Ein krasser Widerspruch, mit relativ wenig Wasser doch mehr Strom produzieren zu wollen, zumindest auf den ersten Blick. Aber die 28 grossen Kraftwerke an Aare, Limmat, Reuss und Rhein haben 2010 genau dieses Wunder vollbracht: Die kumulierte Strommenge stieg von 4904 auf 5445 Gigawattstunden oder von 94 Prozent im schwachen Vorjahr auf immerhin 106 Prozent.

Bei genau 100 Prozent Wasserabfluss des langjährigen Mittels im Rhein und nur 90 Prozent in der Aare spricht Pierre-Yves Christen, Leiter der Sektion Gewässernutzung im BVU, von «relativ bescheidenen Abflüssen». Aber der Ausbau durch eine riesige Dotierturbine am Rheinufer bei Leibstadt für das Kraftwerk Albbruck-Dogern und vor allem Neu-Rheinfelden haben markante Sprünge um 43 und 68 Prozent nach oben gemacht. Insgesamt kletterte die Strommenge aus den vier Flüssen auf 106 Prozent.

Massive Zunahme in Rheinfelden

Durch Ausbauten von Kraftwerken steigt die Produktion kontinuierlich an, aber so grosse Sprünge wie in Rheinfelden sind selten. Die Produktion ist hier von 185 auf 310 Millionen Kilowattstunden (kWh) gestiegen, für 2011 klettert sie auf zirka 600 Millionen kWh. «Die nutzbare Wassermenge ist mit dem Ausbau von 600 auf 1500 Kubikmeter pro Sekunde und das Gefälle von rund 6 auf 9 Meter erhöht worden», kommentiert Christen den grossen Sprung. Neubauten und Ausbauten sind weitere geplant, für die Kraftwerke Rüchlig, Aarau, und Beznau an der Aare sowie die Aue in Baden und die Schiffmühle an der Limmat in Untersiggenthal. Sie sind aber alle nicht mit einer markanten Steigerung der Leistungen verbunden.

Von den acht grossen Kraftwerken am Rhein hat sich Albbruck-Dogern mit 831 Millionen kWh noch deutlicher an die Spitze gesetzt, vor Ryburg-Schwörstadt mit 752 Millionen kWh, Laufenburg mit 654 Millionen kWh und Säckingen mit 486 Millionen kWh.

Die Standorte Augst, Wyhlen und Reckingen haben deutlich tiefere Produktionen. Neben der durchfliessenden Wassermenge hat die Stromerzeugung vor allem mit dem Gefälle zu tun. Das führt auch primär zu den grossen Unterschieden an der Aare: Das Kraftwerk Klingnau kommt auf 211 Millionen kWh, Beznau mit Wehrturbine auf 154, Wildegg-Brugg 290, Rupperswil-Auenstein 197, Rüchlig 50, Kraftwerk Aarau 104, Olten-Gösgen 290 und Ruppoldingen 107 Millionen Kilowattstunden.

Spitzenreiter an der Limmat ist mit grossem Abstand das Wasserkraftwerk Wettingen der Stadt Zürich, das dank dem gigantischen Gefälle von 21 bis 23 Metern 141 Millionen kWh Strom produziert hat.

Als nächstgrösste kommen Kappelerhof, Aue Baden und Schiffmühle, während Gebenstorf, Turgi und Stroppel viel weniger des sauberen Wasserstroms erzeugten. Weit abgeschlagen befindet sich das Kraftwerk Öderlin mit nur 520000 Kilowattstunden – aber das sind 30 Prozent mehr als üblich.

An der Reuss dominiert das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon der AEW Energie AG mit 108 Millionen kWh, Windisch kommt auf 10 Millionen Kilowattstunden, Bruggmühle Bremgarten auf einen Viertel davon.

Nicht jedes Wässerlein verbauen

An den mittelgrossen Gewässern Aabach, Suhre, Murg und Wigger hat es teilweise Kanäle mit Stromerzeugung, «aber wir wollen keine Kraftwerke an der Surb und an der Bünz». Das sagt Urs Egloff von der Gewässernutzung im BVU. Mit einer gewissen Mindestnutzung will der Aargau verhindern, dass noch jedes kleine Wässerlein gestaut wird.

Denn sehr oft werden damit die teuren ökologischen Aufwertungen torpediert oder zunichte gemacht – obwohl meist nur ein paar Kilowattstunden resultieren. Finanziell lohnt es sich oft nur dank der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) des Bundes.

Aktuell extrem tiefe Pegelstände

Derzeit sind im Wasserschloss, am Zusammenfluss von Reuss, Limmat und Aare, fast mehr Kiesbänke als Wasserflächen zu sehen. Der Durchfluss liegt bei den Jahres-Tiefstwerten, mit 46 Kubikmetern pro Sekunde in der Reuss bei Mellingen und 60 Kubikmetern in der Limmat bei Baden. Die Aare bringt in Murgenthal 128 und in Brugg nur 151 Kubikmeter, der Rhein bei Rheinfelden schäbige 600 Kubikmeter pro Sekunde.

Wenig über den Minimalpegeln sind auch Bielersee, Zürichsee und Vierwaldstättersee. Ohne intensive Regengüsse ist im Aargau bis zur Schneeschmelze mit halbtrockenen Flüssen zu rechnen.