Blutrache-Prozess

Obergericht Aargau bestätigt 18 Jahre Zuchthaus für Mörder

Grosses Polizei-Aufgebot während dem Blutrache-Prozess am Donnerstagnachmittag in Aarau

Grosses Polizei-Aufgebot während dem Blutrache-Prozess am Donnerstagnachmittag in Aarau

Ein Kosovare muss wegen der «Hinrichtung» von 1997 in Gipf-Oberfrick für 18 Jahre hinter Gitter. Die vom Angeklagten eingelegte Berufung wurde vom Obergericht abgelehnt. Da halfen auch die Aussagen des Kronzeugen, der Vater des Angeklagten, nichts.

«Was ist denn hier los?», fragte eine Passantin vor dem Obergerichtsgebäude in Aarau. Sie hatte das grosse Polizeiaufgebot und die Kameras der Medien nicht übersehen können. Dutzende Polizistinnen und Polizisten sicherten das Gerichtsgebäude, während der Angeklagte per Panzerwagen durch den Hintereingang ins Obergericht geführt wurde.

Die Gäste der Verhandlung mussten zudem Kontrollen, wie sie am Flughafen üblich sind, über sich ergehen lassen. Und das alles wegen des Berufungverfahrens eines Kosovaren, der anno 1997 an einer Blutrachetat in Gipf-Oberfrick einer der Täter gewesen sein soll.

Hinrichtung auf offener Strasse

Im November 2010 war das Polizeiaufgebot in Schafisheim noch um einiges grösser. Damals stand der heute 33-jährige Kosovare S.S. vor dem Bezirksgericht Laufenburg. Er wurde angeklagt, er hätte im Juni 1997 als 19-Jähriger zusammen mit seinem Cousin ein Mitglied einer verfeindeten Familie in Gipf-Oberfrick mit 17 Schüssen in den Kopf regelrecht hingerichtet.

Der Angeklagte bestritt damals wie auch heute, die Tat begangen zu haben. Er gab aber zu, an besagtem Tag am Tatort gewesen zu sein. Dies aber nur, um im Ort eine Adresse und Geld abzuholen, im Auftrag seines Onkels E.S.

Der Angeklagte behauptete, die Tat hätten andere vorgenommen und danach die benutzten Pistolen zu ihm ins Auto geworfen. Dann seien sein Cousin und er geflohen. Das Bezirksgericht nahm dem Beschuldigten diese Ausführungen nicht ab und verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von 18 Jahren.

Der Vater als Kronzeuge

Am Donnerstag nun fand das Berufungsverfahren statt. Als Kronzeuge fungierte der Vater des Angeklagten A.S. Dieser war bereits zum Verfahren vor dem Bezirksgericht 2010 aufgeboten worden, trat aber dazumal die Reise aus dem Kosovo in die Schweiz nicht an.

Er hatte 1998 nach seiner Verhaftung seinen Sohn schwer belastet, indem er ihn des Mordes bezichtigte. Der Onkel E.S. sei das Familienoberhaupt gewesen und habe den Angeklagten und seinen Cousin beauftragt, an einem Mitglied einer verfeindeten Familie im Sinne des albanischen Gewohnheitsrecht «Kanun» Blutrache zu üben.

Gestern bestritt der Vater, dass sein Sohn mit dem Onkel E.S. je Kontakt wegen des Mordes gehabt haben soll. «Wir sind nur Opfer, ich und mein Sohn», sagte A.S. vor Gericht. Der Vater schob somit seinem Bruder E.S. die gesamte Schuld in die Schuhe.

Befragen und verhören konnte man diesen zu diesem Fall jedoch nicht. Denn E.S. wurde zwei Monate nach der schrecklichen Tat von 1997 in der Tschechischen Republik ebenso ermordet. «Das habe ich persönlich nie so gesagt», wiederrief A.S. weiterhin seine Aussagen gegen seinen Sohn von damals.

A.S. führte weiter aus, dass er von der Schweizer Polizei sehr schlecht behandelt worden sei und deshalb unter Depressionen leide. Darum könne er sich auch heute nicht mehr genau erinnern, was er damals alles zu Protokoll gab.

Zudem sei er von der Polizei so massiv unter Druck gesetzt worden, dass er «diese Aussagen nur gemacht habe, um endlich meine Ruhe zu haben.»

Das Strafmass wurde bestätigt

Das Obergericht glaubte den Ausführungen des Vaters nicht, bestätigte das Urteil des Bezirksgerichts von 18 Jahren Zuchthaus und wies die Berufung somit ab. Als Begründung machte das Gericht geltend, dass die Aussagen der Zeugen von damals, inklusive diese des Vaters, verwertbar seien.

Die Aussagen hätten übereingestimmt. Zudem ergaben die Mobiltelefon-Auswertungen, das Motiv und die Spurensicherungen am Tatort genügend Beweise, die den Angeklagten schuldig sprachen.

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