«Wenn der Schwan auf der vorletzten Seite im Bild erscheint, dann werden alle Kinder ganz still», sagt Stephan Brülhart. Brülhart ist Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Aarau. Der Medienpädagoge und Illustrator tippt auf den Touchscreen seines iPads und blättert zur erwähnten Szene: Der Schwan gleitet in der Dunkelheit über das Wasser, gleichzeitig erklingen Cello und Klavier.

Es ist die Sequenz «der Schwan» aus dem «Karneval der Tiere», komponiert 1886 von Camille Saint-Saëns. Eine atmosphärische Szene, intensiviert durch das Zusammenspiel von Musik, Bild und Text. Genau darauf reagieren die Kinder.

Der «Karneval der Tiere» von Saint-Saëns ist die musikalische Geschichte vom gelangweilten Löwen und den wilden Tieren, die ein grandioses Fest feiern wollen. Das Stück gehört zu den Klassikern in der Programmmusik.

Seit Dezember im App Store erhältlich

Stephan Brülhart (Illustration) und Achim Lück (Text) hatten dazu bereits 2007 ein Bilderbuch verfasst. Die Idee, den Textbegriff nicht nur um die Audioversion zu erweitern, sondern damit auch zu spielen, reizte sie schon damals. Anfang 2010 kam das iPad auf den Markt und für die Bilderbuchmacher eröffneten sich – nun digital – ganz neue Möglichkeiten. Zum Team Lück und Brülhart stiessen Markus Cslovjecsek, auch er Professor an der Fachhochschule, allerdings für Musikpädagogik, sowie Programmierer Markus Zehnder. «Am Jurasüdfuss hat», nach eigener Aussage, «ein interdisziplinäres Team von Sprach-, Musik- und Bildkünstlern das Bilderbuch neu erfunden». Finanziert haben die vier die App selbst, allenfalls wirft deren Verkauf einen gewissen Ertrag ab. Seit Dezember ist der «Karneval der Tiere» im App Store erhältlich.

Brülhart tippt auf den winzigen Dirigentenkäfer auf dem Touchscreen. Auf jeder Seite läuft er irgendwo durch das Bild. Jetzt steht der Käfer neben den Kängurus. Die Klaviermusik beginnt langsam, wird schneller und verlangsamt sich wieder. Die Töne erinnern an das Hüpfen der Kängurus. Vom ersten bis zum letzten Satz, in welchem schliesslich – ausser dem noch immer gelangweilten Löwen – alle Tiere im Orchester mitspielen, dirigiert der Käfer jeden Satz. Zu hören ist somit das gesamte Stück von Saint-Saëns, interpretiert vom Basler Festivalorchester unter der Leitung von Thomas Herzog. Darüber hinaus bietet die App aber weitere Hör- und Spielerlebnisse. «Jede Seite hat zusätzliche klingende Elemente», sagt Musiker Cslovjecsek. «Das können Instrumente, aber auch Tiere oder Gegenstände sein. Lässt man etwa die aufsteigenden Blasen der Fische im Aquarium mit dem Finger platzen, so ertönen unterschiedliche Blopps.»

Auf der App kann man auch selbst mit Rhythmus und Klang spielen. Jede Seite weist am unteren Rand eine Scratch-Spur beziehungsweise eine taktil-akustische Tonspur mit einem Ausschnitt aus der Originalmusik auf. «Es ist die banale Faszination, welche Kinder kennen, wenn sie mit der Hand den Gitterstäben eines Zaunes entlangfahren», sagt Cslovjecsek. Der direkte und multisensuelle Zugang zum Klang interessiert den Musikpädagogen seit längerem. Die Scratch-Spur soll dazu anregen, eine musikalische Aussage genauer zu betrachten. «Es kann interessant sein», sagt er, «einen Abschnitt langsamer zu hören, eine kurze Sequenz zu wiederholen, zu springen oder auch Effekte zu entdecken, die sich beim Rückwärtsspielen ergeben. Jeder kann sich so als Komponist erleben.»

Der Esel auf dem Trottinett

Brülhart blättert weiter zu den Pianisten. Es sind die Katzen, die auf der Klaviatur spielen. Eine wirft, bei Berührung des Touchscreens, ihre Pfoten in die Luft – als ob sie das Stück soeben zu Ende gespielt hätte.

Zwei Bewegungen, zwei Zeichnungen: Der Illustrator sucht bei seinen Figuren mit einem Minimum an Animation den grösstmöglichen Effekt zu erzielen. Die Esel etwa fahren auf dem Bildschirm mit dem Trottinett davon und tauchen wieder auf, der Elefant tanzt auf den Spitzen.

Reduktion nicht nur bei der Animation, sondern vor allem beim Text. Sekundarlehrer und Bilderbuchautor Lück beschränkte sich auf wenige Zeilen pro Seite und Musiksatz. Er arbeitete mit einer Logopädin. «Der Text», sagt er, «sollte einfach sein, damit ihn auch Kinder der ersten und zweiten Klasse verstehen.» Zwar sind es pro Bild nur wenige Sätze. Diese aber wurden dank der Zusammenarbeit mit insgesamt über 50 Fachleuten aus ganz Europa in zahlreiche Sprachen übersetzt: von Finnisch bis Katalanisch, von Griechisch bis Englisch. Auch sie hört man auf Antippen des Screens. Und weil das Medium eben ein digitales ist, nicht nur vorwärts, sondern dank der taktil-akustischen Tonspur, auf ganz ungewohnte Weise, auch rückwärts.