Frauenstimmen
Raquel Herzog: «Ich buchte ein Ticket nach Lesbos, um mich in der Seenotrettung zu engagieren»

Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt, vor 100 Jahren die Frauenzentrale Aargau gegründet. Aus diesem Anlass stellt die AZ unter dem Titel «Frauenstimmen» jede Woche eine Frau aus dem Kanton Aargau vor – heute ist es Raquel Herzog.

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Raquel Herzog ist Retterin, Reisende, Mutter, passionierte Gärnterin.

Raquel Herzog ist Retterin, Reisende, Mutter, passionierte Gärnterin.

Iris Krebs

Eine Stimme zu haben ist ein Privileg, das wird mir immer wieder bewusst. Chancengleichheit gilt aber nicht nur für uns Schweizerinnen. Mir ist es deshalb ein Anliegen, weniger privilegierten Frauen eine Stimme zu geben: Frauen auf der Flucht, deren Stimme die Erinnerungen an ein zurückgelassenes Leben und Traumata trägt, aber auch die Hoffnung und die Vision auf ein sicheres und würdevolles Leben in der Zukunft.

Ertrunkenes Kind hat wachgerüttelt

2015 hat mich das Bild des auf der Flucht ertrunkenen Aylan Kurdi aufgerüttelt – mir wurde bewusst, dass ich mich nicht mehr vor dem Bildschirm empören kann, um gleich danach in mein warmes Bett zu schlüpfen. Ich buchte am gleichen Abend ein Ticket nach Lesbos, um mich in der Seenotrettung zu engagieren. Im März 2016 begegnete ich in dieser Funktion einer Frauengruppe. Vier junge Frauen mit ihrer 93-jährigen Grossmutter. Das folgende, viermonatige Zusammenleben hat meine Aufmerksamkeit auf die spezifische Situation von Frauen auf der Flucht gelenkt.

Flüchtlingsfrauen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, um Krieg, Gewalt und Verfolgung zu entkommen, sind belastbar und stark. Aber ihre Stimmen werden zum Schweigen gebracht und ihre Fähigkeiten unterschätzt. Sie haben ein erhöhtes Risiko, Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt, Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit zu werden. Einige der Hindernisse für sie sind: begrenzter Zugang zu Ressourcen, strukturelle Unzulänglichkeiten, überlastete oder zusammengebrochene Sicher-heitsnetze, Hindernisse bei der rechtlichen Vertretung und bei der medizinischen und reproduktiven Versorgung.

Tageszentren in Athen und auf Lesbos

Ich bin die Gründerin von SAO Association. Wir betreiben zwei Tageszentren in Athen und auf Lesbos, wo wir ein professionelles psychosoziales Unterstützungsprogramm für alleinstehende Frauen, Mütter, junge Mädchen, Witwen, behinderte und ältere Frauen auf der Flucht anbieten. Wir helfen den Frauen, traumatische Erlebnisse zu bewältigen, ihre Kräfte wiederzuerlangen und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten zu maximieren. Wir unterstützen sie in ihren Bemühungen, ein sicheres, unabhängiges und erfülltes Leben zu führen.

Ich hatte schon vor 2015 ein spannendes Berufsleben. Nach der Hotelfachschule wurde ich Mutter. Ich genoss ein paar Jahre Zeit mit meinen beiden Kindern und mit meiner Passion, dem Gärtnern. Später war ich Fernsehproduzentin und dann hat es mich in die Eventbranche verschlagen, wo ich zum Produktionsteam einer niederländischen Firma stiess. Andere Aufträge, die ich als Selbstständige ausführen durfte, waren etwa die Regieassistenz für ein Musical oder als Variété-Direktorin. Bei diesen Aufträgen kamen meine Troubbleshooting-Qualitäten zum Einsatz. Menschen und Kommunikation spielten bei allen Tätigkeiten eine zentrale Rolle, und besonders Spass machte mir, zwischen verschiedenen Sprachen zu jonglieren.

Dankbar für die Erfahrungen

Ich reise für mein Leben gerne, aber ich geniesse auch das stille Leben zuhause auf dem Dorf und in der Natur. Ich mag es, am grossen Tisch im Garten viele liebe Freunde und Familie zu bewirten. Da treffen verschiedene Menschen aufeinander und es entsteht immer etwas Unerwartetes.

Ich bin besonders dankbar für die Erfahrungen der letzten Jahre – nirgends ist man so sehr mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert wie im Kontext der «Flüchtlingskrise» – ich habe sehr viel über mich und über Toleranz gelernt.

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