Pandemie
Die grosse Vorfreude der Wirte: Von Impfprivilegien und Überraschungen bis zum Glück überlebt zu haben

Endlich dürfen sie – unter gewissen Schutzbestimmungen – wieder Gäste empfangen. Cynthia Mira und Daniel Vizentini haben mit Vertretern von sechs Gastrobetrieben gesprochen.

Cynthia Mira und Daniel Vizentini
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Mögliche Impfprivilegien bereiten der Branche Sorgen

Flavio und Fabienne Böll warten auf den Ansturm.

Flavio und Fabienne Böll warten auf den Ansturm.

Bild: ZVG (2017)

Im Gasthof Bad Schwarzenberg in Gontenschwil hofft die Wirtin Fabienne Böll vorerst, dass es in der Branche keine Privilegien für Geimpfte geben wird: «Das wäre ein enormer Aufwand für uns in den Gastbetrieben, wenn wir dies stets bei allen Gästen kontrollieren müssten. Zudem müssten wird jene zurückweisen, die kein Impfzertifikat haben, und das wollen wir nicht», sagt sie.

Dem Öffnungsschritt sieht sie zuversichtlich entgegen: «Wir versuchen wieder in den Normalbetrieb zu wechseln und freuen uns. Auch die Auswahl der Speisen auf der Karte wird wieder grösser.» Zudem würden vermehrt kleinere Anlässe mit rund 20 Personen stattfinden. Die Leute seien mit den Reservationen aber eher noch zurückhaltend. «Wir werden im Moment erst noch gefragt, ob bereits angerufen und ein Tisch im Innenbereich reserviert werden kann.» Sie hatten in den letzten Wochen zwar immer offen, aber bei schlechtem Wetter mussten sie teilweise auch einfach warten, ob überhaupt Gäste kommen. Sie hätten die Zeit aber gut überbrückt, wobei fast nur sie als Familie gewirtet hätten. Das gesamte Personal war in Kurzarbeit.

Das «Pöstli» sucht bereits neue Mitarbeitende für die Küche

Die Wirte Eylem und Ahmet Sengül.

Die Wirte Eylem und Ahmet Sengül.

Der zweite Lockdown traf das Restaurant Post – der letzte grössere Gastrobetrieb in Unterentfelden – hart, die Schulden häuften sich. Dank einer grossen Solidaritätswelle konnten aber mittels Online-Crowdfunding rekordverdächtige 53300 Franken gesammelt werden (die AZ berichtete). Alle Schulden wurden auf einem Schlag beglichen, das Wirtsehepaar Eylem und Ahmet Sengül war überglücklich und überwältigt von der tatkräftigen Mithilfe der vielen Freiwilligen im Dorf.

Ab Dienstag öffnet das Restaurant nun mit normalem Betrieb wieder, laut Ahmet Sengül seien bereits die ersten Reservationen eingegangen. Der Versuch, in den letzten Wochen die Kunden draussen zu bedienen, lief wegen des schlechten Wetters eher schlecht als recht. Dafür fand das Take-away-Angebot in den letzten Monaten unerwartet grossen Anklang. Dieses will das Wirtepaar deshalb künftig beibehalten. Auch deshalb dürften die zwei Arbeitsstellen, die im «Pöstli» gestrichen werden mussten, wiederhergestellt werden: Vor allem für die Küche suchen die Sengüls bereits Unterstützung. «Auch ohne Erfahrung – das Pizza-Machen kann man gut lernen», sagt Ahmet Sengül unkompliziert.

Alle 100 Arbeitsstellen konnten gerettet werden

Fredy Bruder führt drei «Mac»-Filialen in der Region.

Fredy Bruder führt drei «Mac»-Filialen in der Region.

Bild: san (2.10.19)

Gefragt danach, was für ihn derzeit das Wichtigste sei, antwortet Fredy Bruder ziemlich rasch: «Dass wir als Menschen wieder positiver in die Zukunft blicken und mehr Lebensfreude ausstrahlen können.» Der Lizenznehmer und Geschäftsführer der McDonald’s-Restaurants in Aarau, Schafisheim und Kölliken (bei der Autobahn) kann – wie alle seine Branchenkollegen – auf schwierige Monate zurückblicken. Nicht nur das Geschäft litt, auch die Menschen reagierten allgemein gereizter, wenn etwas mal nicht so lief wie erwartet. Gerade wer in direktem Kontakt mit Kunden stehe, bekomme die allgemeine Grundstimmung stark zu spüren. «Ich freue mich deshalb auf mehr Entspannung und Lockerheit von allen Seiten.»

Immerhin gehörte McDonald’s zu den wenigen Gastrobetrieben, die dank Drive-in-Möglichkeit in Schafisheim nicht gänzlich schliessen mussten. Die gut 100 Arbeitsstellen konnten dank dreimonatiger Kurzarbeit alle erhalten bleiben. Seit April stehen alle Mitarbeitenden wieder im Einsatz. In Aarau war bis dann wegen der geschlossenen Läden oder der Homeoffice­pflicht eher wenig los. Doch kaum durften die Aussenplätze wieder bedient werden, waren diese stets voll besetzt. «Da haben wir extrem gemerkt, wie sich die Menschen auf eine Öffnung freuen.»

