Das aargauische Bildungsdepartement (BKS) schlägt dem Regierungsrat vor, die Stundentafel am Gymnasium ab 2012 wie folgt zu ändern:

• Das Fach Einführung in Wirtschaft und Recht verliert eine Lektion. Es soll noch zwei Wochenstunden in der 2. Klasse behalten, die Lektion in der 1. Klasse entfällt. Es ist aber weiter möglich, einen individuellen Schwerpunkt in diesem Gebiet zu setzen, in der ersten Gymnasiumshälfte mit dem Akzentfach, in der zweiten mit dem Schwerpunkt- oder dem Ergänzungsfach.

• Das Grundlagenfach Chemie erhält eine zusätzliche Lektion. Damit erscheint das Fach in den ersten drei Klassen mit je zwei Wochenlektionen und erreicht wieder das gleiche Soll wie Physik und Biologie.

Schon einmal zurückgestuft

Walter Rambousek aus Erlinsbach vertritt das Fach Wirtschaft und Recht in der kantonalen Maturitätsprüfungs-Kommission. Er ist darin der einzige Fachschaftsvertreter, der nicht an einem Gymnasium unterrichtet: Er ist Ausbildner und Berater in der Wirtschaft. Rambousek ist konsterniert: «Bereits mit dem Sparpaket 2003 hat Wirtschaft und Recht eine Lektion verloren. Nun geht es demselben Fach erneut an den Kragen. In der Bezirksschule gibt es das Fach überhaupt nicht. Das heisst, Aargauer Gymnasiasten haben, wenn sie zur Matur kommen, gerade mal während eines Jahres zwei Wochenstunden genossen. Das ist völlig ungenügend für derart zentrale Gebiete wie Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Recht.»

Aber Interessierte können ja weiterhin einen Schwerpunkt in Wirtschaft und Recht setzen. Rambousek: «Das sind, je nach Gymnasium, bloss zwischen 25 und 40 Prozent. Um sie, die sich spezialisieren wollen, geht es hier nicht. Es geht um alle. Ein Grundwissen über ökonomische Zusammenhänge in einer globalisierten Welt gehört zwingend zur gymnasialen Bildung. Und Wirtschaft durchdringt den ganzen Alltag, man denke an Buchführung, an die Steuererklärung, an politische Vorlagen mit ökonomischem Hintergrund. Und ein Teil unserer Elite muss sagen: nie etwas davon gehört. Sogar an der Berufsschule ist Wirtschaft prominenter vertreten als künftig im Gymnasium.»

Aber Aufwertung der Naturwissenschaften ist ja eine Bundesvorgabe. Walter Rambousek, der in der MPK auch das Fach Geografie vertritt: «Es gäbe andere Wege. Geografie erhält eine höhere Dotation, ohne dass die Fachschaft dies verlangt hätte. Auch beim Projektunterricht könnte man ohne Folgen etwas reduzieren.»

80 Lektionen sind nicht nichts

Hans Rudolf Stauffacher, Rektor der Kantonsschule Baden und Präsident der Mittelschulrektoren-Konferenz, versteht die Aufregung nicht ganz. Er jedenfalls kann sich mit dem Vorschlag anfreunden. «Von einem gezielten Angriff auf ein Fach kann keine Rede sein. Es geht schlicht darum, die Vorgaben aus der MAR-Revision umzusetzen. Wer in Wirtschaft einen Schwerpunkt setzen will, kann dies weiterhin tun. Im Jahreskurs geht es, wie der Name sagt, nur um eine Einführung ins Gebiet. Doch in insgesamt 80 Lektionen lässt sich einiges vermitteln, um die Alltagstauglichkeit in Wirtschafts- und Rechtsfragen zu gewährleisten.» Stauffacher erinnert auch daran, dass die Änderungen der Stundentafel kostenneutral umgesetzt werden müssen: «Man kann nicht einfach um eine Lektion aufstocken.»

«Wir sind keine Exoten»

Kathrin Hunziker, Leiterin der Abteilung Berufsbildung und Mittelschule, bestätigt dies. Obwohl der Aargau punkto Gesamtzahl der Pflichtlektionen am Gymnasium im hintersten Drittel der Kantone figuriere: Die Kostenneutralität sei eine politische Vorgabe. Hunziker betont aber auch: «Wir sind mit zwei Wochenstunden für Einführung in Wirtschaft und Recht keine Exoten. Zwar gibt es einige Kantone mit höheren Dotationen, doch alle grossen Mittelland-Kantone halten es wie wir.»

Auch die Abteilungschefin ist überzeugt, dass sich in 80 Lektionen einiges vermitteln lässt. Und wirtschaftliche Fragen liessen sich ja auch in andere Fächer einbauen. Zur höheren Lektionenzahl in der Berufsbildung kontert sie: «Das gilt nur für die kaufmännische Berufsschule. Und das KV ist ja eine Fachschule für den wirtschaftlichen Bereich.»

Walter Rambousek hat gegen die Zurückstufung des Fachs Wirtschaft und Recht kräftig mobilisiert. So unterstützen unter anderem Migros-Chef Herbert Bolliger, Nationalrat Max Chopard (SP), Wirtschaftsanwalt Philip Funk und die Grossratsmitglieder Maja Wanner und Titus Meier (FDP) sowie Theres Lepori und Nicole Meier Doka (CVP) sein Anliegen.