Gewalt
Respekt vor Polizei sinkt auch im Aargau

Immer öfter werden Leute bei Kontrollen der Ordnungskräfte verbal ausfällig oder sogar handgreiflich.

Toni Widmer
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Am Samstag ist in Aarau ein Stadtpolizist im Dienst am Bein verletzt worden. Er war von einem bisher unbekannten Motorradlenker angefahren worden, der sich einer Kontrolle entzogen hatte (die az Aargauer Zeitung berichtete). Der Stadtpolizist ist nicht der einzige Aargauer Polizist, der es am Wochenende mit gewaltbereiten «Kunden» zu tun bekommen hatte:

In der Nacht auf Samstag war ein 27-jähriger Schweizer bei einer Kontrolle in Brugg auf zwei Regionalpolizisten losgegangen und hatte sich derart renitent verhalten, dass er in Handschellen gelegt werden musste.

In der Nacht auf Sonntag war es ein 37-jähriger Schweizer, der sich am Aarauer Flösserplatz mit Kantons- und Regionalpolizisten prügeln wollte und von diesen überwältigt werden musste.

Beschimpft, bespuckt, angegriffen

«Die Polizei ist auch im Aargau bei Interventionen und Kontrollen immer häufiger mit Leuten konfrontiert, die sich renitent verhalten», sagt Kapo-Mediensprecher Bernhard Graser. Der Respekt gegenüber der Polizei sei in den vergangenen Jahren merklich gesunken. Wo früher bei Kontrollen und Interventionen Anordnungen umgehend befolgt worden seien, allenfalls unter leichtem Murren, werde heute nicht selten
ein sehr aggressives Verhalten an den Tag gelegt: «Unsere Leute wer-den nicht nur grob beschimpft oder bespuckt, sondern nicht selten auch tätlich angegriffen», sagt Graser.

Konfrontiert würden die Polizistinnen und Polizisten dabei aber nicht nur mit der Gewalt von angehaltenen Personen: «Immer mehr müssen wir feststellen, dass bei unseren Einsätzen Drittpersonen ins Geschehen eingreifen, sich mit Unruhestiftern oder anderen Tätern solidarisieren und mit ihnen dann gemeinsam Front gegen die Polizei machen», erklärt der Mediensprecher.

Ein schweizweites Problem

Vielfach seien bei solchen Vorfällen auch Alkohol und/oder Drogen im Spiel. «Die Reaktionen haben viel mit dem veränderten Ausgangsverhalten zu tun und sind Ausdruck unserer 24-Stunden-Spassgesellschaft», glaubt Graser. Die Leute gingen nach Veranstaltungsschluss nicht mehr umgehend nach Hause, sondern blieben auf den Gassen. Dort versuchten sie dann, noch «irgendetwas» zum Laufen» zu bringen. Für die Kantons- und Regionalpolizeien seien solche Einsätze äusserst mühsam: «Da werden Kräfte gebunden, die wir andernorts sinnvoller einsetzen könnten.»

Beleidigungen und Gewalt gegen die Polizei gehören nicht nur im Aargau schon bald zur Tagesordnung. Die Hemmschwelle gegenüber den Ordnungshütern ist in den vergangenen Jahren schweizweit deutlich gesunken und hat laut dem VSPB (Verband Schweizerischer Polizei-Beamter) die Grenze des Inakzeptablen erreicht. Laut VSPB wurden im Jahr 2008 schweizweit über 2000 Fälle von Angriffen gegen Polizistinnen und Polizisten registriert. Das entspricht gegenüber dem Jahr 2000 einer Zunahme von 160 Prozent. Der Verband hat im Herbst 2009 eine Petition zum Thema ausgearbeitet und diese dem Bundesrat überwiesen. Mit der Petition «Stopp der Gewalt gegen die Polizei» verlangt der VSPB, dass von Bundesrat und Parlament Massnahmen ergriffen würden, um diesen Missstand zu bekämpfen.

Das Thema ist von Daniel Todesco im Rahmen seines Nachdiplomstudiums auch wissenschaftlich untersucht worden. Der ehemalige Wettinger Kantischüler, spätere Zürcher Stadtpolizist und heutige Mitarbeiter der Zürcher Staatsanwaltschaft weist nach, dass sich jeder dritte Polizist vor tätlichen Angriffen fürchtet.