Das Unwetter vor zwei Wochen hat immense Schäden an Gebäuden angerichtet. Das Ausmass macht sich je länger, je deutlicher bemerkbar. Derzeit hat die Aargauische Gebäudeversicherung (AGV) rund 20000 gemeldete Schäden. «Die Anzahl wird aber noch weiter steigen. Viele Betroffene weilen noch in den Ferien», erklärt Peter Flury, Kreisschätzer der AGV. Die az Aargauer Zeitung hat Flury bei seiner Arbeit über die Schultern geschaut.

Flury ist seit 15 Jahren als Kreisschätzer unterwegs und inspiziert die Schäden an Gebäuden im Aargau. Ein so riesiges Ausmass wie beim neusten Unwetter hat aber auch er noch nie gesehen – nicht einmal nach dem Orkan Lothar im Dezember 1999: «Normalerweise bin ich für den Kreis von Buchs bis Lenzburg verantwortlich. Doch da gab es beim Unwetter glücklicherweise wenige Schäden. Darum muss ich nun in Rothrist aushelfen. Alleine hier sind 450 Meldungen eingegangen.»

Vernunft und Geduld sind gefragt

Bei der AGV werden die gemeldeten Schäden so schnell wie möglich inspiziert. Da es so viele gegeben hat, nimmt die Bewältigung aber sehr viel Zeit in Anspruch. Flury arbeitet täglich zwölf Stunden. Nach den Schadensaufnahmen vor Ort kommen zu Hause mindestens fünf bis sechs Stunden administrative Arbeiten hinzu.

«Über 40 Aussendienstmitarbeiter – deutlich mehr als normal – stehen fast pausenlos im Einsatz. Wir versuchen, so schnell wie möglich bei allen Geschädigten vorbeizukommen. Aber die grossen Schäden haben am Anfang Priorität. Eine kaputte Sonnenstore können wir auch später noch aufnehmen, diese Meldungen gehen sicher nicht vergessen», sagt Flury. Als grosse Schäden sind solche deklariert, die über 3000 Franken ausmachen.

Schäden fotografieren

Der 58-Jährige appelliert an die Betroffenen mit Kleinschäden, sich in Geduld zu üben: «Eine gewisse Eigenverantwortung ist dabei auch wichtig. Die Geschädigten sollten und können schadenmindernde Arbeiten sofort ausführen oder in die Wege leiten und nicht warten, bis wir vorbeikommen. Sonst könnte der Schaden noch höher ausfallen.»

Zudem sollten die Betroffenen die Beschädigungen möglichst genau beschreiben und wenn möglich fotografieren. Die Ursache und das Ausmass sind wichtig. «So können wir schneller reagieren und einschätzen, was Vorrang hat und was nicht. Wenn bei der Online-Schadenmeldung nur ‹Sturmschaden› steht, reicht das niemals aus, das Ausmass zu eruieren», erklärt der Kreisschätzer. Eine detaillierte Dokumentation mit Fotos kann zudem zur schnelleren Bearbeitung direkt vor Ort beisteuern.

Feldeinsatz mit dem Kreisschätzer

Mit dem Kreisschätzer geht es morgens um 8.30 Uhr bei einem Einfamilienhaus in Rothrist los. Dort wurde ein Dachfenster weggerissen, das Laminat im Schlafzimmer und das Bett wurden zum Teil komplett zerstört. Flury nimmt alle Details auf und schätzt die Schadensumme ein erstes Mal ein: Es sind rund 5000 Franken. Ein kleiner Beitrag im Vergleich zum nächsten Stopp.

Bei der Firma Flückiger AG im Rothrister Industriegebiet errechnet der Kreisschätzer eine Summe von gegen 33000 Franken. Dort sind mehrere Gebäude vom Sturm betroffen. Unter anderem wurde ein Teil des Daches weggeweht, Keller wurden überflutet und Haupttore eingedrückt. «Drei von zwölf Toren sind neu. Zwei der neuen Tore hat der Sturm eingedrückt. Uns wäre es lieber gewesen, er hätte die alten kaputtgemacht. Aber die waren wohl zu winddurchlässig», schmunzelt Werner Maurer, Leiter Innerer Dienst und Inventar bei der Flückiger AG.

Sieben Einschätzungen à 30 Minuten

Als Nächstes schaut sich Flury den Schaden an einem Wohn-Neubau an. Hier wurde eine Backsteinfassade mitsamt Fenstern vom Wind herausgedrückt und auf das Baugerüst geworfen. Es entstand ein Schaden von rund 25000 Franken. Schon sind zwei Stunden vergangen und Flury hat gerade mal drei Objekte einsehen können. «Wir rechnen mit sechs bis sieben Einschätzungen à 30 Minuten pro Tag. Mehr liegt einfach nicht drin. Denn danach folgt ja noch die Administrativ-Arbeit», erläutert der Schwerstarbeiter Flury.

Und in diesem anstrengenden Rhythmus wird es auch in den nächsten Monaten noch für ihn weitergehen. Trotzdem kann Flury noch lächeln, verabschiedet sich und hetzt zum nächsten Termin.