Aargau
«Raser muss man sofort von der Strasse holen»

Der Polizeikommandant Stephan Reinhardt über Tempoexzesse, Schusswaffeneinsätze und die Sicherheit im Kanton.

Christian Dorer, Michael Spillmann
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Herr Reinhardt, wie sicher ist der Kanton Aargau?

Stephan Reinhardt: Der Aargau ist ein sicherer Kanton. Das lässt sich objektiv mit Zahlen belegen: Wir klären viele schwere Delikte auf und wir sind bei einem Notfall sehr schnell vor Ort. Sicherheit hat aber auch eine subjektive Komponente: Gemäss unserer letzten Umfrage fühlen sich 80 Prozent der Aargauer sicher.

Sie dürfen bis 2017 mindestens 80 Polizisten aufstocken. Was werden die neuen Polizisten machen: mehr Bussen verteilen?

Stephan Reinhardt: Da kann ich alle beruhigen, die oft mit dem Auto unterwegs sind: Es wird nicht mehr Verkehrskontrollen geben (lacht). Wir brauchen zukünftig vor allem mehr Spezialisten, etwa um die organisierte Kriminalität und den Drogenhandel zu bekämpfen.

Polizisten werden heute öfter angepöbelt. Woran liegt das?

Stephan Reinhardt: Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Generell gesehen hat sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in den letzten Jahren verändert. Der Ruf nach der Polizei kommt heute auch bei Bagatellfällen viel schneller und selbstverständlicher als noch vor 20 Jahren. Unsere Notrufzentrale nimmt täglich bis zu 700 Anrufe entgegen! Unsere Polizistinnen und Polizisten werden teilweise Projektionsfläche für Unzufriedenheiten. Damit müssen sie umgehen können.

Wie beurteilen Sie den Einsatz der Sondereinheit im Fall Wohlen, bei dem ein Polizist einen renitenten Mann angeschossen hat?

Stephan Reinhardt: Da es sich dabei um ein laufendes Verfahren handelt, kann ich mich dazu nicht äussern. Nur so viel: Ich blicke dem Verfahrensverlauf mit der nötigen Gelassenheit entgegen.

Polizeidirektor Urs Hofmann beantragte eine externe Untersuchung. Wäre das in Ihrem Sinn gewesen?

Stephan Reinhardt: Wie gesagt: Ich kann mich dazu nicht äussern.

Es gab Kritik, bei der Aargauer Kantonspolizei «sitze der Colt tief».

Stephan Reinhardt: Kein Polizist – weder die Mitarbeitenden der Kantonspolizei Aargau noch einer anderen Polizeiorganisation – macht gern von der Schusswaffe Gebrauch. Das ist immer das allerletzte Mittel und stellt niemals eine Selbstverständlichkeit dar. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden, eine Generalisierung ist nicht möglich. Ich weise darauf hin, dass unsere SE Argus, welche für anspruchsvolle Interventionen beigezogen wird, 2009 in 84 Fällen aufgeboten werden musste.

Sie haben 2009 bei den Auto-Tunern auf der Würenloser Raststätte durchgegriffen. Mit Erfolg?

Stephan Reinhardt: Ja, aber einmal durchgreifen hält nicht für die nächsten drei Jahre. Die Polizei markiert dort nach wie vor regelmässig Präsenz. Der Einsatz war ein Zeichen, dass wir keinen rechtsfreien Raum dulden. Es war aber kein generelles Signal gegen junge Fahrzeugfans, sondern gegen jene notorischen Verkehrssünder, welche auf dem Rastplatz und auf der Autobahn ihr Unwesen trieben.

Was macht die Polizei gegen Raser und Tempoexzesse?

Stephan Reinhardt: Raser muss man sofort und gezielt von der Strasse holen. Wir konfrontieren sie noch vor Ort mit ihrem Verhalten und nehmen ihnen den Führerausweis auf der Stelle weg. Das hat eine viel stärkere und nachhaltigere Wirkung, als wenn Wochen später ein eingeschriebener Brief kommt.

Ein häufiger Vorwurf lautet: Die Polizei büsst wegen Lappalien statt gegen die Raser vorzugehen.

Stephan Reinhardt: Der Vorwurf ist unzutreffend. Es geht uns nicht um die Einnahme von Bussengeldern, sondern um die Erhöhung der Verkehrssicherheit. Ich persönlich bin kein Freund des «Kilometer-Radärlens» auf der Autobahn und damit auch nicht vom Betrieb fixer Radarkästen. Es macht beispielsweise wenig Sinn, Handwerker oder Hausfrauen bei Bagatellübertretungen im Feierabendverkehr zu schröpfen. Vergessen wir nicht, der wichtigste Partner bei Gewährleistung der Verkehrssicherheit ist der Verkehrsteilnehmer selber. Wenn der einzelne Autofahrer den Sinn von Kontrollen nicht mehr nachvollziehen kann, verlieren unsere Bemühungen gegen Tempoexzesse und weitere schwere Verkehrsdelikte an Glaubwürdigkeit.