Seit den Anschlägen von Paris vor Wochenfrist sind Terror und radikaler Islamismus in aller Munde. Weltweit solidarisieren sich Menschen unter dem Schlagwort «Je suis Charlie» mit den Opfern, trauern mit deren Angehörigen und sagen dem Extremismus den Kampf an.

Gegen Radikalismus

Auch Seraffetin Karadeniz ist bestürzt von den Ereignissen in der französischen Hauptstadt. Er lebt in Rheinfelden, ist dort im Bewohnerverein Augarten aktiv und Präsident des Islamischen Kulturvereins «Merkez Camii» (zentrale Moschee), der in Rheinfelden eine Moschee betreibt, in der knapp 300 Mitglieder regelmässig beten. «Diese Anschläge haben nichts mit meinem Islam zu tun», sagt er gegenüber der Aargauer Zeitung, «ich lehne Radikalismus ab.»

Und weiter: «Mein Glauben sagt mir, ich muss alle Menschen lieben, schliesslich wurden sie von Gott geschaffen.» Die Täter waren deshalb in seinen Augen nicht in erster Linie Muslime, sondern «Franzosen, die schon zuvor einige Zeit im Gefängnis verbracht haben».

Ganz ähnlich äussert sich sein Bruder Halil, der in Rheinfelden den Verein Bab-i Reyhan (Weg zur Blume) führt, einen Freizeitverein für Muslime, der seit 1992 existiert. «Wir trinken keinen Alkohol und spielen nicht Karten, wollten aber einen Raum, in dem wir uns treffen, unterhalten und auch beten können», erinnert er sich an die Anfänge des Vereins.

Zu den Anschlägen in Paris sagt er: «Die Muslime, die ich kenne, sind gegen Gewalt. In meinem Glaubensverständnis hat Radikalismus keinen Platz. Man darf Islam nicht mit Terrorismus gleichsetzen.» Serafettin Karadeniz ist es auch wichtig, dass Jugendliche nicht mit Radikalismus in Kontakt kommen. «Wir arbeiten viel mit Jugendlichen», betont er.

Arbeit mit Jugendlichen

Mädchen und Knaben treiben im Verein gemeinsam Sport, treffen sich zum Billard – und haben auch die Anschläge in Paris thematisiert. «Selbstverständlich», wie Serafettin Karadeniz sagt. «Wir wollen die Jugendlichen vor Radikalismus schützen und ihnen klar zeigen, was verboten ist.»

«Merkez Camii» steht deshalb auch in Kontakt mit Jugendgruppen anderer Religionen. «Es gibt gegenseitige Besuche, damit sich die Jugendlichen kennen lernen können», erklärt Serafettin Karadeniz. Bis jetzt, so Halil Karadeniz, hätten die Anschläge in Paris keinen Einfluss auf seinen Alltag gehabt und er wünsche sich auch, dass das so bleibt. Die Gefahr bestehe aber, dass nun alle Muslime mit den Radikalen in einen Topf geworfen werden.

Damit dies nicht geschehe, müssten auch die Medien ihre Verantwortung wahrnehmen. Und: «Möglicherweise wird der Dachverband Aargauer Muslime Aktionen durchführen, um unsere Art des Glaubens zu präsentieren», so Halil Karadeniz, «daran würden wir uns dann beteiligen.» Entsprechende Gespräche seien im Gang.

Sein Bruder Serafettin sieht eine weitere Möglichkeit, sich im Alltag gegen ein negatives Bild des Islams zu wehren: «Jeder Einzelne muss ganz offen und ehrlich sein. Wir müssen nicht bloss sagen, dass wir die anderen Religionen anerkennen, sondern auch danach handeln.»