Aargau

Schweinegrippe ist zurück - na und?

Die Grippewelle rollt an, aber nicht jeder Schnupfen ist gleich eine Influenza.

Die Grippewelle rollt an, aber nicht jeder Schnupfen ist gleich eine Influenza.

Die Schweinegrippe kehrt als saisonale Grippe in den Aargau zurück und kaum jemand lässt sich davon aus der Ruhe bringen. Von Schutzmasken, Quarantäne-Anordnungen und Notfall-Szenarien keine Spur. Das war 2009 ganz anders.

Die aktuelle Wintergrippe, so vermeldet das Bundesamt für Gesundheit, hat bereits Epidemie-Status erreicht. Zwei Drittel der Grippepatienten sind an Schweinegrippe erkrankt. Schweinegrippe? Da war doch mal was...

Das Schweinegrippe- oder korrekter H1N1-Virus, das 2009/10 nicht nur den Kanton Aargau, sondern fast die ganze Welt beunruhigt hatte, hat fast unbemerkt seinen Schrecken verloren. Und damit auch die hohe, bisweilen fast panisch anmutende Aufmerksamkeit, die ihm zuteil geworden war.

Der Badener Kantischüler Kerry F. erregte Ende April 2009 ungewollt und ohne eigenes Verschulden nationales Aufsehen: Er war der erste Schweinegrippe-Patient in der Schweiz. Das H1N1-Virus hatte der damals 19-Jährige als unerwünschtes Souvenir aus seinen Ferien in Mexiko nach Hause gebracht. Kerry F. wurde — abgesehen von einer kleinen Panne — unter grössten Vorsichtsmassnahmen in einem Quarantäne-Zimmer im Kantonsspital Baden betreut. Er fühlte sich zwar nicht sonderlich krank, dennoch musste dieser allererste Schweinegrippe-Fall im Lande besonders Ernst genommen werden.

Kerrys Reisekollegen und seine gesamte Familie wurden vorsorglich unter Hausarrest gestellt. Das Gleiche widerfuhr im Mai 2009 auch dem siebenköpfigen Aarauer Stadtrat. Denn einer von ihnen, Michael Ganz, war mit Grippesymptomen aus seinen Ferien in Kalifornien nach Hause zurückgekehrt. In Buchs wiederum wurde ein Kindergarten wegen eines am H1N1-Virus erkrankten Kindes geschlossen.

1,6 Millionen Schutzmasken für den Aargau

Der Kanton Aargau bereitete sich 2009 pflichtbewusst auf eine Pandemie vor — unter anderem wurden 1,6 Millionen Schutzmasken bestellt und 160000 Impfdosen, wobei der Wirkstoff erst noch ausgetüftelt werden musste. Der kantonale Krisenstab führte im Juni eine gross angelegte Pandemie-Impfübung durch und die meisten mittleren bis grösseren Unternehmen stellten Pandemie-Notfallpläne auf für den Fall, dass eine grössere Anzahl von Mitarbeitenden Schweinegrippe-bedingt ausfallen würde.

Die Heimleitung des Wohn- und Pflegehauses in Ennetbaden beispielsweise fragte die Angehörigen der Heimbewohner an, ob sie bereit wären, bei einem Personalengpass pflegerische oder hauswirtschaftliche Arbeiten zu übernehmen. An Schulen, in Heimen und in Firmen wurden die Stoffhandtücher durch Papiertücher, die Seifen durch Flüssigseife ersetzt, strenge Hygienemassnahmen wurden eingeführt und Desinfektionsmittel fanden reissenden Absatz.

Sogar die Landeskirchen erstellten Pandemievorsorge-Papiere. Unter anderem wurde für den Fall einer Pandemie zu einem Sicherheitsabstand von 1,5Metern zwischen den Kirchgängern geraten. In der reformierten Kirche Baden nahm man es besonders Ernst mit der Hygiene. So wurde beim Abendmahl auf das Brot und den Gemeinschaftskelch verzichtet und bei der Taufe nahm der Pfarrer die Kinder nicht mehr auf den Arm.

