Ausverkauf
Schnäppchen und Ausverkauf: Das Januarloch stirbt aus

Weihnachten hat an den Ersparnissen genagt – aber der Rubel rollt trotzdem. Dank dem Januarloch. Die Konsumenten nutzen die Tage um munter shoppen zu gehen.

Katja Landolt und Maja Sommerhalder
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Das Januarloch: Synonym für Ebbe im Portemonnaie, den finanziellen Engpass nach dem Weihnachtsshopping. Oder das mentale Tief zum Jahresbeginn, die Antriebslosigkeit.

Das Januarloch ist eine Erfindung der Schweizer; ausserhalb der Landesgrenzen kennt man den Begriff nicht. Und er ist vom Aussterben bedroht, cleveres Marketing macht ihm langsam, aber sicher den Garaus: Grelle Plakate werben für Schnäppchen im Ausverkauf, die Läden sind voll. Bäckereien verkaufen «Januarloch-Gebäck», Lebkuchen oder Studentenschnitten mit Löchern. Kochmagazine listen seitenweise besonders preisgünstige Rezepte auf und Partyveranstalter vertreiben mit entsprechenden Partys die Winterdepressionen. Und selbst wer diesen Monat ein Hotel sucht, wird mit «Januarloch-Angeboten» gelockt. Wo also ist das Januarloch?

«Nicht billiger – linienbewusster»

Eine Umfrage in der Region zeigt, dass sich kaum einer über fehlende Kundschaft beklagt. «Als es die Kreditkarte noch nicht gab, spürten wir das Januarloch. Heute aber ist das anders», sagt Josef Füglistaller, Wirt des Restaurants Kellerämterhof in Oberlunkhofen: «Der Januar ist ein durchschnittlicher Monat. Aber natürlich ist nicht so viel los wie im Dezember.» Auch essen seine Gäste im Januar nicht so üppig: «Das heisst aber nicht, dass sie billigere Menüs bestellen. Viele ernähren sich einfach linienbewusster.»

Auch in der Stierli-Metzgerei in Bremgarten bricht der Umsatz im Januar nicht zusammen: «Der Januar ist ein ganz normaler Monat. Auch verkaufen wir nicht andere Produkte als sonst», so Inhaber Urs Stierli. Ruhig sei es in der Metzgerei eher während der Schulferien. Ähnlich sieht es auch bei den Aargauer Coop-Filialen aus, wie Pressesprecherin Noemi Mascarello sagt: «Vor den Festtagen gönnen sich die Kunden mehr. Im Januar normalisiert sich einfach das Geschäft.»

Im Januar kommen die guten Vorsätze

Im Döttinger Lillo Fitness-Träff läuft es im Januar sogar besonders gut, wie Inhaber Lillo Giammarinaro bestätigt: «Es ist jedes Jahr das Gleiche. Die Leute haben im Januar gute Vorsätze und merken, dass sie seit längerem nichts mehr gemacht haben. Momentan haben wir etwa vier bis fünf Anmeldungen pro Tag.»

Sommerloch statt Januarloch

Etwas anders sieht es in der Boutique fil-à-fil in Brugg aus, wie Inhaberin Iren Bärtschi sagt: «Der Januar ist ein umsatzschwacher Monat.» Die Leute hätten weniger Geld und brauchten nichts. «Sie kaufen sich im Frühling wieder neue Kleider.» Mit dem Ausverkauf kann sie das Januarloch zwar etwas stopfen: «Allerdings profitiert man damit finanziell nicht wirklich.»

Im Shoppingcenter Spreitenbach spürt man das Januarloch wegen des Ausverkaufs kaum, so Mediensprecher Renato Blösch: «Meistens wird es danach etwas ruhiger, bis die neue Kollektion da ist.» Im Shoppingcenter gebe es aber ein Sommerloch: «Während der Sommerferien ist nicht so viel los. Dafür zieht das Geschäft im Herbst wieder stark an.»

Januar-Termine ausgebucht

Gut spürbar ist das Januarloch bei der Schuldenberatung Aargau-Solothurn: «Im Januar sind sämtliche Beratungstermine belegt», sagt Barbara Zobrist. Angemeldet haben sich die Betroffenen aber bereits im Dezember. «Zum Jahresende flattern Rechnungen von Versicherungen und Strassenverkehrsamt ins Haus und die Steuerzahlungen können auch nicht länger aufgeschoben werden. Dann merken viele, welche finanzielle Pflichten im Januar auf sie zukommen», sagt Zobrist.

Dazu kämen auch solche, die gut ins neue Jahr starten wollen und sich deshalb im Dezember bei der Schuldenberatung melden. Gut besucht seien jeweils auch die Infoveranstaltungen. «Die Leute übernehmen heute mehr Eigenverantwortung als früher, sie gestehen sich schneller ein, dass sie Hilfe benötigen.»

Kein Thema ist hingegen das Januarloch bei der Schuldenberatung der Sozialen Dienste der Stadt Brugg: «Fehlmanagement mit den Finanzen ist nicht vom Monat abhängig, wir haben im Januar nicht mehr Beratungsgespräche», sagt Jürg Schönenberger, Leiter der Sozialen Dienste. «Auch wenn die Verlockungen mit vermeintlichen Schnäppchen um Weihnachten herum besonders gross sind.»

Kein «Januarloch der Psyche»

Schlägt der Januar vielleicht besonders aufs Gemüt? Nein, heisst es bei den Psychiatrische Dienste Aargau AG in Windisch. «Ein ‹Januarloch der Psyche› gibt es nicht», sagt Kommunikationsleiterin Sibylle Kloser Rhyner. Depressionen würden in der dunkleren Jahreshälfte zwar zunehmen, die Klinikauslastung sei im Januar aber nicht höher als in anderen Wintermonaten. «Auch der ambulante Dienst verzeichnet nicht mehr oder weniger Anmeldungen als sonst.»

Einen Rückgang der Anmeldungen im stationären Bereich verzeichnet gar die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Laut Chefarzt Jürg Unger gibt es in den Weihnachtsferien weniger Anmeldungen und Aufnahmen in die PSJ (Station für Jugendliche in Königsfelden) so wie auch während der Sommerferien. Unger vermutet den Grund dafür darin, dass in dieser Zeit die Belastungen der Familien und in der Schule etwas zurückgehen.