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Neuer Naturama-Direktor: «Hohe Qualität auch mit Hochhäusern»

Peter Jann, der neue Direktor des Naturamas Aargau, sieht nicht vollends schwarz in Sachen Wachstum und Umweltschutz. Im az-Interview erklärt er, wie sich der Mensch ohne Natur schnell unwohl fühlt und warum Raumplanung für einen Ort sehr wichtig ist

Hans Lüthi
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Peter Jann, neuer Direktor des Naturama Emanuel Freudiger

Peter Jann, neuer Direktor des Naturama Emanuel Freudiger

Emanuel Freudiger

az Aargauer Zeitung: Der Aargau wächst laut Prognosen in nur 25 Jahren um weitere 140000 Einwohner. Für die Umwelt keine schönen Aussichten.

Peter Jann: Grundsätzlich stimmt das natürlich, vor allem im Zusammenhang mit der drohenden Zersiedlung der Landschaft und den negativen Folgen für die Natur. Aber es gib auch Chancen, sich in Richtung einer ökologischen Siedlungsqualität zu entwickeln, die auf verdichtetes Bauen setzt.

Was verstehen Sie unter Steigerung der ökologischen Qualität?

Wenn man heute grosse Mehrfamilienhaus-Überbauungen anschaut, dann stellt man fest, dass häufig die Umgebungsgestaltung sehr mangelhaft ist. Es werden Nullachtfünfzehn-Anlagen angelegt, mit englischem Rasen und Thuja-Hecken. Für die Natur viel wertvoller wären einheimische Sträucher, als gute Nahrungsquelle und als Unterschlupf für unsere Fauna.

Haben Grünpflanzen im verdichteten Bauen überhaupt noch Platz?

Je verdichteter wir bauen, desto höher muss die Qualität der Umgebung sein und die Natur berücksichtigt werden. Wo keine Natur ist, fühlen sich die Menschen langfristig nicht wohl. Das verstärkt die Tendenz, Naturerlebnisse dort zu suchen, wohin man zuerst fliegen oder fahren muss.

Verdichtet heisst auch in die Höhe: Wollen Sie mit Wolkenkratzern genügend Wohnraum schaffen?

Ja, wenn wir einen Teil der Landschaft frei halten wollen, müssen wir in die Höhe bauen. Aber da denke ich nicht an 150 Meter hohe Häuser, die sich für reine Wohnnutzungen weniger eignen. Verdichtetes Wohnen findet künftig in Blockrand-Überbauungen oder in 30 bis 40 Meter hohen Gebäuden statt. Wenn solche Bauprojekte im Rahmen von Gestaltungsplänen sinnvoll angeordnet sind, kann man sehr wohl attraktiv und dicht bauen. Gemischt mit viel Wohnraum und auch Gewerbe und mit Erholungsräumen für die Menschen. Eine hohe Dichte muss nicht zwangsläufig eine schlechte Wohnqualität und das Wegsperren der Natur bedeuten. Es braucht für die gute Qualität nur ein bisschen Fantasie.

Welches Rezept befürworten Sie: Wachstum und Zuwanderung einschränken oder die Grösse der Bauzonen einfrieren?

Die Raumplanung ist sicher ein zentrales Instrument, um die unkontrollierte Zersiedlung zu stoppen. Zuwanderung und Wachstum sind Tatsachen, die wir nicht vom Tisch wischen können. Aber wir müssen Lösungen finden, wie wir zugunsten einer intakten Natur und einer guten Lebensqualität positiv damit umgehen können.

Doch der Druck auf die Umwelt nimmt zu, es gibt mehr Verkehr, Luftverschmutzung und Abfälle, der Energieverbrauch steigt. Welches Rezept hat das Naturama?

Das Naturama beschäftigt sich mit der Natur, der Umwelt und den Menschen. In unseren Ausstellungen nehmen wir das auf, wir hatten solche zu den relevanten Themen Siedlungsentwicklung und Landschaftsverbrauch. Es stimmt, je mehr Menschen hier leben, desto höher ist der Energieverbrauch. Auch in der Zukunft werden wir diese Themen im Museum behandeln, in unsere Diskussionsforen aufnehmen und kritisch diskutieren.

Hat der Aargau eine Vorbildfunktion für die anderen Regionen?

