Raser-Urteile
Richter fassen Raser mit Samthandschuhen an

Die Zweite Instanz hat mehrere Urteile bei Raserprozessen der letzten Jahre milder gefällt als das Bezirksgericht. Dies zeigt ein Vergleich von Urteilen, die in den letzten Jahren bei Raser-Prozessen im Kanton Aargau gefällt wurden.

Rosmarie Mehlin
Merken
Drucken
Teilen

Mit grosser Spannung wird in gut zwei Wochen das Urteil im Raserprozess von Schönenwerd erwartet. In den letzten Jahren hatten auch im Aargau verschiedene Prozesse gegen Raser für grosses Aufsehen gesorgt. Auffallend: In drei von vier besonders krassen Fällen hatte das Obergericht die von der ersten Instanz ausgesprochenen Strafen so reduziert, dass keiner der Täter ins Gefängnis musste. Alle diese Urteile fielen nach Einführung des neuen – deutlich milderen – Strafrechts.

Gute Prognose gab Ausschlag

Am Abend des 13. August 2003 war der damals 34-jährige Schweizer D.H. mit seinem Porsche 944 Turbo auf der Ausserortsstrecke zwischen Zeiningen und Mumpf mit zirka 130 Stundenkilometern unterwegs. Die 15-jährige Carina, die mit ihrem Velo die Landstrasse queren wollte, hatte keine Chance. Sie starb im Feld neben der Strasse, wohin sie durch den wuchtigen Aufprall mit dem Porsche geschleudert worden war.

Der Staatsanwalt hatte auf fahrlässige Tötung geklagt und 21⁄4 Jahre Gefängnis gefordert. Im September 2006 hatte das Bezirksgericht Rheinfelden unter Vorsitz von Regula Lützelschwab D.H., von Beruf Mechaniker und in der Freizeit Auto- und Motorradfreak, zu 2 Jahren Gefängnis unbedingt verurteilt. Im Februar 2008 bestätigte das Obergericht den Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung, gewährte D.H. aber trotz «mangelnder Einsicht in sein Fehlverhalten» den bedingte Strafvollzug mit der Begründung, dass «dem in einer festen Beziehung lebenden, arbeitsamen und gut beleumundeten Schweizer alles in allem eine gute Prognose gestellt werden» könne.

Kein Pardon in Baden

2005 und 2006 musste sich das Bezirksgericht Baden unter Präsident Guido Näf mit zwei krassen Fällen von Autorasern beschäftigen. Mit beiden Urteilen wurden Marksteine gesetzt, dass es für diese Delikte kein Pardon geben sollte.

Im Juli 2005 war der 23-jähriger Italiener M.M., dem der Lernfahrausweis (!) einen Monat zuvor entzogen worden war, mit dem Auto eines Kollegen in Mellingen mit zwischen 100 km/h innerorts und 160 km/h ausserorts vor einer Verkehrskontrolle geflüchtet. Einen Monat später hatte er – wiederum mit bis zu 160 km/h – zwischen Bremgarten und Eggenwil die Herrschaft über dasselbe Fahrzeug verloren und war auf der Gegenfahrbahn mit einem korrekt entgegenkommenden Fahrzeug kollidiert. Dessen Insassen waren wie durch ein Wunder nur leicht verletzt worden.

Der Staatsanwalt hatte den gelernten Elektromonteur der mehrfachen Gefährdung des Lebens angeklagt und 18 Monate unbedingt gefordert. Die Badener Richter hatten den Schuldspruch verschärft und die Strafe glatt verdoppelt: Drei Jahre Zuchthaus für mehrfache versuchte eventualvorsätzliche Tötung. Ein Jahr später sprach das Obergericht den Italiener von diesem Vorwurf frei und verurteilte ihn wegen mehrfacher Gefährdung des Lebens zu 22 Monaten bedingt.

