Baden

Mit ganzem Herzen für die Kinder: Nach 30 Jahren wird Pionier Markus Wopmann als Chefarzt pensioniert

Markus Wopmann mit seiner Frau Carmen bei der Wahl des Aargauers des Jahres 2018 .

Markus Wopmann mit seiner Frau Carmen bei der Wahl des Aargauers des Jahres 2018 .

Der engagierte Kinderarzt geht als Chef der Badener Kinderklinik in Pension. 2017 wurde er wegen seiner Pionierarbeit im Kinderschutz als Aargauer des Jahres ausgezeichnet.

«Ich gehe immer noch gerne zur Arbeit», sagt Markus Wopmann. «Ich bin dankbar, einen so spannenden und vielseitigen Beruf zu haben.» 30 Jahre lang war er Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonsspital Baden (KSB). Am 1. Mai hat Wopmann das Chef-Zepter seinem Nachfolger Guido Laube übergeben. Ganz pensioniert ist der 65-jährige Würenloser aber noch nicht: Bis Ende Oktober arbeitet er noch weiter als Arzt an der Kinderklinik.

Für seine Verdienste um den Kinderschutz wurde Markus Wopmann 2017 zum Aargauer des Jahres gewählt. Die Auszeichnung sei ein sehr schöner, emotionaler Moment gewesen, sagt er im Gespräch am Telefon. «Es war eine grosse Freude. Einerseits für mich persönlich, aber vor allem auch für die Sache, für die ich kämpfe.» Das Thema habe mit dem NAB-Award neue Aufmerksamkeit erhalten. Markus Wopmann gilt als Pionier im Kinderschutz.

Vom Aushilfslehrer zum Chefarzt

Seine erste Stelle trat Wopmann, der in Urdorf aufgewachsen ist, mit knapp 19 Jahren allerdings nicht als Arzt, sondern als Primarlehrer im appenzellischen Walzenhausen an. «Mit nichts als der Matur in der Tasche. Der Lehrermangel muss gross gewesen sein», erzählt er und lacht. Die Arbeit mit den Kindern habe ihm damals schon Freude gemacht, aber trotzdem habe er sich für ein Medizinstudium entschieden.

Er studierte in Zürich, danach arbeitete Wopmann zunächst in der Psychiatrie. Der tragische Fall einer psychisch kranken, jungen Frau, die ihr Baby tötete, brachte ihn zum ersten Mal mit dem Thema Kindsmisshandlung in Berührung. Die Fachausbildung zum Kinderarzt führte ihn dann ans Zürcher Kinderspital.

Schon in Zürich war Wopmann von Anfang an dabei gewesen, als in den Achtzigerjahren eine Gruppe aufgebaut wurde, um den Schutz der besonders verletzlichen Patienten zu verbessern. Ausser am Berner Inselspital gab es das damals noch nicht in der Schweiz. Nach seinem Wechsel ans KSB gründete Wopmann 1991 mit einigen Mitstreitern die Kinderschutzgruppe Baden. Wenige Jahre später institutionalisierte der Aargau den Kinderschutz als einer der ersten Kantone.

Seit 2011 ist Wopmann auch Präsident der Fachgruppe Kinderschutz der Schweizerischen Kinderkliniken. Die systematische, schwere körperliche Züchtigung habe zum Glück stark abgenommen, erzählt er. Zum einen weil sich das gesellschaftliche Wertebild geändert habe, aber auch weil es strafrechtlich strenger verfolgt wird.

«Die schönen Momente überwiegen trotz allem»

Gewalt an Kindern, auch sexueller Missbrauch, werde leider nie ganz verschwinden, sagt Markus Wopmann. Aber es gebe ein Umdenken, viele Eltern seien besser aufgeklärt. Zum Beispiel auch über das hochgefährliche Schütteln von Babys: Auf dieses Thema machte Wopmann im Jahr 2000 mit einem Präventionsvideo aufmerksam. Das Video bekam eine ungeahnte Aufmerksamkeit im ganzen deutschsprachigen Raum, nachdem ein prominenter Bergsteiger aus Verzweiflung sein Baby zu Tode geschüttelt hatte.

«Manche Fälle berühren einen sehr», sagt Wopmann. «Aber die schönen Momente überwiegen. Wenn man einem Kind helfen kann, den Eltern helfen kann.» Der Kontakt mit den Eltern sei als Kinderarzt nicht immer nur einfach. «Das hat sich jetzt in der Coronakrise erstaunlicherweise markant gebessert», sagt er. Viele Eltern seien noch dankbarer und verständnisvoller als sonst. Was die Pandemie aber ebenfalls mit sich bringe, ist der drastische Rückgang an «regulären» Patienten, den die meisten Kliniken derzeit feststellen.

«Glücklicherweise hatten wir in der Schweiz kein einziges Kind, das Covid-19 hatte. Die Notfallzahlen sind bei uns aber auf weniger als die Hälfte zusammengefallen», so Wopmann. «Wir machen uns Sorgen, dass es Kinder gibt, die zu spät oder gar nicht behandelt werden.» Der dringende Appell deshalb: «Die Eltern sollen zum Arzt oder zu uns ins KSB kommen, wenn mit einem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Es gibt kein Risiko, sich im Spital mit dem Coronavirus anzustecken.»

Reiseziel Kolumbien, wenn es wieder möglich ist

Ausgleich im Alltag findet Wopmann im Sport. Im Tennis etwa, oder im Laufsport, den er oft zusammen mit den beiden erwachsenen Söhnen betreibt. Er habe viele Ideen für die Zeit nach der Pensionierung. «Meine Frau und ich sind zum Glück gesund, wir möchten wieder mehr reisen, wenn es wieder möglich ist.» Seine Frau Carmen ist Halb-Kolumbianerin. Das nächste grössere Reiseziel soll deshalb Kolumbien sein.

Auf seine Zeit als Kinderarzt schaue er sehr gerne zurück. Neben den von Gewalt betroffenen Kindern hat Markus Wopmann hunderte Kinder und Jugendliche als reguläre Patienten betreut. Viele von ihnen über Jahre. Ende Oktober wird es am KSB eine kleine Abschiedsfeier für ihn geben, dann wird Wopmann einen Monat lang einfach frei machen.

Über seinen Nachfolger Guido Laube sagt er: «Ich freue mich, dass er die Klinik übernimmt. Wir verstehen uns sehr gut. Er wird ein guter Chef sein.» Aber ganz loslassen wird ihn sein Beruf nicht: Ab dem Herbst wird Markus Wopmann ein kleines Beratermandat übernehmen. Und er möchte sich mit einem Weiterbildungskurs für angehende Kinderärztinnen und -ärzte im Kinderschutz engagieren. «Das Thema bleibt meine Herzenssache», sagt er.

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