Als Zuwanderer aus dem Kanton Zürich hatte ich bisher keinen so engen Kontakt zum Aargau. Ich habe aber schon vor Jahren den guten Bericht über die Nachhaltigkeit des Aargaus gelesen. Beeindruckt bin ich über das grosse Engagement der Verwaltung im Umwelt- und Kulturbereich, das ist sicher einzigartig. Ich habe den Eindruck, der Kanton Aargau verfüge über eine flexible Verwaltung, die agieren kann, und eine Regierung, die dafür auch die nötigen Mittel zur Verfügung stellt.

Und wo liegen die Defizite des Aargaus im Kantonsvergleich?

Das ist für mich schwer zu beurteilen, die geografische Lage des Kantons zwischen den Zentren Zürich und Bern scheint auf den ersten Blick nicht so attraktiv. Trotzdem habe ich in der kurzen Zeit, in der ich hier bin, den Eindruck eines vielfältigen, fortschrittlichen und innovativen Kantons bekommen.

Macht der Wasserkanton genug für seine vielen Auen?

Hier ist der Kanton mit dem Auenpark Aarau führend im Land, das ist vorbildlich. Das sage ich nicht nur, weil wir selber aktiv engagiert sind. Für ein solches Projekt braucht ein Kanton Mut, das könnte auch wegweisend für die Schweiz sein.

Ist das Naturama Aargau im Kanton genügend bekannt?

Als Direktor muss ich natürlich sagen, es kann nie genug bekannt sein. Was ich in den ersten zwei Monaten erlebt habe, zeigt jedoch eine etablierte Institution, die im Aargau sehr gut verankert ist. Wenn ich mit Bekannten und Freunden vom Naturama spreche, sagen sie, da war ich auch schon. Bei Familien und Naturschutzinteressierten ist es sicher über den Kanton hinaus bekannt.

Aber sie wollen Besucher aus der ganzen Deutschschweiz?

Ein Ziel ist das natürlich schon, wobei uns die Nachbarn im Mittelland am nächsten sind. Mit Ausstellungen und Aktionen sprechen wir gezielt aber auch jene Kantone an, die weiter entfernt sind.

2002 wurde es als modernstes Naturmuseum der Schweiz gefeiert, wo steht das Naturama heute?

Es gehört immer noch zu den führenden Naturmuseen, aber diese Szene hat sich auch weiterentwickelt. Winterthur, Frauenfeld, St. Gallen, Solothurn und Olten haben auch Erneuerungen gemacht und sind jetzt sehr modern. Das ist kein Nachteil, es spornt uns an, weiterhin eine Spitzenposition zu erhalten.

Wie eng arbeiten Sie mit dem Kanton selber zusammen?

Vor allem über die Leistungsvereinbarungen in den Bereichen Bildung, Naturschutz und Nachhaltigkeit arbeiten wir mit unseren Mitarbeitenden sehr eng mit den Fachabteilungen des Kantons zusammen.

Wie entwickeln sich die Besucherzahlen, welche Ziele setzen Sie?

Nach der Eröffnung 2002 sind sie natürlich in die Höhe geschnellt und konnten dann stabilisiert werden. Seit einem kleinen Knick geht es wieder nach oben, wir haben gegen 40000 Besucher im Jahr. Das ist für uns personell noch machbar. Gleichzeitig ist es auch möglich, Führungen während der regulären Öffnung anzubieten, ohne dass sich die Leute auf die Füsse treten.

Die Sonderausstellungen sind immer Lichtblicke. Aber sind die geliebten Haustiere bis Februar 2012 nicht viel zu lange im Museum?

Nein, gemessen an den Besucherzahlen ist das optimal, die Ausstellung läuft sehr gut. Heimtiere wecken Emotionen, dazu haben viele Leute eine Beziehung. Jede Sonderausstellung ist ein riesiger Aufwand, als mittelgrosses Unternehmen könnten wir nicht zwei Sonderausstellungen pro Jahr selber produzieren.

Das Naturama will auch ein Ort des Dialogs sein. Genügt für die politische Diskussion der relativ kleine Mühlbergsaal?

In der Regel reicht der Mühlbergsaal, wenn er auch oftmals eng bestuhlt werden muss. Lieber ein gut gefüllter kleiner Saal, notfalls mit ein paar zusätzlichen Stühlen, als ein grosser Saal, der mit ein paar Dutzend Leuten halb leer aussieht.

Ihr Vorgänger war nur 4 Jahre im Amt, ist das Naturama für Sie nur eine Zwischenstation?

Nein, das ist für mich schon eine Traumstelle und ich hoffe, dass es gut läuft und möglichst lange hält. Aber was in zehn Jahren ist, kann ich natürlich nicht sagen.

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