Höchste Aargauerin
Schreiber-Rebmann: «Das zweite Vizepräsidium ist unnötig»

Grossratspräsidentin Patricia Schreiber-Rebmann über ihr Amtsjahr, ihre grössten Höhepunkte, ihre Niederlagen und wie sie über die Katastrophe in Japan denkt.

Mathias Küng
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Patricia Schreiber-Rebmann daheim in ihrem Steingarten. Alex Spichale Patricia Schreiber-Rebmann daheim in ihrem Steingarten. Alex Spichale

Patricia Schreiber-Rebmann daheim in ihrem Steingarten. Alex Spichale Patricia Schreiber-Rebmann daheim in ihrem Steingarten. Alex Spichale

Frau Schreiber, Ihr Jahr als Grossratspräsidentin neigt sich dem Ende zu. Schon in einer Woche wird Theo Voegtli Ihr Nachfolger. Erlebten Sie ein besonderes Highlight?

Patricia Schreiber-Rebmann: Sehr spannend war die Energiegesetzdebatte im Grossen Rat. Im Ergebnis war das allerdings kein Highlight. In meinen repräsentativen Aufgaben als Grossratspräsidentin erlebte ich dafür viele Höhepunkte.

Zum Beispiel?

Ich denke an das Aargauer Symphonie-Orchester oder an den Sportball. Dass ich im Jahr der Biodiversität am Tag der Artenvielfalt in Rheinfelden eine Rede halten konnte, hat mich sehr gefreut. Als Fricktalerin bin ich auch sehr beeindruckt, wie aktiv die Region Zofingen ist. Mit Powerman, Heitere Festival, Biomarché usw.

Sie wurden Grossrätin, um der Natur mehr Stimme zu geben. Konnten Sie dies im Präsidialjahr auch?

Ja, beispielsweise bei der Eröffnung des Juraparks, als noch nicht klar war, ob alle Gemeinden zusagen. Dort habe ich für unsere Natur und Landschaft ein Wort einlegen können. Diese Aspekte habe ich überall eingebracht, wo es möglich war. Besonders erfreulich finde ich, dass die seit 25 Jahren tätigen Grünen erstmals überhaupt das Präsidium stellen konnten. Das zeigt; wir gehören inzwischen dazu. Auch in den Medien werden wir stärker wahrgenommen. Sicher auch dank Susanne Hochulis Wahl in die Regierung.

Sie hatten sich vorgenommen, weniger Militär- oder Bankenanlässe zu besuchen, dafür etwa der Frauenlandsgemeinde Gewicht zu geben. Haben Sie das so umgesetzt?

Jein, ich habe schliesslich all jene Einladungen wahrgenommen, die mir möglich waren. Ich war sehr gerne an der Frauenlandsgemeinde oder am Jubiläum von Heks oder am Pfadi-Bott – aber auch beim Militär und Schützenfest. Je öfter man hingeht, desto mehr Leute kennt man. Das gab spannende Begegnungen.

Sie wollten via Präsidium dem Aargau das Fricktal näherbringen. Es lief genau umgekehrt. Warum?

Immerhin wissen jetzt alle von der Existenz von Wegenstetten. Ich musste aber sehen, dass es nicht geht, Leute von einem Verbandsanlass einfach ins Fricktal zu holen. Ich war mehrfach bei den Wanderungen der Aargauer Zeitung dabei. Auch auf diese Weise lernte ich weitere total spannende und schöne Regionen kennen. Ich hoffe, Ihr macht das wieder! Bald habe ich wieder mehr Zeit als letztes Jahr...

An Ihrer Wahlfeier erhielten Sie von der damaligen Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer eine gelbe und eine rote Karte. Brauchten Sie diese im Rat einmal?

Ich hatte sie immer dabei, um sie einzusetzen, falls eine Debatte aus dem Ruder laufen sollte. Es war aber nur einmal eine Verwarnung nötig. Und zwar vor drei Wochen, als es meines Erachtens rassistische Äusserungen gab. Der Redner selbst empfand das nicht so. Ich bin aber froh, dass ich eingegriffen habe.

Als Präsidentin sahen Sie gut in die Funktionsweise des Parlaments hinein. Würden Sie etwas ändern?

Ich habe erlebt, wie wertvoll die Arbeit der Parlamentsdienste ist. Das zweite Vizepräsidium des Grossen Rates ist aber unnötig. Ein Jahr Vize reicht, um fürs Präsidium vorbereitet zu sein.

Und sonst?

Unlängst waren wir im Baselbieter Landrat zu Besuch. Dort gilt, dass man in der Reihenfolge der Grösse der Fraktionen zu Geschäften spricht. Bei uns spricht man in der Reihenfolge der Anmeldungen. Das Baselbieter Modell könnte ich mir gut vorstellen. So würden sich beim Ratspräsidium am Morgen keine grossen Warteschlangen für Wortmeldungen mehr bilden.

Als Präsidentin mussten Sie sich inhaltlich sehr zurücknehmen. Das ist bald vorbei. Werden Sie in der zweiten Lesung des Energiegesetzes selber in die Debatte eingreifen?

Ja, das werde ich und ich freue ich mich drauf. Auch darauf, dass ich selber wieder mitdiskutieren kann. Das hat mir wirklich gefehlt. Ich werde mich wieder in bestimmte Themen hineinknien und mitbestimmen.

Nehmen Sie die Themen aus der Zeit vor dem Präsidium wieder auf?

Nein. Zuvor war ich in der Kommission Aufgabenplanung und Finanzen (Kapf). Diesen Platz habe ich abgegeben. Neu bin ich Mitglied in der nicht ständigen Kommission zur Weiterentwicklung der Führungsinstrumente. Ein Platz in der Umweltkommission ist bei uns Grünen sehr begehrt. Ansonsten hoffe ich sowieso, ab Herbst in Bern politisieren zu können.

Klappen wird das ja nur, wenn die Grünen einen zweiten Sitz erobern.

Unser zweiter Nationalratssitz war noch nie so wahrscheinlich wie heute. Natürlich kommt es auch auf unsere Listenverbindungsstrategie an.

Eigentlich hätten wir erwartet, dass Sie auch als Ständeratskandidatin lanciert werden.

Das wollte ich auf keinen Fall. Sehen Sie, bis Ende März bin ich als Ratspräsidentin politisch neutralisiert. Und nachher hätte ich mit Leuten, die seit Jahren in Bern oder Vollzeit-Politiker sind, an Podien auftreten sollen. Das wäre ein enormer Mehraufwand gewesen.

Wir stehen im Bann einer dreifachen Katastrophe in Japan. Erdbeben, Tsunami, AKW Fukushima. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Wir leiden mit der japanischen Bevölkerung mit. Das Geschehen zeigt aber auch, wie wichtig die Abkehr von der Atomenergie ist. Leute, die weiter daran festhalten wollen, verstehe ich nicht. Denken wir dran: Wir im Aargau leben fast alle im 20-Kilometer-Radius rund um die Atomkraftwerke.