Energie
So testet ein Millionär die Energiewende

Dank einer Million von Unternehmer Franz Käppeli haben die Geltwiler über vier Millionen in die Energiewende gesteckt. Aber: «Geltwil ist machbar, Zürich geht nicht», heisst das Fazit des Spenders.

Hans Lüthi
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Eine unterstützte Grundwasserbohrung für die Nutzung der Erdwärme in Geltwil. Eddy Schambron

Eine unterstützte Grundwasserbohrung für die Nutzung der Erdwärme in Geltwil. Eddy Schambron

Franz Käppeli ist in Muri als Bauernsohn mit elf Geschwistern aufgewachsen. Hier lernte er schon früh das Teilen. Das kommt jetzt seiner Heimat zugute. Aus Begeisterung für alternative Energien wollte Franz Käppeli die Machbarkeit und die Effizienz von solchen Energieressourcen in seiner Heimat, die ihm lieb und teuer ist, überprüfen. Deswegen hat er die Leute in der Kleinstgemeinde Geltwil im Freiamt mit knapp 200 Einwohnern mit finanziellen Anreizen zum Mitmachen motiviert. Dafür hat die Dr.-Franz-Käppeli-Stiftung dieser Gemeinde über eine Million Franken – nicht zum Verjubeln – sondern zweckgebunden für alternative Energien geschenkt. Und so hat er die Basis für die Erkenntnisse geschaffen, wie die Energiewende angegangen werden kann. 38 der 65 Familien der Gemeinde Geltwil haben mitgemacht und das Geld wurde für Solaranlagen, Erdwärmeregister, für bessere Isolationen, neue Fenster usw. gezielt verwendet.

Auch der Bund und die Kantone verteilen Gelder für alternative Energie. Demgegenüber ist Käppelis System viel erfolgreicher, da er die Differenz zur schlechten Lösung bezahlt. Ein Beispiel: Die alte Ölheizung muss ersetzt werden, eine neue kostet 50 000 Franken. Die umweltfreundliche Erdsondenheizung mit Wärmepumpe verschlingt 80 000 Franken. Hier springt die Stiftung in die Lücke und bezahlt die fehlenden 30 000 Franken. Der Beitrag von Franz Käppeli an die Gemeinde Geltwil ist inzwischen auf über eine Million Franken angewachsen. Dieser Beitrag hat eine Initialzündung von über 4 Millionen Franken Investitionen ausgelöst. «Die Geltwiler können weitere Gesuche einreichen», sagt der Stifter – lässt aber offen, wie viele Zusatzgelder noch fliessen werden.

Was der Mäzen unbedingt wissen wollte, haben die Geltwiler – wohl stellvertretend für die ganze Schweizer Bevölkerung – überzeugend bewiesen: «Die Leute setzen mit Begeisterung auf alternative Energien, wenn es nichts zusätzlich kostet», schliesst Franz Käppeli. Eine Kappe als energetische Musterknaben haben die Geltwiler dank Käppeli schon verdient, obwohl genaue Zahlen über die Wirkung noch kaum präzise ermittelt werden können. Aber der Ölverbrauch wird sinken, die Landluft wird noch besser. Auch der hohe Anteil von 83 Prozent Atomstrom (2011) dürfte abnehmen, denn immer mehr Solarstrom kommt von den Photovoltaikanlagen auf den Dächern von Geltwil.

Atomausstieg und Energiewende, sind sie nur noch eine Frage des Geldes und fast schon ein Kinderspiel? Franz Käppeli liebt das Spiel mit den Zahlen – kommt aber zu einem völlig anderen Schluss. In Geltwil wurden dank seiner Unterstützung pro Person 20 000 Franken in erneuerbare Energie investiert, das ergibt 127 000 Franken pro Familie. Hochgerechnet auf den Bezirk Muri mit den rund 28 000 Einwohnern wäre eine Investition von 568 Millionen Franken nötig. Oder umgerechnet für die ganze Schweiz wären sage und schreibe 160 Milliarden Franken aufzuwenden. Der erfolgreiche Unternehmer sähe selbst für diese gigantische Summe einen – theoretischen – Lösungsansatz: «Wenn die 300 Reichsten im Land von ihrem Gesamtvermögen von 564 Milliarden Franken knapp ein Drittel spenden würden, wäre das Geld da – aber das ist nur ein Zahlenspiel», rechnet Käppeli.

Selbst wenn alle Millionäre und Milliardäre so spendabel wären, wäre das Energieproblem weit von einer Lösung entfernt. Die Erklärung: Erstens wären nur die Hälfte der Einwohner (wie in Geltwil) versorgt – und zwar nur, um im Winter keine kalten Füsse zu haben. Zweitens sind die Grossverbraucher überhaupt nicht eingerechnet: Industrie, Eisenbahnen, Städte, usw. Deswegen: «Geltwil ist machbar, Zürich geht nicht», bringt Käppeli das Problem der Energiewende auf den Punkt.

Eine differenzierte Haltung hat der Millionen-Spender zur Atomenergie: «Per se ist Atomenergie neutral, das ist Physik. Punkt.» Das Problem sei immer der Mensch, fehlerbehaftet und darum fahrlässig handelnd. Zwei Beispiele nennt er: In Fukushima habe man die Atomkraftwerke ans Meer gebaut, ohne Schutz vor den hier nach Erdbeben regelmässig auftretenden Tsunamis. Und in Tschernobyl habe die Betriebsmannschaft ohne jede Vorsicht herumexperimentiert, bis der Reaktor ausser Kontrolle geriet, was zur Kernschmelze und damit zu einem Super-GAU geführt habe.

Darum hänge die Kernenergie wie ein Damoklesschwert über der Gesellschaft. «Das Kernproblem der Kernspaltung ist der Mensch», sagt Käppeli. Der weltweite Umstieg auf alternative Energien ist ein unerfüllbarer Traum und damit eine Illusion. Unser Planet mit heute ca. 8 Milliarden Menschen und mit noch wachsender Bevölkerung bewegt sich auf einem zerstörerischen Pfad: Mehr Konsum, mehr Energie, mehr CO2, Anstieg der Temperaturen – trotz aller Klimakonferenzen.

Von den Politikern erwartet Käppeli keine Wunder: «Wer will schon Sparen und Verzicht predigen, wenn das keiner hören mag?» Es ist ungewohnt, wenn ein so wohlhabender Mann – «reich bin ich nicht», sagt er – mehr Bescheidenheit und vor allem Sparen fordert. Statt die Wünsche dem begrenzt vorhandenen Geld anzupassen, werde heute das nicht vorhandene Geld den grenzenlosen Wünschen angepasst. «Daraus entsteht ein gigantischer Schuldenberg, der einzige Berg, von dem aus man keine gute Aussicht hat», warnt Käppeli.