Koblenz/Waldshut (D)

Noch nie so viele Lastwagen – kommt nun die 2. Grenzbrücke?

Die neue Brücke Koblenz Ost soll vom deutschen Lonza-Areal in Richtung Schweiz führen. Visualisierung: ZVG

Die neue Brücke Koblenz Ost soll vom deutschen Lonza-Areal in Richtung Schweiz führen. Visualisierung: ZVG

Die frisch sanierte Rheinbrücke beim Grenzübergang Koblenz wird genutzt wie nie zuvor – von Berufspendlern und von Warentransporten. Wie geht es nun mit der zweiten Zollbrücke, die Politiker fordern, weiter?

An der Abgeordnetenversammlung von ZurzibietRegio ist das Thema Ostaargauer Strassenentwicklung (OASE) behandelt worden – und damit die angedachte neue Rheinbrücke Koblenz Ost. Diese könnte im Zuge der OASE realisiert werden.

Sicher ist: Die bestehende, frisch sanierte Koblenzer Zollbrücke wird genutzt wie nie zuvor. Auch vom Schwerverkehr: «Seit Jahren nimmt die Zahl der Lastwagen-Einfahrten in die Schweiz konstant zu und hat sich innert 15 Jahren verdoppelt», sagt Kurt Wyss, Leiter des Zollinspektorats Schaffhausen.

Die Statistik zeigt eine jährliche Zunahme von bis zu 14 Prozent seit 2011. In Exportrichtung sind die Zahlen hingegen nur leicht angestiegen. Etwa 440 Lastwagen fahren täglich von Deutschland via Koblenzer Zollbrücke in die Schweiz – insgesamt rund 160 000 pro Jahr. «Das entspricht einer stehenden Lastwagenkolonne von Aarau nach Moskau», sagt Wyss.

Das Zollamt prognostiziert denn auch rekordverdächtige 168 000 Lastwageneinfahrten für das Jahr 2015 – das sind nochmals etwa 10 000 Fahrten mehr als im bisherigen Spitzenjahr 2013. Wegen der dreimonatigen Vollsperrung der Koblenzer Zollbrücke waren die Einfahrten 2014 um 20 Prozent zurückgegangen.

Bemerkenswert: Etwa ein Viertel der Lastwagen, die bei Koblenz abgefertigt werden, trägt ein Nummernschild aus einem osteuropäischen Staat wie Rumänien. Diese Fahrzeuge bringen laut Wyss zumeist Waren in die Schweiz. «Die Gründe dürften einerseits im Kostendruck zu finden sein, der im Transportgewerbe herrscht», sagt der Zolldirektor. «Andererseits liegt es wohl auch an der Auslagerungspolitik, die in vielen Industriezweigen in den letzten Jahren betrieben wurde.»

«Verkehr weiter zunehmend»

Die starke Zunahme der Lastwagen-Einfahrten liege nicht etwa an der 2011 eröffneten Gemeinschaftszollanlage auf dem deutschen Lonza-Areal, sagt Kurt Wyss. Dass dort seit vier Jahren gewerbliche Waren abgefertigt werden, habe zu keinem überdurchschnittlichen Anstieg der Abfertigungszahlen geführt. «Aufgrund der nahen Lage zum boomenden Wirtschaftsraum Aargau–Zürich bleibt der Grenzübergang attraktiv. Deshalb muss man auch weiterhin mit zunehmendem Verkehr rechnen.»

Die Zollstelle Koblenz sei vorwiegend für die regionale Wirtschaft von Bedeutung, sagt Zolldirektor Wyss. Der klassische Nord-Süd-Transitverkehr eher selten: Drei Viertel der Lieferungen gehen in den Aargau oder die umliegenden Kantone. Auf den Kanton Aargau selber entfallen 27 Prozent der Lieferungen,
17 Prozent werden sogar in unmittelbarer Nähe zum Grenzübergang Koblenz abgeladen (Regionen Zurzach, Baden, Brugg, Dielsdorf oder Laufenburg).

