstörungen bekannt wird, zeigt sich damals als Erste mit vollem Gesicht. Die anderen beiden Mädchen zeigen sich erst in der Sendung vom 15. April.

Köbi F. – Opfer sprechen (Archiv)

Köbi F. – Opfer sprechen (Archiv)

Die TV-Sender decken auch auf, dass besorgte Eltern bereits 1992 einen Brief mit acht Vorwürfen an die Schulpflege adressiert haben. Der damalige Schulpflegepräsident will sich erst nach der Konfrontation mit dem Schreiben daran erinnern. Weil die «überwiegende Mehrheit von Eltern am Verhalten des Lehrers keinen Anstoss genommen hat», ja die Schulpflege sogar als «lächerlich hingestellt hat, weil sie deswegen etwas unternahm», geschah erneut nichts. In einer ersten schriftlichen Reaktion bestreitet Köbi F. die Vorwürfe. Auch eine Umfrage des Regionalsenders auf der Strasse bestätigt das Bild. Eine Passantin sagt: «Nein, das glaube ich nicht, so ein junger Mann mit Familie tut das nicht.» Was nicht sein darf, gibt es nicht. Das Bezirksgericht Lenzburg nimmt nach der Enthüllung die Ermittlungen trotzdem noch in derselben Woche auf.

«Köbi F. war der König»

In den darauffolgenden Tagen melden sich weitere Mädchen beim Regionalsender, die von Köbi F. sexuell missbraucht wurden. Es sprechen auch Personen, die in der Turnhalle oder in der Badi Verdächtiges wahrgenommen haben: Köbi F. habe die Mädchen ins Füdli gebissen oder über sein Glied abrollen lassen. Auch zwei Mütter betroffener Mädchen sagen in der «Aktuell»-Sendung vom 16. April anonym und mit verfremdeter Stimme aus. Langsam bröckelt nun die Unterstützung der Schulpflege. «Nach den neuesten Enthüllungen sind wir der Meinung, dass alles gelöst werden muss, der Polizei gemeldet und der Lehrer zur Rechenschaft gezogen wird», sagt der Schulpflegepräsident in die Kamera. Beim Bezirksamt Lenzburg haben sich bis dahin zehn Opfer gemeldet, zwei davon machen eine Anzeige.

Wieso dauerte es so lange, bis Köbi F. aufflog? Ein Hinweis darauf gibt ein damaliger Turnkollege, der am 16. April auf Tele Züri im Interview sagt: «Köbi F. hatte eine unheimliche Macht, ein unheimliches Charisma, eine unheimliche Ausstrahlung.» Er sei der König gewesen. «Er hat uns alle in den Händen gehabt. Ich habe den Mann am Anfang bewundert.»

Köbi F. streitet alles ab

Am 17. April äussert sich Köbi F. erstmals in den Medien in einem knapp dreiminütigen Interview. Erneut ist Tele M1 am schnellsten dran. Er streitet alles ab: «Die Vorwürfe, die von den Mädchen erhoben wurden, treffen in den meisten Fällen nicht zu. Ich weiss nicht, was die Frauen für Motive haben, jetzt an die Öffentlichkeit zu gelangen und mich probieren kaputtzumachen.»

Köbi F. – Das exklusive Interview (Archiv)

Köbi F. – Das exklusive Interview (Archiv)

Auch später vor Gericht zeigt er sich uneinsichtig. Die Mädchen seien einverstanden gewesen mit den Berührungen und dem Geschlechtsverkehr. Das Aargauer Obergericht ist anderer Meinung und verurteilt ihn im Jahr 2000 in zweiter Instanz wegen sexueller Handlungen mit Kindern und sexueller Nötigung zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus und belegt ihn mit einem fünfjährigen Berufsverbot. Dies bestätigt später das Bundesgericht. Die Mädchen hätte er sich «hörig und gefügig gemacht», heisst es in der Urteilsbegründung. Heute ist Köbi F. wieder auf freiem Fuss und lebt ausserhalb des Aargaus. Eine Stellungnahme aus heutiger Sicht zu seinem Fall lehnte er auf Anfrage der az ab.