Pater Gregor

Pater-Gregor-Opfer: «Ich spüre keinen Hass, nur Verachtung»

Michael Senn steht jetzt auch öffentlich zu seinem Schicksal. Michael Senn steht jetzt auch öffentlich zu seinem Schicksal.

Michael Senn steht jetzt auch öffentlich zu seinem Schicksal. Michael Senn steht jetzt auch öffentlich zu seinem Schicksal.

«Man muss sich als Opfer nicht verstecken oder einfach darüber hinweggehen», sagt Michael Senn. Der Badener ist eines der Opfer, die den Berufsweg des römisch-katholischen Seelsorgers Pater Gregor Müller säumen.

In dem von Gregor Müller gegründeten Jugendchor hatte sich der Zisterziensermönch an den 14-Jährigen herangemacht. Jahrzehntelang hatte Senn mit dieser Last gelebt. «Ich war gerade im Auto unterwegs, als in den Radionachrichten von der Überführung des Paters von Schübelbach im Bistum Chur berichtet wurde.»

Ohne sicher zu sein, dass es derselbe war, kam ihm Pater Gregor aus seiner Jugend in den Sinn. In diesem Moment begann für Michael Senn der Weg, um den seine Seele belastenden Fall aufzuarbeiten. Kurz darauf wurde bekannt, dass Pater Gregor unter anderem im Kloster Wettingen Mehrerau bei Bregenz, in Salem am Bodensee und möglicherweise in Baden Knaben missbraucht hatte.

Das Bistum Basel, zu dessen Gebiet die Kirchgemeinde Baden gehört, erliess via katholische Kirchgemeinde Baden einen Aufruf an mögliche Opfer, sich zu melden. «Diesen Aufruf fand ich sehr mutig.» Auch Senn meldete sich: «Ich bin nicht mehr bereit, mich als Opfer weiterhin zu verstecken.»

Seelische Manipulation

Damit begann für ihn ein Hürdenlauf. «Doch nach jeder Hürde, die man gemeistert hat, geht es besser.» Er sprach mit seiner Familie, mit Freunden und Bekannten mit dem Arbeitgeber über seine Situation. «Ich habe keine negativen Reaktionen erlebt.» Selbst für den Vorstand des ökumenischen Kirchenchores an seinem heutigen Wohnort ist es selbstverständlich, dass er weiterhin Vorstandsmitglied bleibt, obwohl er aus der Kirche ausgetreten ist.

Oft fragt sich Senn, warum er sich damals nicht gewehrt habe. «Innerlich wusste ich, dass etwas passiert, das nicht sein darf, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte, und ich stand einem kirchlichen Mann gegenüber», erinnert er sich. «Dazu kam die seelische Manipulation, damit nichts an die Öffentlichkeit kommt.»

Vor über 30 Jahren waren Seelsorger noch Autoritätspersonen. Und so wie er sich vor 30 Jahren nichts hat anmerken lassen, hat er danach gelebt. Er fragt sich oft, wie heute die unmittelbare Umgebung eines Jugendlichen mit einem Fall umgehen würde, wenn er bekannt würde. «Es ist fraglich, wie die Eltern reagieren würden.»

Er nimmt an, dass auch in der heutigen, weniger autoritätsgläubigen Gesellschaft die Eltern bei einem ähnlichen Fall überfordert werden, denn: «Es gibt keine offensichtlichen Blessuren.»

Als im Kloster Wettingen Mehrerau die ersten Verfehlungen von Pater Gregor entdeckt wurden, wurde dieser versetzt, unter anderem nach Salem (Baden-Württemberg) und nach Baden im Wissen der Bistumsleitung Basel um die Verfehlungen. «Ich kann mir einfach schlecht vorstellen, dass die Kirchenbehörden bei uns nichts wussten.»

Sie haben bewusst in Kauf genommen, dass Kinder gefährdet wurden. Und jetzt sind die Taten, zumindest diejenigen, die gemeldet wurden, verjährt. «Die Kirche ist ein weltumspannender Konzern mit, wirtschaftlich gesehen, unfähigen Managern», stellt Senn fest.

Er hat auch wenig Verständnis für Leute, die Untaten Gregors nun relativieren wollen. Sie weisen auf auf die guten Leistungen wie die Gründung und Führung des Jugendchores in Baden hin. Doch für Senn ist unbestritten: «Alle guten Taten können auch nicht nur eine Untat aufwiegen.»

Vier Personen aus Baden hatten sich nach dem Aufruf darauf beim Bistum gemeldet. «Damit wurde mir bewusst, dass ich nicht alleine bin, bisher hatte ich mich immer als Einzelfall angesehen.» Das hat ihm geholfen, an die Öffentlichkeit zu treten.

Das Bistum bot ihm ein Gespräch mit einer Psychologin an. «Diese Frau hat mir sehr geholfen, den ersten Schritt zur Verarbeitung einfacher zu machen.» Seine Aussagen wurden protokolliert. Enttäuscht ist Michael Senn allerdings über das weitere Verhalten des Bistums Basel: «Ich haben nichts mehr gehört, nicht einmal einen Brief haben sie geschickt.»

5000 Euro für jedes Opfer

Um ein vielfaches schwieriger ist die Situation von missbrauchten Behinderten. Diese Leute können ihre Probleme nur bedingt oder gar nicht mit anderen Leuten besprechen und somit aufarbeiten. Selbst wenn es ihnen gelingt, die körperliche Beeinträchtigung mit der Zeit zu überwinden, die seelische Verletzung bleibt ihnen. Für den Rest ihres Lebens müssen sie damit umgeben, mit einer äusserst geringen Chance auf Heilung.

Die deutsche Bischofskonferenz hat vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass sie jedem Opfer 5000 Euro zukommen lässt. Das möchte Senn nicht: «Das sieht mir eher nach Schweigegeld aus.» Überhaupt findet er die Situation komisch: «Der Täter wird geschützt, die Opfer sind auf sich allein gestellt.»

Denn, wo Pater Gregor lebt, ist nicht bekannt. Für seinen Lebensunterhalt muss er nicht selber sorgen. Im Kloster Wettingen Mehrerau hiess es vor Monatsfrist einzig: «Er ist nicht im Kloster.» Dagegen muss jedes Opfer weiterhin in seinem Leben, vor seiner Familie, in seinem Beruf bestehen.

Die ganzen Vorfälle lassen Senn zum Schluss kommen: «Die Verfehlungen von Pater Gregor Müller sind Teil meines Lebens und werden es auch bleiben. Sie sind aber auch Teil der katholischen Kirche Baden und werden es bleiben.»

Senn ist sich bewusst, dass sein Hürdenlauf noch nicht zu Ende ist. Er ist aber überzeugt, dass er den seelischen Schmerz damit lindern kann und zu seiner Haltung gegenüber der Kirche sagt er: «Ich hasse die katholischen kirchlichen Instanzen nicht, ich habe nur Verachtung für sie übrig.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1