Schulden

«Mit Kindern über Geld reden, bevor erster Lehrlingslohn kommt»

Andrea Fuchs, zuständige Fachfrau für Prävention bei der Schuldenberatung Aargau-Solothurn. Foto: Chris Iseli

Andrea Fuchs, zuständige Fachfrau für Prävention bei der Schuldenberatung Aargau-Solothurn. Foto: Chris Iseli

38 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in der Deutschschweiz haben Schulden. Bei jedem 10. liegen die Schulden gar über 2000 Franken. Woran das liegt und wie man Schulden vermeiden kann, erklärt Andrea Fuchs.

«Eltern sollten mit ihren Kindern über Geld reden, bevor der erste Lehrlingslohn auf dem Konto liegt», sagt Andrea Fuchs. Sie arbeitet bei der Schuldenberatung Aargau-Solothurn und ist zuständig für die Schuldenprävention. «Jede 7. Person gibt heute mehr Geld aus, als sie monatlich einnimmt. Die Tendenz, Geld auszugeben, bevor man es hat, führt allzu oft in eine eigentliche Schuldenspirale.»

Andrea Fuchs macht auf zwei kritische Lebenssituationen aufmerksam: Die Übergänge von der Schule in die Lehre und von der Lehre ins Berufsleben sind sehr heikel», sagt sie. «Mit dem Eintritt in die Lehre verfügen Jugendliche plötzlich über viel Geld. Damit können viele von ihnen nicht umgehen. Sie geben ihren Lehrlingslohn mit vollen Händen aus. Die Ansprüche steigen, bald reicht der Lohn doch nicht mehr aus und die Jugendlichen machen Schulden – meistens zuerst innerhalb des Familien- oder Freundeskreises.» Es sei besonders wichtig, dass die Eltern noch vor Lehrbeginn mit den Jugendlichen über den Lohn sprechen würden, betont die Präventionsfachfrau. In der Freude über den erfolgreich abgeschlossenen Lehrvertrag und die letzten grossen Sommerferien werde das Thema Geld häufig ganz einfach vergessen.

Aber: «Die Jugendlichen müssen begleitet werden, sie sollten ein Budget erstellen und Vereinbarungen treffen, wofür sie mit ihrem Lohn künftig selbst aufkommen müssen», hält Andrea Fuchs fest. «Oftmals hinken aber die Eltern mit ihren Anliegen und Erziehungsabsichten der Zeit hinterher und die Jugendlichen sind sich schon daran gewöhnt, ihren Lehrlingslohn nach Lust und Laune auszugeben.»

Geldausgeben sei eine emotionale Sache

Ganz ähnlich funktioniert es auch, wenn die jungen Erwachsenen die Lehre abgeschlossen haben und einen «richtigen» Lohn erhalten. «Das ist oft der Zeitpunkt, in dem die Jungen zu Hause ausziehen und wirklich selbstständig werden», weiss Andrea Fuchs. «Und da haben sie plötzlich 3000 oder 4000 Franken monatlich zur Verfügung, unglaublich viel Geld auf den ersten Blick, mit dem man sich scheinbar alles leisten kann.» Wenig Ahnung haben die jungen Berufsleute indessen davon, welche finanziellen Verpflichtungen sie zu erfüllen haben. «Sie vergessen leicht, dass sie auch Steuern und Versicherungsprämien, Strom, Heizung, Zahnarzt, Reparaturen und Weiteres mehr berappen müssen.»

Geldausgeben sei eine emotionale Sache, meint Andrea Fuchs. «Der Bauch sagt: Das muss ich unbedingt haben. Das rationale Denken tritt da gerne in den Hintergrund.» Beispielsweise, wenn es um die Anschaffung eines Autos geht. «Ein Auto kostet – wenn man es richtig rechnet mit Versicherung, Reparatur und Amortisation – schnell 700 Franken im Monat; kommt noch ein Leasing-Vertrag dazu, wird es mit noch 200 Franken mehr monatlich richtig teuer», warnt Andrea Fuchs. Darum betont sie ein weiteres Mal: «Nur Geld ausgeben, das man hat. Leasing ist immer teurer als bar bezahlen.» Es gibt noch andere hilfreiche Faustregeln. Etwa die, dass eine Wohnung samt Nebenkosten nicht mehr als 25 Prozent des Lohnes beanspruchen dürfte. Oder: Dass man von jedem Monatslohn gleich einen Teil an die Steuern einzahlen sollte oder dass man sich ganz einfach ab und zu fragen müsste: «Brauche ich das wirklich?»

Andere Optik

Im Zusammenhang mit Geld habe sich die Optik in den letzten Jahrzehnten stark verändert, erklärt Andrea Fuchs. «Sparen ist nicht hip, ein Bankkredit ist innert 30 Minuten erhältlich und mit Werbeslogans wie ‹Bleibe jung – zahle nie› werden Junge geradezu zum Schuldenmachen verführt», sagt die Fachfrau. «Junge Leute entscheiden sich oft sehr kurzfristig, werden von einer Laune oder einem Trend geleitet und geraten so in langfristige Verträge, denen sie auf die Dauer nicht gewachsen sind.»

Den richtigen Umgang mit Geld kann man lernen und er sollte eigentlich schon früh zur Erziehungsarbeit gehören. Doch es reiche nicht aus, den Kindern einfach ein Sackgeld zu geben. «Kinder sollen erfahren, was das Leben kostet und wie Erwachsene mit Geld umgehen», meint Andrea Fuchs. «Jugendliche ab der Oberstufe sollten die Möglichkeit erhalten, ihr Geld selber einzuteilen. Mit einem Jugendlohn, der mehr ist als ein Taschengeld. Damit wird den Jugendlichen die Verantwortung für einen Betrag gegeben, mit dem sie nicht nur Ausgang und Vergnügen finanzieren, sondern auch für notwendige Anschaffungen und Ausgaben – wie etwa Kleider und Veloreparaturen – aufkommen müssen.» Mit dem Modell «Jugendlohn» werden die Autonomie und die Selbstverantwortung gefördert – und damit die Gefahr entschärft, blauäugig in die Schuldenspirale zu geraten.

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