Älteste Primarschülerin

Norma Ammann hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben

Obwohl der Rummel um ihre Person gross war, an Norma Ammann scheint diese Zeit beinahe spurlos vorbeigegangen zu sein.

Obwohl der Rummel um ihre Person gross war, an Norma Ammann scheint diese Zeit beinahe spurlos vorbeigegangen zu sein.

Das Telefon hat pausenlos geklingelt, als bekannt wurde, dass die 35-jährige Norma Ammann in Vordemwald die Primarschule besucht. Die älteste Primarschülerin der Schweiz möchte trotz Widerständen weiter an der Schule lernen dürfen.

«Natürlich habe ich manchmal gedacht, es wäre besser, wenn meine Geschichte nicht an die Öffentlichkeit gekommen wäre», sagt Norma Ammann. «Aber ich habe mich entschieden, die Schule zu besuchen und etwas zu lernen und das will ich nicht verheimlichen müssen.»

Gemeinsam mit ihrem Mann Hans-Ulrich Ammann sitzt die 35-Jährige am Esstisch in der kleinen Wohnung in Vordemwald. Vor ihr ausgebreitet liegen ausgeschnittene Zeitungsartikel und ein kleiner Stapel Briefe von Menschen, welche der Peruanerin Mut zusprechen und ihre Bewunderung ausdrücken wollen.

«Es war viel los in den vergangenen Wochen», sagt der Ehemann. «Das Telefon hat fast pausenlos geklingelt und Medienleute aus der ganzen Schweiz haben uns besucht.» Alle wollten sie die Geschichte der 35-jährigen Peruanerin hören, die in Vordemwald die 3. Klasse der Primarschule besucht, in erster Linie um Deutsch zu lernen, aber auch um in allen anderen Fächern dazuzulernen.

Auf der Strasse erkannt

Obwohl der Rummel um ihre Person gross war, an Norma Ammann scheint diese Zeit beinahe spurlos vorbeigegangen zu sein. Sie wirkt gelassen und lächelt fröhlich. Stolz erzählt sie von der Rose, die sie vom französischsprachigen Magazin L'iIlustré erhalten hat. Oder von den liebevoll handgeschriebenen Briefen einer Schulklasse aus Winterthur.

Und angesprochen auf die diversen Fernsehbeiträge über sie, springt die Peruanerin von ihrem Stuhl auf, eilt zum Fernseher und legt eine DVD ein. «Ich habe alle Beiträge gesammelt», sagt sie. «Mich selbst im Fernsehen zu sehen, war ungewohnt, aber auch schön.» Sie räumt jedoch ein, dass nicht alle Begegnungen mit den Journalisten positiv ausgegangen sind.

Eine Zeitung beispielsweise habe geschrieben, sie sei Analphabetin. «Das stimmt nicht. Ich kenne die Buchstaben und kann lesen, einfach noch nicht so schnell», erklärt Norma Ammann. Zuerst habe sie sich darüber geärgert. «Doch dann dachte ich mir, vielleicht ist es ja gut, dass so was geschrieben wird, dann verstehen die Menschen eher, dass ich Bildung und Unterstützung benötige», meint sie.

Natürlich, so sagt das Ehepaar Ammann, habe es auch negative Reaktionen aus der Bevölkerung gegeben. «Es gibt eben immer zwei Seiten», weiss Hans-Ulrich Ammann. Aber von der Solidaritätswelle, die ihnen entgegenkam, seien sie freudig überrascht gewesen. Eines jedoch findet Frau Norma, wie sie von ihren Mitschülern genannt wird, nach wie vor etwas verrückt: «Wenn ich in die Stadt gehe, erkennen mich die Leute auf der Strasse manchmal und sprechen mich an. Sie gratulieren mir zu meinem Mut, in meinem Alter noch lernen zu wollen und wünschen mir Glück.»

Noch nicht ans Ende denken

Das kantonale Departement für Bildung, Kultur und Sport (BKS) hat Ende Januar entschieden, dass Norma Ammann noch bis zu den Frühlingsferien die 3. Klasse besuchen darf. Danach soll Schluss sein. «Ich bin sehr traurig, dass ich nicht mehr in Vordemwald zur Schule gehen darf», sagt die Peruanerin. «Aber was soll ich machen? Ich muss es wohl akzeptieren.»

Obwohl Norma Ammann ruhig wirkt, wenn sie vom Entscheid gegen ihren Schulbesuch spricht, ein gewisser Unmut ist dennoch zu spüren. «Die Vertreter vom BKS haben nicht lange überlegt, sondern gleich gehandelt. Ob das positiv ist, sei dahingestellt», findet sie.

Im Moment bemüht sich das Vordemwalder Ehepaar um eine Anschlusslösung für die 35-Jährige nach den Frühlingsferien. Hans-Ulrich Ammann hat sich an diversen Stellen über die Angebote informiert, so etwa beim Bundesamt für Migration. Auch Privatschulen hat er angefragt.

Ein Angebot steht ganz oben auf der Liste der Möglichkeiten bei Ammanns: eine Lehrerin aus dem Ort, die zwei Kinder hat, welche in Vordemwald zur Schule gehen, hat angeboten, Frau Norma Privatstunden zu geben. «Diese Lösung können wir uns gut vorstellen», sagt Hans-Ulrich Ammann. «Aber es ist noch nichts besiegelt.»

Ammanns wollen bei dieser Entscheidung nichts überstürzen. Klar ist, Norma Ammann will nicht nur Deutsch lernen, sie will auch in allen anderen Schulfächern Fortschritte machen und ihren Wissensdurst stillen. Die 35-Jährige hat einen grossen Berufswunsch: «Ich möchte irgendwann einen eigenen Kinderhort eröffnen.» Sie liebe Kinder über alles, sagt sie.

Umso mehr schmerzt sie der Gedanke, bald Abschied nehmen zu müssen von ihren Schulkameraden. «Aber ich werde diese Zeit niemals vergessen. Es war eine tolle Erfahrung, die ich machen durfte», blickt Norma Ammann zurück. Sie wolle die nächsten Wochen in der Schule geniessen und möglichst viel lernen. «An das Ende denke ich noch nicht», meint sie und sagt dann lächelnd: «Ausserdem hoffe ich insgeheim, dass ich doch in meiner Klasse bleiben darf.»

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