Zolldirektor Kurt Wyss macht keinen Hehl daraus, dass er eine zweite Zollbrücke vom Lonza-Kreisel – in der Nähe der Gemeinschaftszollanlage – befürwortet; ja, gar dafür kämpft. Der CVP-Bezirkspräsident gehört zu den Initianten einer grenzübergreifenden Zusammenarbeit mit der deutschen Schwesterpartei CDU. Gemeinsam will man dafür sorgen, dass das Brückenprojekt vorangetrieben wird.

4500 Berufspendler täglich

Die alte Zollbrücke wird indes nicht nur von Lastwagen, sondern auch von tausenden Autos befahren. In vielen von ihnen sitzen deutsche Berufspendler. In der ganzen Schweiz gab es 2014 etwa 287 000 Grenzgänger, 58 000 davon aus Deutschland (5 Prozent). Im Kanton Aargau arbeiten etwa 12 000 Grenzgänger aus dem nördlichen Nachbarland.

Genauer zeigt dies eine Verkehrserhebung, die an den Grenzübergängen des Trinationalen Eurodistricts Basel im Jahr 2012 durchgeführt wurde. In diesem Rahmen wurden auch die Daten für den Grenzübergang Koblenz genau erfasst und hochgerechnet. Demnach passieren täglich etwa 4500 Berufspendler aus Deutschland die Zollbrücke mit dem eigenen Fahrzeug, weitere 220 mit dem Zug. In Bad Zurzach sind es rund 3300 Pendler.

Die meisten Grenzgänger arbeiten in der Region zwischen Koblenz und Brugg/Baden – zum Beispiel in Döttingen, Würenlingen oder Untersiggenthal, aber auch entlang der Rheintalstrasse in Leibstadt oder Bad Zurzach. Etwa 5 Prozent der Fahrten führen in den Kanton Zürich.

Spitzenstunde für die Einfahrt von Deutschland in die Schweiz ist die Zeit zwischen 7 und 8 Uhr morgens. Ab 10 Uhr herrscht auch in Gegenrichtung ein grösseres Verkehrsaufkommen, das zwischen 17 und 19 Uhr Höchstwerte erreicht. Erstaunlicherweise sind jedoch lediglich 31 Prozent der Fahrten Berufspendler zuzuschreiben, während 37 Prozent der Fahrer zum Einkaufen die Grenze passierten. Auch deshalb hat ein grosser Teil der grenzüberschreitenden Fahrten ihren Startort in Waldshut-Tiengen.

Wie zweckmässig ist die Brücke?

Wie geht es nun mit der zweiten Zollbrücke weiter? Sie ist derzeit auf Stufe Vororientierung im kantonalen Richtplan eingetragen. Bestenfalls wird sie als Teil der OASE-Massnahmen weiterentwickelt und etwa im Jahr 2017 auf die Stufe Zwischenergebnis aufgestuft. Das entscheidet der Grosse Rat 2017 definitiv. Aber: Das Projekt wird wohl so oder so aus der Schublade geholt – wenn nicht als Teil der OASE, dann als separates Infrastrukturprojekt. «Es ist vorgesehen, dass der Kanton zum Thema ‹Neue Rheinbrücke Koblenz Ost› früher oder später eine Zweckmässigkeitsbeurteilung durchführt», bestätigt Frank Rüede, Projektleiter Verkehrsplanung beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). «Dabei ist uns die Zusammenarbeit mit den deutschen Nachbarn und den Schweizer Beteiligten wichtig.»

Das BVU rechnet damit, dass bis ins Jahr 2040 auf der Strecke Koblenz-Döttingen täglich etwa 3500 Fahrzeuge mehr verkehren als heute, von Döttingen bis Siggenthal gar 6000 mehr. Für die Strecke Bad Zurzach–Surbtal wird mit 5000 zusätzlichen Fahrzeugen gerechnet.

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