Kein Mensch wusste nach der abrupten Schliessung der Deponie, wie es nun weitergehen sollte. Fachleute und Politiker gingen zu sorglos mit der tickenden Zeitbombe um. Was vorerst nach einer Neuordnung des Betriebes aussah, um noch mehr Abfälle einlagern zu können, wurde zur Sanierung in Etappen: Weil grosse Mengen stinkendes Abwasser in die Kläranlage flossen, musste zuerst die Oberfläche der Deponie abgedichtet werden. Unterirdisch infiltrierten die Schmutzstoffe die Richtung Kölliker Rinne fliessenden Wasser.

Damit bedrohten die Giftstoffe den grossen Grundwasserstrom. 1993 wurde ein Riegel aus einem Dutzend Sicherungsbrunnen in die Kölliker Rinne gebaut, 1994 folgte die Schmutzwasser- und Abluftbehandlungsanlage (Swalba). Später kamen dann Abschirmungen rund um die Deponie dazu. «Schon vor dem Rückbau haben die Sanierungen 150 Millionen Franken verschlungen», sagt der frühere SMDK-Geschäftsführer Jean-Louis Tardent. Im April 1987 wurde er zur Lösung des Problems vom Konsortium eingestellt – und blieb bis zur Pension im Frühjahr 2011.

Unklares Gefahrenpotenzial

In der Ratlosigkeit um die Zukunft setzte die Aargauer Regierung eine unabhängige Kommission aus nationalen Experten ein, die gravierende Mängel ans Tageslicht förderte: Niemand kannte das Gefahrenpotenzial, das Stinkwasser aus der Deponie floss in die Kanalisation, um das Umfeld machte sich niemand Gedanken.

Die Abdeckung der Oberfläche ist beim Betrieb der Deponie sträflich vernachlässigt worden. Weil vor Ort niemand wirklich verantwortlich war, stellte das Konsortium neben Geschäftsführer Tardent auch Betriebsleiter Josef Hochreuter ein. Von 1986 bis 1990 wurde eine mehrlagige Abdeckung aus mineralischem Material eingebaut. Mit vertikalen Sonden und horizontalen Drainagen wurde das Gas laufend abgesaugt.

Viel Schmutzwasser und Gase

Das mit Schadstoffen aller Art belastete Sickerwasser aus der Deponie kam vorerst in einen alten Öltank – der ohne jede Bewilligung aufgestellt worden war. Dieser wurde dann durch eine moderne Tankanlage ersetzt. Der stinkende Inhalt kam per Tanklastwagen zur Entsorgung in Industriekläranlagen, primär nach Zürich und zur Basler Chemie. Nach vielen Pilotversuchen entstand die eigene Lösung zur Behandlung von Schmutzwasser und Abluft. Der neue Zweckbau musste auf Verlangen des Gemeinderates aus optischen Gründen dem Bauernhaus daneben angepasst werden. Das blaue Haus als Heimatschutz am Rand der Grube entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Im Innern vernichtet die eigene Entsorgung alle Schadstoffe: Die Kläranlage reinigt bis zu 150 Kubikmeter Schmutzwasser pro Tag, die Behandlung von Gas und Abluft ist auf 500 Kubikmeter ausgelegt. Für die Verbrennung in den zwei Hochtemperaturöfen muss zugeleitetes Erdgas eingesetzt werden, 93000 Kubikmeter jährlich. Der Betrieb verbrennt viel Energie: Die Wärme aus dem Erdgas entspricht 948000 Kilowattstunden Strom. Dazu kommt der direkte Verbrauch von 448000 kWh pro Jahr, alles nur für den Unterhalt. Die Swalba schafft die Gefahren nicht aus der Welt, sie beseitigt die Symptome.

Abschirmung mit Sickerpfählen

«Wir haben uns immer gefragt, woher das viele Wasser kommt, auch nach der Abdichtung der Oberfläche», erinnert sich Tardent. Es kam vom Berg her, es drückt von unten her in die Deponie – wird aber heute in einem Stollen gefasst. Die Abschirmung Nord, eine 380 Meter lange und bis 13,5 Meter tiefe Sickerwand, fasst seit 1998 das frische Wasser aus dem Berg und leitet es in den Dorfbach. Als nächster Schritt kam 2003 die Abschirmung Süd, welche die Deponie u-förmig umfasst. Gebaut wurde nur der erste Teil: Edelstahl-Filterrohre und Sickerkies füllten die Bohrungen von 80 Zentimetern Durchmesser. Diese Sickerpfähle im Abstand von vier Metern fangen das Schmutz- und Sauberwasser selektiv auf. Unten mündet die Brunnenreihe in einem 600 Meter langen, begehbaren Werkstollen. Als die Gesamtsanierung in Griffnähe kam, stellten die Betreiber die geplante, bis 35 Meter in die Tiefe reichende Dichtwand entlang der Kantonsstrasse zurück.

Rückbau als einzig echte Lösung

Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende setzte sich als echte Sanierungsoption immer mehr durch. Denn die Betriebskosten und die periodisch nötigen Erneuerungen der Abschirmungsbauwerke würden nach 150 bis 200 Jahren gleich viel kosten wie ein Rückbau – ohne das Problem zu lösen. Die weltweit einmalige Gesamtsanierung einer grossen Deponie nahm gigantische Züge an. Das Bauprojekt umfasste 1800 Seiten Text und 230 Pläne in 17 Dossiers; der Auflage Ende 2003 folgte die Baubewilligung im Juli 2004. Schon beim Bau erregten die über 100 Millionen Franken teuren Hallen mit der markanten Bogenkonstruktion viel Aufsehen. Als das neue Kölliker Wahrzeichen stand, konnte der Rückbau beginnen – nur 29 Jahre nach der Eröffnung.