Olivier Cayo

Nach sieben Jahren: Olivier Cayo besuchte seine «Heimat»

Schweizer Naturpärke und ihr Angebot

Schweizer Naturpärke und ihr Angebot

Der Aarauer Flüchtling von der Elfenbeinküste hat Uni-Prüfungen bestanden – und die Eltern besucht. Die temporäre Rückkehr nach Hause war nicht nur von Freude gesät.

3000 Landsleute sind tot. 1 Million sind geflüchtet. Andere noch immer verschollen. «Ich war emotional überfordert», fasst Olivier Cayo seinen Aufenthalt an der Elfenbeinküste letzten Sommer zusammen. «Es waren keine Ferien», stellt er klar.

Sieben Jahre lang hatte er seine Eltern nicht mehr gesehen. «Ich bin die ganzen zwei Monate lang nicht fertig geworden mit Erzählen», sagt er. Was ihr Sohn in dieser langen Zeit fernab von der Familie in der Schweiz erlebt hat, wie er vom Jugendlichen zum Mann wurde und vom Asylbewerber zum Jus-Studenten, davon hatten die Eltern keine Ahnung. «In den ersten Jahren wollte ich ihnen nichts erzählen, damit sie sich keine Sorgen machen. Danach schwieg ich aus Trotz, weil ich mich allein gelassen fühlte.» Seine beiden älteren Brüder waren während des Bürgerkriegs in Südafrika und in Dubai – als Arbeiter mit abgeschlossenem Studium. Die jüngere Schwester studierte in Senegal. «Meine drei Geschwister hatten es nicht so schwer wie ich», sagt Cayo.

Trauer und Traumata

Alle waren versammeltim letzten Sommer. Olivier Cayo sprach wieder das ivorische Französisch, er hatte es vermisst. Und er genoss die Strasse. Die unzähligen «Guten Morgen!» von Bekannten und Unbekannten. Die Freundlichkeit. Er war viel auf dem Markt. Und viel auf Friedhöfen. Da, wo fünf Kollegen ruhen und verstorbene Verwandte. Traurig machte ihn auch die Armut, die er sah. Aber schlimmer noch: «Die Leute sind traumatisiert. Man hört bloss ein scharf bremsendes Auto – sofort ist die Strasse leergefegt.»

Er diskutierte mit Kollegen seines Vaters über Politik und die Rolle der Frau an der Elfenbeinküste. Früher wäre es undenkbar gewesen: Er widersprach ihnen. Sie akzeptierten es, weil sie neugierig waren, mehr über die Schweiz hören wollten. Die Neuigkeiten gefielen ihnen nicht. Dass die Frau nicht den Namen des Mannes annimmt? Unvorstellbar. Cayo zeigte das Schweizer Zivilgesetzbuch, er hatte es mitgenommen. Nach einem Monat war er erschöpft, wollte frühzeitig heim. «Ich gehe nach Hause», sagte er seinen Eltern. Sie waren empört, dass er die Schweiz als sein Zuhause bezeichnete. Sie verstanden ihren Sohn zwar noch immer, teilten seine Ideale, weil sie selbst lange in Europa gelebt hatten. Aber dies verstanden sie nicht.

Ein Leben zwischen zwei Kulturen

Und sie verstanden auch nicht, was er endlich gebraucht hätte: Anerkennung und Mitgefühl. «Nicht immer dieses: Du schaffst das, du bist ein Mann», erklärt Cayo. Er glaubt, dass er in seinem Leben eine gute Mischung zwischen Afrika und Europa schaffen wird. «Ich glaube, es ist möglich, zwischen zwei Kulturen zu leben. Ich nehme einfach das Positive von jedem Land.» Dennoch sagt er: «Integration ist ein grosses Wort. Es bedeutet, dass ich auf einen Teil meiner Identität verzichten muss, um mich zuhause zu fühlen. Das klappte bisher super. Aber ich habe nicht damit gerechnet, was eine Rückkehr an die Elfenbeinküste in mir auslösen würde.» Zwei Monate war er dort. Zurück in der Schweiz sei er zuerst zwei Monate lang «down» gewesen. Der Spagat Europa-Afrika. «Sehr schwierig» sei es gewesen.

Jetzt hält Cayo wieder mit dem schweizerischen Tempo mit. Er ist im 4.Semester seines Jus-Studiums, hat soeben die Zwischenprüfungen bestanden und nach langer Job-Suche eine 50-Prozent-Stelle bei der GE Money Bank in der Betrugspräventions-Abteilung gefunden. Bis jetzt erhielt er Stipendien. Cayo sagt: «Ich will unabhängig sein.»

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