Aargau
«Mister Disziplin» hilft gestressten Lehrkräften

Der aargauische Lehrerdachverband hat das Thema «schulische Disziplin» ans Licht gezerrt. Jürg Rüedi, Professor an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, unterstützt ihn dabei. Im Interview spricht er über Disziplin im Klassenzimmer

Hans Fahrländer
Drucken
Teilen
November 2012: Jürg Rüedi referiert zum Thema schulische Disziplin an der Neuen Kantonsschule Aarau. (HO)

November 2012: Jürg Rüedi referiert zum Thema schulische Disziplin an der Neuen Kantonsschule Aarau. (HO)

Eine Belastungsstudie hat gezeigt: Am meisten gestresst fühlen sich Aargauer Lehrpersonen durch «schwierige», undisziplinierte Kinder und Jugendliche. Wundert Sie das?

Professor Jürg Rüedi: Nein, das wundert mich nicht. Das Ergebnis der Aargauer Studie wird durch zahlreiche Untersuchungen aus anderen Kantonen und anderen Ländern gestützt.

Nun nimmt sich der Aargauische Lehrerinnen- und Lehrerverband (alv) des Themas an: Er setzt «schulische Disziplin» an die Spitze seiner «bildungs- und standespolitischen Forderungen». Kann man denn Disziplin verbandspolitisch einfordern?

www.disziplin.ch führt direkt zu Jürg Rüedi

Wer im Internet die Adresse «www.disziplin.ch» eingibt, landet bei Jürg Rüedi. Der im Thurgau aufgewachsene Erziehungswissenschafter ist offenbar eine Art «Mister Disziplin» der Schweizer Bildungsszene. Er ist Dozent für Pädagogische Psychologie am Institut Primarstufe der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Sein Hauptarbeitsort ist Liestal, er reist mit seinen Lehrveranstaltungen aber auch an die anderen Standorte der PH Nordwestschweiz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Klassenführung, Unterrichtsstörungen, Sozialisation und Gesundheit von Lehrpersonen. Rüedi ist Autor mehrerer Bücher. Zum Beispiel: «Disziplin in der Schule - Plädoyer für ein antinomisches Verständnis von Disziplin und Klassenführung». Oder: «Wie viel und welche Disziplin braucht die Schule? Plädoyer für eine vernünftige Klassenführung». Vor dem Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (alv) hielt Rüedi jüngst ein viel beachtetes Referat zum Thema.» (FA)

Zunächst: Ich finde es gut, dass sich der alv dieses Themas annimmt. Die Gefahr des Scheiterns einzelner Lehrerinnen und Lehrer ist ein Kernthema für unsere Schule und für unsere ganze Gesellschaft. Der Verband stellt ja nicht einfach Forderungen, er nähert sich dem Thema sorgfältig an, hat zum Auftakt ein gutes, differenziertes Positionspapier verfasst. Und es ist auch nicht abwegig, das Thema unter die Standespolitik einzureihen. Disziplin im Klassenzimmer hat ja auch etwas mit dem Berufsauftrag, mit Ressourcen, mit zur Verfügung gestellter Zeit zu tun.

Bis in die 60er-Jahre wurde Disziplin in der Schule rigoros gefordert und mit Strafen, auch mit körperlichen, durchgesetzt. Dann kam die 68er-Bewegung und stellte Autoritäten, auch die des Lehrers, radikal infrage. Stimmt diese verkürzte Darstellung?

Sie ist schon verkürzt. Disziplinarprobleme mit Schülerinnen und Schülern gibt es nicht erst seit 1968. Klagen über die wilde Jugend und unangemessenes Schülerverhalten lassen sich über Jahrhunderte zurückverfolgen, bis zu Sokrates. Man kann zudem nicht von einem plötzlichen, im Jahr 1968 eintretenden Ereignis reden. Vielmehr setzte Ende der 60er-Jahre, in der Schweiz etwas verzögert, eine Entwicklung in zahlreichen Lebensbereichen und eben auch in der Pädagogik ein, die bis in die Gegenwart andauert. Und diese Entwicklung war nicht einfach negativ, indem quasi «die Disziplin verluderte». Sie war in vielem positiv.

Zum Beispiel?

Durch das Verbot von körperlichen Strafen wurde die Schule humaner, angstfreier, was dem Lehr- und Lernklima nur förderlich ist. Wir verachten heute Gewalt in der Gesellschaft in jeder Form, da hat auch die Ohrfeige oder der Rohrstock des Lehrers keinen Platz mehr. Lehrerinnen und Lehrer werden heute vermehrt auch als Ratgeber statt als Zuchtmeister wahrgenommen. Kinder und Jugendliche getrauen sich mehr als wir uns getraut haben, vergreifen sich ab und zu im Ton – aber sie sind nicht generell disziplinlos.

Aber die Pendelbewegung in die antiautoritäre Richtung war mancherorts schon stark, Stichwort «Kuschelschule». Bewegen wir uns heute in Richtung eines dritten, mittleren
Weges?

