Pflege
Patienten nicht mehr mit Medikamenten ruhigstellen

Die Branche will wegkommen von alten Bildern und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Pascale Bruderer rief die Branche auf, ihre Stimme zu bündeln und sich nicht entmutigen zu lassen.

Mathias Küng
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Diskussion

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Wer hat frühere Bilder von ans Bett gefesselten oder mit Psychopharmaka ruhiggestellten Patienten psychiatrischer Kliniken nicht noch im Kopf? Von solchen Bildern will die Psychiatrie radikal wegkommen. Das neue Selbstverständnis der Branche ist aber schwierig zu vermitteln.

Das Interesse der Medien für sie scheint nicht vergleichbar mit demjenigen etwa für die Debatte über den Standort eines Herztransplantationszentrums. Über den «Tag der Psychiatrie» vom vorvergangenen Sonntag jedenfalls habe er nirgendwo etwas lesen können, stellte Daniel Bielinski, Chefarzt in Königsfelden, an einem gut besuchten Netzwerkanlass der «Vision Trion» im Kultur- & Kongresshaus Aarau fest.

Ruf nach individuellen Lösungen

An diesem Anlass stellten sich die Fachleute der Frage, was sie sich unter «patientenzentrierter Behandlung» vorstellen. Dabei begeisterte Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer mit einem engagierten und fachkundigen Votum. Sie rief auf, für individuelle Probleme individuelle Lösungen zu finden, und zeigte sich überzeugt, dass auch bei einer fortgeschrittenen Krankheit ein erfülltes Leben möglich sein kann.

Zu einer zeitgemässen Psychiatrie gehören auch Tageskliniken, so Bruderer. Sie rief die Branche auf, sich von «manchmal etwas merkwürdigen politischen Entscheiden» nicht entmutigen zu lassen und ihre Stimme zu bündeln, damit man sie auch in Bern hört. Bruderer: «Ich helfe dabei mit.»

Mit dem Ruf nach mehr Tageskliniken rannte Bruderer bei den Psychiatern offene Türen ein. Doch für die Finanzierung müssten noch Wege gefunden werden, seufzte Samuel Rom, CEO der Klinik Schützen Rheinfelden, mit einem Seitenblick auf Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli.

Angesichts unterdurchschnittlicher Behandlungszahlen und -kosten sagte Rom mit Blick auf die Bemühungen des Aargaus, zu den Top-Kantonen aufzusteigen: «Bitte, machen Sie das auch in der Psychiatrie. Die Patienten werden dafür danken.»

Laut Bielinski könnte etwa ein Drittel der stationären Patienten in Königsfelden ebenso gut in einer Tagesklinik behandelt werden. Ein Mangel an Patienten dürfte gleichwohl nicht so rasch eintreten. Laut Wulf Rössler von der Psychiatrischen Uniklinik Zürich erkrankt im Jahr nämlich ein Viertel der Bevölkerung an einer psychischen Störung. Stationär behandelt werden 1 bis 2 Prozent. Rössler: «Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs.»

Hochuli: Tageskliniken ausbauen

In einer von Franziska Boccarelli von Radio Argovia moderierten Gesprächsrunde räumte die neue Gesundheitsdirektorin Hochuli ein, die Psychiatrie sei früher eher stiefmütterlich behandelt worden. Die neue Gesundheitspolitische Gesamtplanung setzt aber auf eine «zeitgemässe und integrierte Psychiatrie» und stellt den Menschen in den Mittelpunkt.

Hochuli setzt auf Massnahmen, «die den Patienten am wenigsten einschränken». Ja, es gebe zu wenig Tageskliniken. Man werde weiter ausbauen müssen. Doch die Finanzierungslösung hat sie noch nicht.

Daniel Heller, Grossrat und VR-Präsident der Klinik Barmelweid, bekräftigte, dass die Politik den Paradigmenwechsel in der Psychiatrie voll mittrage. Derweil prophezeite Jürg Beer, Chefarzt und Leiter des Departements Innere Medizin am Kantonsspital Baden, dass die Spitäler und die Psychiatrie näher zusammenrücken werden – was die Psychiater auch wollen.

Erste Schritte seien gemacht. Jacobo Thurthaler, Präsident der Aargauischen Gesellschaft für Psychiatrie, beruhigte, die Patienten würden im Grossen und Ganzen richtig behandelt – oft auch von Hausärzten.

Urs Hepp, Chefarzt des Externen Psychiatrischen Dienstes der Psychiatrischen Dienste Aargau, betonte, im Vordergrund müsse nicht die Frage stehen, ob ambulante oder stationäre Behandlung besser sei. Den Patienten sei schlicht die Behandlung mit der besten Erfolgsaussicht zukommen zu lassen. Angesichts der Begeisterung für ein Aufholen des Aargaus lenkte Michael Rolaz von Santésuisse den Blick auf die leidige Kostenseite. Seine Vision ist eine leistungsorientierte Abgeltung auch in der Psychiatrie.