Königsfelden

Psychisch Kranke: Gastfamilie gesucht

Gastmutter Marie-Louise Küchler (rechts) zusammen mit «Laura», die wieder Fuss fassen will im normalen Leben.

Gastmutter Marie-Louise Küchler (rechts) zusammen mit «Laura», die wieder Fuss fassen will im normalen Leben.

Die Psychiatrischen Dienste Aargau suchen Personen und Familien, die bereit sind, eine psychisch kranke Person nach der Akutbehandlung bei sich aufzunehmen.

Vor rund zwei Jahren war es, als die Polizei an einem Aargauer Bahnhof eine völlig aufgelöste, haltlos weinende Frau aufgriff und in die Psychiatrische Klinik Königsfelden brachte. Die Frau, nennen wir sie Laura, ist manisch-depressiv und hatte damals eine tiefe Krise.

Anderthalb Jahre lang blieb sie in der Psychiatrischen Klinik. Kurz vor Weihnachten 2010 änderte sich ihr Leben grundlegend: Eine ihr bisher unbekannte Familie reichte ihr gewissermassen die Hand und half ihr dabei, die schützenden Mauern der Klinik zu verlassen und sich ans «normale» Leben heranzuwagen. Denn Familie Küchler aus Boswil hatte sich dazu entschlossen, die Einlegerwohnung in ihrem Haus einer psychisch kranken Person zur Verfügung zu stellen und als Gastfamilie Unterstützung zu bieten.

Seither lebt Laura dort in der möblierten Zweieinhalbzimmerwohnung und tastet sich – mithilfe von Familie Küchler – Schritt für Schritt ins Leben zurück. «Ich bin überzeugt», sagt Marie-Louise Küchler, «wenn Laura schon früher eine solche Lösung gehabt hätte, hätte sie die Klinik auch viel früher verlassen können.» Und das wäre – dies nebenbei – gesundheitspolitisch wohl sinnvoller und günstiger gewesen.

Wohin wenn man niemand hat?

Laura hatte aber keine andere Lösung. Ihre beiden Ehen waren gescheitert, das Verhältnis zur Tochter ist eher schwierig, sie hatte keine Freunde, kein soziales Netz, auf das sie sich hätte stützen können. Und nach eineinhalb Jahren in der Klinik hatte sie auch keine Wohnung mehr; diese war zwangsgeräumt worden.

Mit ihrer psychischen Krankheit stand die 46-Jährige vor dem Nichts; nur Angst hatte sie mehr als genug. Angst vor der Zukunft, Angst, es nicht zu schaffen, Angst, alleine zu sein, nirgends gebraucht zu werden, nirgends erwünscht zu sein.

«Wie weiter?» Diese Frage stellt sich manchen Patientinnen und Patienten, die die Psychiatrische Klinik verlassen. Sie können oder wollen nicht in ihr früheres Umfeld zurück, aber auch alleine oder in einer entsprechenden Institution zu wohnen, scheint für sie ungeeignet zu sein. «In der Psychiatrie hat ein Umdenken stattgefunden», erklärt Markus Eichkorn, Leiter Sozialdienst der Psychiatrischen Klinik Königsfelden.

«Heute fragt man vermehrt, ‹was wollen die Patienten?› und beschliesst nicht einfach über ihren Kopf hinweg. «Und die Patienten wollen vor allem eines: Mehr Normalität.» Nach einer Akutbehandlung in der Klinik ist es aber oft gar nicht so einfach, ins normale Leben zurückzukehren. Psychischkranke benötigen für eine erfolgreiche Rehabilitation ein geeignetes, unterstützendes Umfeld. Dies kann im Idealfall die eigene Familie bieten, aber auch eine passende Institution wie etwa «Betreutes Wohnen» oder ein Heim.

Neu soll es im Aargau auch noch ein weiteres Angebot geben: Gastfamilien, die bereit sind, eine psychisch kranke Person nach dem Klinikaufenthalt bei sich aufzunehmen und sie auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu betreuen und zu begleiten. Wie dies Familie Küchler mit Laura bereits vorlebt.

