Sehbehinderung
So beschwerlich ist der Einkauf für sehbehinderte Personen

Unter dem Motto «Kleine Schriften - grosse Probleme!» verteilten Betroffene mit einer Sehbehinderung gestern im Einkaufszentrum A1 in Oftringen Broschüren. Am Tag des weissen Stockes macht der az-Redaktor den Selbsttest im Einkaufszentrum.

Adrian Hunziker
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Am Tag des weissen Stockes macht der az-Redaktor den Selbsttest im Einkaufszentrum
11 Bilder
So sehen Menschen ohne Sehbehinderung ein Preisschild.
Mit Brille ist gerade noch der Preis erkennbar.
So nah muss az-Redaktor Adrian Hunziker an die Artikel ran.
Bananen ...
... sind allenfalls noch an Form und Farbe erkennbar.
Eine Rolltreppe ...
... durch die milchige Brille gesehen.
Ein Einkauf kostet eine sehbehinderte Person viel Energie.
Das Einkaufszentrum ...
... als Hindernislauf.

Am Tag des weissen Stockes macht der az-Redaktor den Selbsttest im Einkaufszentrum

Chris Iseli

Die Sehbehinderten wollten am Internationalen Tag des weissen Stockes, der jedes Jahr am 15. Oktober stattfindet, auf schwierige Situationen im Alltag aufmerksam machen. Dabei durften Passantinnen und Passanten zum Selbsttest antreten - was auch der Redaktor ausprobierte.
Der Journalist erfuhr sehr schnell, was eine Sehbehinderung bedeutet. Er bekam eine Brille aufgesetzt, die verdeutlichen sollte, wie Menschen mit Sehbehinderung ihre Umgebung wahrnehmen. Man kann zwar noch Farben und Figuren erkennen, doch die Umgebung nimmt man sehr verschwommen war. Bei einem Spaziergang durch das Einkaufszentrum musste der Redaktor erfahren, wie viel Energie es eine sehbehinderte Person kostet, schon nur Einkäufe zu tätigen.
Glücklicherweise sind die meisten Geschäfte im Einkaufszentrum mit einem grossen Schriftzug angeschrieben. So findet der Redaktor immerhin die Läden. Doch schon folgt ein grösseres Problem - oder besser gesagt ein kleineres. Denn die Produkte sind teilweise sehr klein beschriftet. «Klare, grosse und deutliche Schrift auf neutralem Hintergrund hilft den Betroffenen sehr», sagt Martin Münch, Orientierungs- und Mobilitätslehrer beim Schweizerischen Blindenbund.
Man muss viel Energie aufwenden
Münch muss während des Rundgangs den Redaktor häufig warnen, damit dieser sich nicht an Gegenständen stösst. «Es ist immer eine gewisse Unsicherheit da», erklärt auch Erika Wälti, Präsidentin der Regionalgruppe Nordwestschweiz des Schweizerischen Blindenbundes. Die 49-Jährige ist selber seit 1995 sehbehindert und begleitet den Journalisten auf seinem Selbsttest.
Dieser merkt schon nach kürzester Zeit, wie anstrengend es ist, eine alltägliche Aufgabe wie einen einfachen Einkauf mit einer Sehbehinderung zu absolvieren. «Ich brauche sehr viel Energie», bestätigt Wälti. Für sie war es zu Beginn schwierig, andere Personen um Hilfe zu bitten. «Man will doch so selbstständig wie möglich sein und alles selber können», sagt Wälti. Da bei ihr die Sehbehinderung schleichend erfolgte, musste sie sich immer mehr eingestehen, dass sie nicht mehr alle Hürden alleine bewältigen konnte. «Am Schlimmsten war es für mich, als ich den Führerausweis abgeben musste. Das tat weh», sagt sie. Sie wohne in Gränichen ein wenig abgelegen und es wäre für sie einfacher, mit dem Auto mobil zu sein. «Mir ist aber klar, dass ich so nicht mehr fahren darf.»
Nach 40 Minuten kehrt der Journalist an seinen Ursprungsort zurück und darf die Brille wieder ablegen. Der Journalist merkt, dass das bereits eine Erleichterung darstellt. Als der kurzsichtige Schreiber dann seine korrigierte Brille wieder aufsetzt, fühlt er sich wie neu geboren. Die anwesenden Sehbehinderten spüren die Erleichterung beim Journalisten und lächeln. Sie haben sich alle mit ihrer Sehbehinderung abgefunden - man habe ja keine Wahl, sagen sie. Doch sie sind sich alle einig: Sie wollen kein Mitgefühl, sondern als ganz normale Menschen betrachtet werden. Und sie begrüssten es jeweils, wenn sie Hilfe angeboten bekämen.