Sie ist viermal so alt wie ihre Klassenkameraden und wohl die älteste Primarschülerin der Schweiz: die 35-jährige Norma Ammann aus Vordemwald besucht seit vier Monaten die 3.Klasse, um ihr Deutsch zu verbessern. «Ich mache im Unterricht das, was ich kann. Manchmal helfe ich auch der Lehrerin», so Norma Ammann zur az. Nur: Per Schulgesetz wäre die Teilnahme der 35-Jährigen am Unterricht eigentlich nicht gestattet. Wie gestern aus der zuständigen Abteilung Volksschule im Bildungsdepartement zu vernehmen war, nehme man die Situation aber «gelassen». Einen vergleichbaren Fall habe es bis jetzt noch nicht gegeben. Die Entscheidungsgewalt vor Ort liege bei der Schulpflege, der Kanton habe die Aufsichtspflicht.

Hanspeter Iseli, der Schulleiter von Vordemwald, erklärte auf Anfrage, er habe bis gestern nichts von den Verantwortlichen im Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) gehört. Noch letzte Woche hatte die BKS-Kommunikation gegenüber Radio Argovia verlauten lassen, die 35-Jährige könne nicht länger in Vordemwald zur Schule gehen. Lege das BKS ein Veto ein, werde man das Gespräch suchen, so Hanspeter Iseli. Bislang habe sich aber nur der Schulinspektor kurz erkundigt. «Wir wollen, dass sie weiterhin bei uns zur Schule gehen kann. Es funktioniert sehr gut», betonte der Schulleiter. Er habe aus dem Dorf nur positive Reaktionen erhalten. Schülerin Norma Ammann drückt heute wieder die Schulbank. «Ich habe nichts anderes gehört», freute sich die 35-Jährige.

Vorbild: Der Film «Sternenberg»

Letzte Woche hat das Zofinger Tagblatt die aussergewöhnliche Geschichte der 35-jährigen Primarschülerin publik gemacht. So war die gebürtige Peruanerin vor zwei Jahren zu ihrem Mann gezogen, der in Vordemwald eine Praxis für Gesundheitsförderung und Ernährungsberatung führt. Norma Ammann stammt ursprünglich aus der Inka-Hauptstadt Cuzco. Schon früh habe sie hart arbeiten müssen, um im Haushalt finanziell etwas beitragen zu können, als Kind konnte sie nicht in die Schule. In der Schweiz sollte alles anders werden. Zuerst nahm sie Privatunterricht. Dann erinnerte sich eine Bekannte an den Film «Sternenberg», worin Mathias Gnädinger als ältester Primarschüler der Schweiz eine Dorfschule vor der Schliessung rettet.

Umfangreiche Abklärungen

Die 35-jährige Norma Ammann wollte diesem Beispiel folgen. Schulleiter Hanspeter Iseli war sofort einverstanden. Die 3. Klasse erwies sich auch dadurch als geeignet, da deren Lehrerin selber spanisch spricht. Danach informierte die Schule sämtliche Schüler und deren Eltern. Sie alle waren einverstanden, Norma Ammans Klassenkollegen wollen heute gar nicht mehr ohne sie sein. Der Schulleiter wurde auch bei der Schulpflege vorstellig, die nach anfänglicher Skepsis ihr Okay gab.