Baden

Pflegezentrum Baden: Niemand soll heimlich sterben

Die Badener Stadträtin Daniela Oehrli und Marc Pfirter, Direktor des Regionalen Pflegezentrums Baden, im Gespräch über würdevolles Sterben.

Die Badener Stadträtin Daniela Oehrli und Marc Pfirter, Direktor des Regionalen Pflegezentrums Baden, im Gespräch über würdevolles Sterben.

Das Regionale Pflegezentrum Baden greift ein Tabuthema auf und setzt auf eine klare Haltung. «Selbstbestimmtes Sterben» soll im Regionalen Pflegezentrum Baden künftig «möglich» sein.

«Die Einstellung zum Tod prägt die Einstellung zum Leben», sagt Marc Pfirter, Direktor des Regionalen Pflegezentrums Baden (RPB). Und Daniela Oehrli, Badener Stadträtin und Präsidentin der RPB-Kommission, erklärt: «Selbstbestimmung wird in unseren Institutionen grossgeschrieben.

Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht, ein hohes Gut; und es leuchtet nicht ein, warum dies beim Sterben plötzlich nicht mehr gelten soll.» Konkret bedeutet das: Auch alte, unheilbar kranke Menschen in einem Pflegeheim sollen selbst entscheiden können, wann und wie sie sterben wollen – ob sie die Unterstützung einer Sterbehilfe-Organisation in Anspruch nehmen wollen.

Und dieser Wunsch soll über der persönlichen Einstellung von Pflegenden, Angehörigen und der Öffentlichkeit stehen.

In Alters- und Pflegeinstitutionen gehören Sterben und Tod zum Alltag. Die meisten Menschen, die in eine solche Institution ziehen, bleiben dort bis zu ihrem Lebensende. Viele Heime halten in ihren Leitbildern explizit fest, dass selbstbestimmtes Sterben oder Freitodbegleitung in ihrer Institution nicht möglich sei.

Doch Daniela Oehrli weiss: Auch wenn in den meisten Pflegeinstitutionen ein selbstbestimmtes Sterben offiziell nicht möglich ist, kommt es vor, dass in speziellen, rechtlich klar abgesicherten Fällen, betagte Menschen dann sterben dürfen, wenn sie dies wünschen. «Man spricht nicht darüber, aus Angst, in ein seltsames Licht gerückt zu werden.» Doch Daniela Oehrli betont: «Niemand soll heimlich sterben müssen. Das ist unehrlich und unwürdig.»

Hält sich eine Institution aber strikte an ihre Leitlinien, bleibt einer sterbewilligen, unheilbar kranken Person, die vielleicht seit Jahren in einem Altersheim lebt, nur die Möglichkeit, das Haus zu verlassen und an einem fremden Ort, in anonymer Atmosphäre den «Schierlingsbecher» auszutrinken, weil ihr dies in ihrem letzten (Da)Heim nicht erlaubt war. «Das kann nicht der richtige Weg sein», sind Marc Pfirter und Daniela Oehrli überzeugt.

Im Kanton Zürich wird heute über zwei Sterbehilfe-Vorlagen abgestimmt, die beide von der EDU (Eidgenössisch-Demokratische Union) lanciert wurden.

Die EDU will den Sterbetourismus im Kanton Zürich verhindern und den Kanton zur Einreichung einer Standesinitiative «Stopp der Suizidbeihilfe» verpflichten. «Wir sind der Ansicht, dass nicht die Politik, sondern die Gesellschaft die Regeln dazu aufstellen muss, wie wir mit dem Sterben umgehen wollen», sagt Daniela Oehrli.

«Die Gesellschaft muss Wege finden, um mit diesem Tabu zu brechen und gangbare Wege zu finden. Deshalb ist es wichtig, dass man sich mit diesem Thema immer wieder auseinandersetzt.»

Genau dies tut man am Regionalen Pflegezentrum Baden. «Kommission und Geschäftsleitung haben gemeinsam eine Grundhaltung erarbeitet und diese wollen wir auch offenlegen», sagt Daniela Oehrli.

Sie lautet: «Selbstbestimmtes Sterben soll im Regionalen Pflegezentrum Baden möglich sein». Das heisst – sollte der sehr seltene Fall eintreten, dass eine betagte, schwer kranke Person, die im RPB wohnt, ihrem Leben mithilfe einer Sterbeorganisation ein Ende bereiten möchte, soll sie dies in ihrer gewohnten Umgebung tun dürfen.

Direktor Marc Pfirter ist sich bewusst: «Wir können und wollen niemandem eine Haltung aufzwingen – weder unserem Personal noch unseren Bewohnerinnen und Bewohnern oder deren Angehörigen. Aber wir wollen Offenheit signalisieren und einen Prozess in Gang bringen. Uns interessiert es sehr und wir möchten erfahren, was andere darüber denken», betont Marc Pfirter.

«Wir möchten erfahren, wie die Öffentlichkeit auf die Haltung des RPB reagiert und ob wir damit auf eine gewisse Akzeptanz stossen.» Im Wissen darum, dass es sich um ein heikles, äusserst vielschichtiges Thema handelt, wollen sich Geschäftsleitung und Kommission im nächsten Jahr ganz speziell der Auseinandersetzung mit selbstbestimmtem Sterben, mit Sterbehilfe und Suizidbegleitung, widmen: Unter anderem sind öffentliche Symposien und Forumsveranstaltungen geplant.

«Der Austausch mit der interessierten Bevölkerung ist für uns wichtig und wird uns bei der Erarbeitung unserer künftigen Grundsätze und Richtlinien unterstützen», sagt Marc Pfirter.

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