Wegen Gruppendynamik reduziert

Als «Raser von Baden» hatte ein Schweizer traurige Berühmtheit erlangt. Mit mindestens 1,32 Promille Alkohol im Blut hatte der damals 26-jährige R.L. in der Nacht zu Heiligabend 2003 am Steuer seiner 90000-fränkigen, geleasten japanischen «Rennmaschine» den Tod eines gleichaltrigen Kumpels verursacht. Eine Clique von jungen Männern hatte tüchtig gebechert und gefeiert gehabt, als sie zu fünft in den Wagen von R.L. gestiegen waren und unterwegs einen sechsten Mann aufgeladen hatten. Mit rund 70 Sachen hatte R.L. in der Stadt Baden die Herrschaft über sein Auto verloren, dieses hatte sich überschlagen und war auf eine Böschung katapultiert worden. Der 26-Jährige, der sich als sechster Passagier zu Füssen der drei Mitfahrer im Fonds gelegt hatte, war sofort tot.

2 Jahre Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung hatte der Staatsanwalt gefordert; im August 2005 hatte das Bezirksgericht Baden R.L. zu 21⁄2 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Januar 2007 bestätigte das Obergericht zwar den Schuldspruch, gewichtete aber verschiedene äussere Umstände mildernd: Die fünf Kumpels hätten mit ihrem Verhalten die Risikobereitschaft von R.L. erhöht und damit dessen Hemmschwelle herabgesetzt gehabt, wodurch eine Gruppendynamik entstanden sei. Die Strafe wurde um sechs Monate reduziert und R.L. der bedingte Strafvollzug gewährt.

Raserrennen von Muri

Ein Raserunfall, klar vergleichbar mit jenem von Schönenwerd, hatte sich im November 2003 in Muri ereignet. Der damals 29-jährige Kosovo-Albaner L.T. hatte sich auf der Kantonsstrasse Richtung Wohlen mit seinem acht Jahre älteren Landsmann K.D., mit seiner Familie in Auto, ein Rennen geliefert. Nachdem die beiden Automobilisten über mehrere hundert Meter mit zirka 120 km/h nebeneinanderfuhren, war es zu einer seitlichen Streifkollision gekommen. Danach war K.D. frontal mit einen korrekt entgegenkommenden Wagen kollidiert. Dessen Lenker wurde getötet, seine Mitfahrerin schwer verletzt. Auch K.D. starb, seine Ehefrau und die vier Kinder erlitten Verletzungen.

Vor Bezirksgericht Muri, wie später auch vor Obergericht, hatte L.T. völlige Einsichtslosigkeit an den Tag gelegt. Dreimal hatte der Kosovo-Albaner die Auto-Theorieprüfung nicht geschafft und der Lernfahrausweis war ihm entzogen worden. «Meine einzige Schuld ist, dass ich ohne Führerschein gefahren bin», so der Hilfsarbeiter und Vater eines Kindes.

Der Staatsanwalt hatte für 7 Jahre Zuchthaus plädiert, für mehrfache eventualvorsätzliche Tötung. Die Murianer Richter unter Vorsitz von Benno Weber hatten L.T. schuldig «nur» der fahrlässigen Tötung gesprochen, zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt und anschliessender 5-jähriger Landesverweisung. Neun Monate später erkannte das Obergericht auf eventualvorsätzliche Tötung und verhängte eine 51⁄2-jährige Zuchthausstrafe, gewährte für die Landesverweisung aber den bedingten Vollzug.

Bundesgericht pfeift zurück

Im Januar 2007 hob das Bundesgericht dieses Urteil auf und schob den Fall zur Neubeurteilung ans Obergericht zurück. Dieses verurteilte L.T. im März 2007 nunmehr wieder wegen fahrlässiger Tötung zu 3 Jahren Gefängnis unbedingt. Im August 2007 verfügte das Aargauer Migrationsamt die Ausweisung des Kosovaren aus der Schweiz für unbestimmte Zeit. Dieser Entscheid wurde im April 2008 vom Bundesgericht bestätigt.