Die weitgreifenden Vorsichtsmassnahmen schienen nicht übertrieben zu sein. Schliesslich hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO die höchste Pandemiestufe ausgerufen und es wurde befürchtet, dass bis zu 2 Millionen Schweizerinnen und Schweizer an dem neuen Grippevirus A/H1N1 erkranken würden.

Harmloser als saisonale Grippe

Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht. Irgendwann erkannte man, dass erstens: längst nicht so viele Leute erkrankten (schweizweit eher 2000 als 2Millionen gemeldete Fälle) und dass zweitens: das H1N1-Virus gar nicht so schrecklich gefährlich war, wie man befürchtet hatte. In der Regel verlief die Schweinegrippe sogar eher harmloser als eine saisonale Grippe. Aber das konnte natürlich niemand voraussehen.

Vor einem Jahr beendete der kantonale Führungsstab seinen Pandemie-Einsatz. Und Mitte August 2010 erklärte der Bundesrat die Grippe-Pandemie H1N1 als beendet und löste den Krisenstab auf. Geblieben ist indessen das H1N1-Virus. Es ist weiterhin munter unterwegs, aber als ziemlich gewöhnliches saisonales Grippevirus.

Das bestätigt auch der Aargauer Kantonsarzt Martin Roth. «Das H1N1-Virus ist eines der drei Viren, auf die der aktuelle Grippeimpfstoff ausgerichtet ist. Spezielle Empfehlungen sind nicht notwendig. Es gilt ganz einfach, was bei jeder normalen Grippe gilt: Risikogruppen, zu denen Chronischkranke, ältere Menschen und Schwangere gehören, sollten sich impfen lassen.»

Noch sei es nicht zu spät dazu, aber gewissermassen «die allerletzte Sekunde». Denn: «Es dauert zwei Wochen, bis der Impfschutz vollständig aufgebaut ist.» Wichtig aber sei, dass Grippekranke zu Hause blieben, damit sie nicht noch viele andere anstecken würden.

Pandemie-Konzept

Bei ABB Schweiz in Baden, die 2009 ein perfektes Pandemie-Konzept aufgestellt hatte, ist die Schweinegrippe zurzeit kein Thema. «Wir haben den Angestellten wie jedes Jahr eine freiwillige Grippe-Impfung angeboten», erklärt Lukas Inderfurth, Leiter der ABB-Medienstelle. «Zwischen 10 und 15 Prozent der Mitarbeitenden haben davon Gebrauch gemacht; das ist ein guter Wert, aber er ist nicht höher als in anderen Jahren.»

Ähnlich tönt es bei der Aargauischen Kantonalbank in Aarau: «Wir haben keine speziellen Massnahmen ergriffen, wir verhalten uns so, wie bei einer ganz normalen Grippe», erklärt Ursula Diebold, Leiterin Kommunikation der AKB. Ruedi Wernli, Kirchenschreiber der Reformierten Landeskirche Aargau, betont: «Es war gut, dass wir uns damals auf den Pandemiefall vorbereitet haben. Aber die damals getroffenen Hygiene- und Schutzmassnahmen haben wir wieder aufgehoben.»

Hygiene ist salonfähig

Eines aber hat die Schweinegrippe-Zeit 2009/10 auf jeden Fall bewirkt: Hygiene wurde ein salonfähiges Thema, häufiges Händewaschen sowie «anständiges» Husten und Niesen trainiert. Das kann auch im Zuge der mit dem H1N1-Virus versetzten saisonalen Grippe nicht schaden.

Und — für den Fall der Fälle verfügen nun Kanton, Gemeinden, Kirchen, Firmen, Schulen, Heime, Kindertagesstätten und Spitäler über erstklassige Pandemievorsorge- und Massnahmepläne, die bei Bedarf einfach hervorgeholt werden können. Zudem sind die eingelagerten Schutzmasken vermutlich sehr, sehr lange haltbar.

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