Tendenziell ja. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass zum Schule-Geben nicht nur die emotionale Wärme und die Akzeptanz des Kindes gehören, sondern auch das Lenken, die Kontrolle und das Grenzen-Setzen. «Du musst halt härter durchgreifen» ist selten ein gutes Rezept bei disziplinarischen Problemen mit einer Klasse. Nachgeben und «Laisser-faire»-Konzepte taugen aber auch nicht.

In Asien dominiert vielerorts noch die Paukerschule. Einige Länder, Südkorea etwa oder Singapur, haben es damit an die Spitze der Pisa-Rangliste geschafft.

Die Frage ist: Was ist der Preis dieses Drills? Wird da nicht die Kindheit geopfert? Erinnern wir uns an Bilder zum Beispiel von Sportanlässen, wie junge Asiaten auf das eine Ziel hin gedrillt werden. Verfehlen sie es, sind sie am Boden zerstört. Da wird ein wahnsinniger Druck aufgebaut. Auf der Strecke bleibt die Unbeschwertheit, das Lebensglück. Die Schule sollte das Kind ins Zentrum stellen, nicht seinen unbedingten Erfolg. Auch Finnland steht an der Spitze der Pisa-Rangliste. Da gelten ganz andere Werte, zum Beispiel die gemeinsame Schulung aller Kinder in den ersten neun Jahren.

Vor ein paar Jahren sorgte ein Buch des süddeutschen Pädagogen und Internatsleiters Bernhard Bueb für Furore: «Lob der Disziplin». Wie erklären Sie sich dieses Aufsehen? Sprach da einer aus, was viele dachten?

Wo es Probleme gibt – und die gibt es fraglos in der Schule von heute –, da reizen einfache Lösungen. Ich habe mich mit Herrn Bueb intensiv auseinandergesetzt, bin ihm auch einmal auf einem Podium begegnet. Seine Empfehlung ist die Rückkehr zu früheren Rezepten, zum Gehorsam, zur Unterordnung. Gerade in Deutschland finde ich das heikel. Ich würde es so sagen: Bueb greift ein wichtiges Thema auf, aber der Weg, den er empfiehlt, der «Weg zurück», ist untauglich.

Viele Lehrpersonen beklagen sich heute, sie müssten die Kinder «nacherziehen», nachholen, was das Elternhaus verpasst hat.

Das höre ich auch. Man muss die Kinder lehren, Erwachsenen «Sie» zu sagen, «Danke» und «Bitte» zu sagen, zum Material Sorge zu tragen. Es gibt Elternhäuser, in denen diese Dinge offenbar nicht gepflegt werden – aber längst nicht in allen.

Es gibt nicht nur die Eltern, die sich zu wenig um den Nachwuchs kümmern, es gibt auch das Gegenteil davon: Eltern, die für ihren «Prinzen», ihre «Prinzessin» alles fordern und die Disziplinierungsbemühungen der Lehrerin unterlaufen.

Ja. Eltern sollten Interesse zeigen an der Entwicklung des Kindes, aber der Lehrkraft nicht im Detail dreinreden. Taucht ein Problem auf, sollten sie sich mit der Lehrkraft absprechen und nicht eigenmächtig vorgehen.

Viele Lehrpersonen beklagen sich auch über die Fahrigkeit und die Unkonzentriertheit vieler Kinder, hauptsächlich verursacht durch die neuen Medien.

Die neuen Medien können tatsächlich ein Problem darstellen. Ich bin der Meinung, das Handy gehört im Unterricht versorgt. Der angemessene Umgang mit Medien muss heute ein Unterrichtsziel sein. Es kommt ja auch vor, dass sich Jugendliche im Internet eine Art Scheinwelt aufbauen, den Bezug zur Realität verlieren. So gibt es im Netz falsche Vorbilder von Männlichkeit. Aber auch hier warne ich vor Verallgemeinerung.

Hat «Disziplin im Klassenzimmer» im Lehrplan der Pädagogischen Hochschule einen hohen Stellenwert?

Ja. Die Pädagogische Hochschule Nordwestschweiz legt viel Gewicht auf das Thema Klassenführung. Wie geht man mit einer Klasse um? Wie geht man mit Störungen um? Das wird zuerst in der Theorie behandelt und dann ausführlich in der Praxis geübt.

Konkret: Was empfehlen Sie einer Lehrperson bei disziplinarischen Problemen?

Sie muss eine gewisse Sicherheit ausstrahlen und auch einmal einen Spass ertragen. Sie muss eine Linie haben, Kinder und Jugendliche sind froh darum.

Strafen verboten?

Sicher muss man auf Regelverstösse reagieren und nicht wegschauen. Aber Blossstellungen verfehlen das Ziel, es darf nicht sein, dass einfach «der Mächtigere» gewinnt. Schulgesetze bevorzugen oft den Begriff «Massnahmen» statt «Strafen». So ist es erlaubt, einen Störenfried vorübergehend aus der Klasse zu entfernen. Eine Massnahme sollte nachvollziehbar und nicht willkürlich sein.

Aktuelle Nachrichten