Ab Montag wird nun auch das unstabile Wetter kein Hindernis mehr für einen Besuch im «Mac» sein. «Wir erwarten viele Kunden.» Vom Angebot her können sie in Aarau zum Beispiel auf Rabatte zählen: Wer dort etwa ein Medium-Menu bestellt, erhält eine Glace oder eine Schachtel Chicken Nuggets günstiger dazu. Und an Tagen, an denen die Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-EM spielt, werden Fredy Bruders McDonald’s-Filialen, wie schon in Vorjahren, Hamburger für einen Franken anbieten.

Esswaren im Wert von 300 Franken landen nicht mehr im Abfall

Ettore Nino Panciotto vor seiner Gaststube, 2019.

Ettore Nino Panciotto vor seiner Gaststube, 2019.

Bild: MIK

«Endlich können wir mit unseren Gästen wieder konkret über grössere Reservierungen sprechen, zum Beispiel über die Planung einer Geburtstagsfeier», sagt Ettore Nino Panciotto. Er führt das Restaurant Homberg in Reinach. Bis anhin sei alles immer nur provisorisch und auch wetterabhängig gewesen. «Nach dem komplizierten Start in den Frühling freuen sich auch die Gäste, denn bei uns ist ein Besuch oft mit einem Ausflug verbunden», sagt er.

In den letzten Wochen haben vor allem er und seine Frau gewirtet. Ein Problem an der Situation sei gewesen, dass nach zwei Tagen Regenwetter auch Esswaren in der Höhe von rund 300 Franken nicht mehr verwendet werden konnten. Dazu gehörten Salate oder Aufschnitt. Aber: «Es wäre falsch gewesen, wenn wir in dieser schwierigen Zeit unsere Terrasse nicht aufgemacht hätten, obwohl dies aus der Sicht der Buchhaltung anders aussieht.»Aber Panciotto sieht es generell positiv: «Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir zufrieden, gerade auch mit dem, was uns an staatlichen Unterstützungsgeldern offeriert wurde.»

Der Pöstler brachte die einzigen fünf Franken Umsatz

Nicht nur die Gäste haben Grund zum Lachen: Bei Peter Bernhard (stehend) läuft wieder mehr.

Nicht nur die Gäste haben Grund zum Lachen: Bei Peter Bernhard (stehend) läuft wieder mehr.

Bild: mir

«Die Anzahl der Reservierungen für die kommenden Tage ist schon jetzt wunderbar», sagt Peter Bernhard in seinem Restaurant Juraweid in Biberstein. Er führt die Gaststube gemeinsam mit seiner Frau Carmen. «Wir sind froh, dass wir wieder drinnen servieren dürfen.»

Gestern stand zwar der Idylle, die der Ort versprüht, auf der Terrasse nichts im Weg. Ein herrlicher Ausblick auf die Stadt Aarau bot sich den Gästen, die zum Mittagessen kamen. Während der Hahn im Gehege des Hofes nebenan krähte, servierte Carmen Bernhard ein Menü nach dem anderen. So gut wie alle Plätze waren besetzt. Sobald die Sonne scheint, herrscht auf der Terrasse viel Betrieb.

Aber: Das Wirtepaar blickt auf durchzogene Wochen zurück: «Es gab einen Tag, da hatten wir einen Umsatz von genau 5 Franken, weil der Pöstler einen Kaffee nahm», sagt Peter Bernhard und lacht dabei. Dann habe es wieder andere Tage gegeben, an denen die Gäste immer wieder neuen Gästen Platz machen mussten. So zum Beispiel am Muttertag. Der Betrieb auf der Terrasse lohne sich nur bei gutem Wetter. Der Fall sei klar: «Wenn die Sauce auf dem Teller schon nach kurzer Zeit wegen der Kälte halb einfriert und fest wird, dann ist das bei einem Abendessen eher unschön», sagt er.

Besonders freue es ihn, dass das Einkaufen wieder einfacher werde. «Wir rüsten das Gemüse jeden Tag frisch und stellen die Saucen selber her, das machte das Planen mühsam.» Ein Highlight auf der Karte wird im Juni ein zartes Stück Angus Beef auf heissem Stein sein.

Migros verspricht Überraschung

Von der Zwangsschliessung betroffen war natürlich auch das Migros-Restaurant im Wynecenter Buchs. Die Vorfreude auf die Öffnung sei laut Mediensprecherin Andrea Bauer entsprechend gross seitens Kundschaft und des Personals. Ganz ohne Rückschläge kam aber auch die Migros nicht durch den Einnahmeausfall der letzten Monate, selbst wenn das Take-away-Angebot geschätzt und genutzt wurde: Der Personalbestand habe im Vergleich zu früher «leicht abgenommen». Um wie viele Stellen genau, sagt Bauer nicht. Das Angebot des Restaurants aber werde ab Montag wieder das gleiche sein wie vor dem Lockdown, samt kleiner Überraschung für die Gäste. «Wir hoffen, dass diese Öffnung nun von Dauer ist und sich die epidemiologische Lage weiterhin gut entwickelt.»