Der Sozialdienst der Klinik Königsfelden mit Markus Eichkorn und den Praktikantinnen Sabine Wehner und Aicha M’ham hat das Projekt «Gastfamilie» als neues Wohnangebot für psychische Kranke im Aargau entwickelt. Für die beiden Praktikantinnen stellt das Projekt die Master- beziehungsweise Bachelor-Abschlussarbeit dar. «Die Erfahrungen mit unserer ersten Gastfamilie sind durchwegs positiv. Das hat uns ermutigt, das Projekt Gastfamilie weiterzuverfolgen», erklärt Markus Eichkorn. «Die Suche nach Normalität für die Psychischkranken ist dabei nur ein Aspekt von vielen.

Das Leben in der Gastfamilie bietet zudem ein wohlwollendes, überschaubares Umfeld, in dem individuelle Entwicklungsprozesse im Vordergrund stehen. Die psychisch kranken Gäste werden von den Familienmitgliedern unterstützt und durch die Teilnahme am Familienleben auch aktiviert.»

Dadurch wird dem Gast mehr Autonomie bei der Lebensgestaltung ermöglicht. Die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gastfamilie machen den Patienten Mut und verhelfen ihnen zu einer besseren Lebensqualität. Wichtig ist dabei auch das (Wieder-)Erlernen oder Wahrnehmen sozialer Rollen.

Marie-Louise Küchler ist überzeugt vom Projekt «Gastfamilie». «Mir gefällt die Idee, jemanden für eine beschränkte Zeit zu begleiten und ihm dabei zu helfen, erfolgreich einen Neustart vorzubereiten.» Mit Laura klappe es sehr gut. «Sie kann bestimmen, wie lange sie bei uns bleiben will, wie viel Hilfe sie von uns will und ob sie an unseren Aktivitäten teilnehmen will», erklärt Marie-Louise Küchler, Hauswirtschaftslehrerin und Mutter von fünf erwachsenen Kindern.

Laura verbringt einige Stunden täglich an einem geschützten Arbeitsplatz und besorgt ihren Haushalt in der Einlegerwohnung. Dass sie jederzeit eine Ansprechperson in der Gastfamilie findet, ist sehr beruhigend für sie. Lauras Ziel: In der Region eine neue Stelle und eine eigene Wohnung finden. «Im Januar ist Laura in ein Oberstufenskilager mitgekommen und hat mir beim Kochen geholfen», freut sich die 56-jährige Gastmutter.

Nun sei sie ‹endlich wieder einmal unter normalen Leuten›, habe Laura erleichtert gesagt, obwohl ihr doch ab und zu der Wirbel, den übermütige Jugendliche veranstalten können, zu viel gewesen sei. «Seit 15 Jahren war Laura nicht mehr in den Ferien», weiss Marie-Louise Küchler. «Darum habe ich ihr angeboten, mich zu begleiten, wenn ich mit meiner Mutter eine Woche lang zur Kur fahre. Laura freut sich sehr auf diese Ferien und spart nun, um selbst auch etwas an die Kosten beitragen zu können.»

Das Projekt Gastfamilie eignet sich für psychisch Kranke, die nach dem Klinikaufenthalt nicht allein leben möchten oder (noch) nicht allein leben können und deshalb eine Betreuungsperson zur Alltagsbewältigung benötigen. «Natürlich müssen die Patienten genügend autonom und stabil sein, bevor sie in eine Gastfamilie gehen können», sagt Markus Eichkorn. «Personen mit akuten Suchtproblemen oder akuter Suizidalität beispielsweise gehören in einen professionellen Rahmen und werden sicher nicht vermittelt.»

Als Gastfamilien kommen Familien, Paare oder Einzelpersonen infrage. Sie haben eine hohe moralische Verantwortung zu tragen. Voraussetzungen sind die Bereitschaft und die Möglichkeit, den Gast ins Familienleben zu integrieren sowie genügend freier Wohnraum; zumindest ein eigenes Zimmer muss der Gast haben. «Mit grosser Sorgfalt prüfen wir, welche Patientinnen und Patienten, aber auch welche Gastfamilien geeignet sind und natürlich, wer zu wem passt, welche Paarungen harmonieren», versichert Markus Eichkorn.

«Diese Abklärungen sind zwar sehr zeitintensiv, aber äusserst wichtig. Nur wenn die Zuteilung stimmt, der Auswahlprozess mit der nötigen Sensibilität vollzogen wird, hat das Ganze auch Erfolg.» Der Sozialdienst nimmt nicht nur die Auswahl vor, sondern berät die Gastfamilien in allen Fragen der Unterbringung. Eine medizinische Notfallbetreuung ist durch die Klinik Königsfelden rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr gewährleistet.

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